Kultur : Herr über das Chaos

Dem großenungarischen SchriftstellerPeter Nádas zum 70.

Nicole Henneberg
Foto: Arno Burgi, dpa
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Wüsste man nicht, dass „Das Buch der Erinnerung“ und „Parallelgeschichten“ von einem ungarischen Schriftsteller stammen, würde man sie wohl am ehesten für Romane eines deutschen Autors halten. Beide spielen zu gleichen Teilen in Deutschland und Ungarn, erzählen vom Verschwinden des bürgerlichen Lebensgefühls und des bürgerlichen Subjekts, und es ist die deutsche Geschichte, die jeweils die Handlung vorantreibt – von den Deportationen der Juden aus Budapest bis zum Fall der Mauer.

Man kann Peter Nádas, der am 14. Oktober 1942 als Kind einer jüdischen Freidenkerfamilie in Budapest geboren wurde, als den Anthropologen unter den ungarischen Schriftstellern sehen, den vor allem die Tiefenschichten seiner Figuren interessieren und der unwillkürliche Einfluss, den die politischen Ereignisse darauf haben. Das hängt wesentlich mit seiner Biografie zusammen: Er verlor früh seine Eltern, seine erste Erinnerung ist ein Bombenangriff. Er habe sehr früh viele Menschen sterben sehen, erklärte er einmal in einem Interview, alles Kindliche sei ihm, dem ganz normalen Kind, schnell ausgetrieben worden. Wohl deshalb gehört es zu seinen Credos, dass jeder Mensch in eine vollkommen fertige Welt hineingeboren wird und deshalb mit der Geburt nichts Neues beginnt, so wie mit dem Tod nichts endet.

„Es gibt Kausalität, zweifellos, aber uns beherrscht das Chaos. In der Literatur führt Kausalität in die Irre“, sagte Nádas anlässlich des Erscheinens der „Parallelgeschichten“, an denen er schon arbeitete, als er 1985 das „Buch der Erinnerung“ abschloss. Wobei er schon diesen Band ohne das Wissen um die Fortsetzung nicht bereit gewesen wäre zu beenden, so unfertig erschien ihm das Projekt, für das er sich als Schriftsteller verantwortlich fühlt. Dabei geht es ihm nicht nur um eine Ortsbestimmung des modernen Individuums, sondern um die der zeitgenössischen Literatur insgesamt.

Seit dem Erscheinen seines Jahrhundertromans weiß der Leser, wie gründlich die „Parallelgeschichten“ die Form dieses Genres gesprengt haben – man wird künftig vom Roman vor und nach Nádas sprechen müssen. Bissig und gleichzeitig melancholisch sprach er einmal vom „Sandkastenspiel mit dressierten Geschichten über dressierte Gefühle, mit denen sich das Kulturbürgertum bei Laune hält, während andere die Waffen verkaufen“. Und seit seinen frühesten Erzählungen kann man sehen, wie radikal er aus diesem Erzählreservat ausbricht, um ohne jeden Kompromiss die Grenzen des Menschen zu erforschen: seine Träume und tierischen Kräfte, sein Morden und Begehren, und die Lust bis in die tiefsten Abgründe von Selbstauflösung und Ekel hinein. Betörend schön und sinnlich, albtraumhaft, labyrinthisch und klug ist seine Prosa. Obendrein ist sie von einer neugierigen Heiterkeit erfüllt, wie sie nur jemand haben kann, der sich als ewiger Entdecker im sokratischen Sinne begreift. Am heutigen Sonntag feiert Peter Nádas seinen 70. Geburtstag, nur wenige Tage nachdem er erneut als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt worden war. Nicole Henneberg

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