Kultur : Hereinspaziert bei Familie Khan

„East is East“ war hochpolitisch – der Nachfolger „West is West“ führt in ein Märchen-Pakistan.

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Unheimliche Begegnung der zweiten Art. Sajid (Aqib Khan) mit Ziege. Foto: koolfilm
Unheimliche Begegnung der zweiten Art. Sajid (Aqib Khan) mit Ziege. Foto: koolfilm

„Wir sind alle Teil derselben Geschichte.“ Dieser Satz, mit dem ein alter Sufi den störrischen Teenager Sajid in orientalische Spiritualität einführt, macht sich perfekt in einem Fortsetzungsfilm. Denn genau das ist es, was Fans sich wünschen: dieselbe Geschichte noch mal, bittschön, unter leicht veränderten Vorzeichen und mit möglichst identischem Personal. „East is East“ hieß der Überraschungshit über die englisch-pakistanische Familie Khan, nach zwölf Jahren kommt nun „West is West“ ins Kino.

Zwischen der Handlung der beiden Filme liegen allerdings nur fünf Jahre, in denen viel passiert ist: Von den sieben Khan-Geschwistern wohnt nur noch Sajid, der Jüngste, zu Hause, die anderen sind zügig dem Einzugsbereich des tyrannischen Vaters entflohen. Anderes ist beim Alten geblieben: Der pakistanische Patriarch George und seine englische Frau Ella betreiben ihren Fish-and-ChipsLaden im nordenglischen Salford, und Sajid wird zwischen dem Wunsch nach Anpassung und den traditionellen Werten seines Vaters zerrieben.

Gravierender als der Zeitsprung im Film sind allerdings die zwölf realen Jahre, die zwischen beiden Filmen vergangen sind. Die unwiderstehliche Unbefangenheit, mit der „East is East“ mit dem Islam und kulturellen Konflikten wie Homosexualität, Beschneidung und arrangierten Ehen umging, wirkt heute wie aus einer fernen Zeit. Zu sehr sind zeitgenössische Komödien, wenn sie sich interreligiöser Probleme annehmen, von Klischees und einer zwanghaften Fixierung aufs politisch Unkorrekte geprägt.

Ayub Khan-Din, der die Drehbücher für beide Filme verfasste und sich zum biografischen Gehalt der Geschichte bekennt, versucht diese Falle zu umgehen, indem er in „West is West“ alles potentiell Kontroverse ausklammert. Wenn George mit Sajid nach Pakistan reist, um ihm dort seine Wurzeln näher zu bringen, reduzieren sich die Konflikte auf unterschiedliche Vorstellungen von Freizeitkluft und Toiletten. War Sajids älterer Bruder Maneer in „East is East“ ein frommer Moslem, den die anderen wegen seiner Tugendhaftigkeit spöttisch „Gandhi“ nannten, zieht er nun auf Brautsuche nach Pakistan. Von seinem religiösen Eifer ist nichts mehr zu sehen.

„East is East“ hatte das Jahr 1971, in dem die Handlung angesiedelt ist, anschaulich durch zeitgeschichtliche Details wie den Kaschmir-Konflikt oder die immigrationskritischen Reden des konservativen Politikers Enoch Powell unterfüttert. Dagegen spielt „West is West“ in einem zeitlosen Märchen-Pakistan, und Sajids zunehmende Begeisterung kommt vor allem durch Kiplings „Kim“ und die esoterischen Aphorismen seines SufiMentors zustande. Der mag die Wiederholung noch so eindringlich beschwören: „West is West“ ist eine ganz andere Geschichte.

Blauer Stern Pankow, Eva-Lichtspiele,

FaF, Kant, Kulturbrauerei und Passage;

OmU im Neuen Off

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