Herrndorf-Blog : Das Ding im Kopf

Traurig, komisch: „Arbeit und Struktur“, das Blog des schwer kranken Autors Wolfgang Herrndorf

von
Wolfgang Herrndorf
Wolfgang HerrndorfFoto: Isolde Ohlbaum

Im Juli dieses Jahres hat Christoph Schlingensief eines seiner letzten Interviews gegeben. Es ging wieder um seine Krankheit. „Wenn mich noch einer umarmt“, sagte Schlingensief im Männermagazin „GQ“, „und mir zuflüstert, wie sehr ihn das berührt, dass ich mit meinem Krebs das alles auf mich nehme, dann hau ich ihm eine rein. Es ist so, als ob man einen Flugzeugabsturz beobachtet. Dann sind alle ganz furchtbar berührt, weil sie nicht dringesessen haben.“ Er aber sitze drin in dem abstürzenden Flugzeug.

Christoph Schlingensief musste in seinen letzten zwei Jahren viel Häme über sich ergehen lassen. Das Hausierengehen mit den eigenen Röntgenbildern, lästig und eitel sei das, und überhaupt, gibt es jetzt hier nur noch Krebstheater und Krebsliteratur? Was für ein gehässiges Missverständnis. Wenn es eine Antwort auf Sterblichkeit gibt, dann doch die: maximale künstlerische Selbstermächtigung – gerade im Augenblick größter physischer Hilflosigkeit. Worte finden für die Katastrophe.

„Im Krankenhaus wird ein CT gemacht, und ich liege im Bett, als Dr. S. kommt und mir das CT zeigt und von einer ‚Raumforderung’ spricht. Ich frage, ob wir das Wort nicht besser durch Tumor ersetzen wollen, aber er bleibt, wie auch die anderen Ärzte in den folgenden Tagen und Krankenhäusern, lieber bei Raumforderung. Ich strecke meine Hand wortlos nach hinten, er ergreift sie und drückt sie einige Sekunden.“ Diese Sätze stammen von Wolfgang Herrndorf, 45, dem Berliner Autor und Illustrator. 2002 ist sein Roman „In Plüschgewittern“ und 2007 der Erzählband „Diesseits des Van-Allen-Gürtels“ veröffentlicht worden. 2004 gewann Herrndorf beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb den Publikumspreis, 2008 den Deutschen Erzählerpreis. Im Februar 2010 wird bei ihm ein bösartiger Gehirntumor diagnostiziert, Heilung ausgeschlossen. Im März beginnt er mit dem Tagebuch: „Ich werde noch ein Buch schreiben, sage ich mir, egal wie lange ich noch habe, wenn ich noch einen Monat habe, schreibe ich eben jeden Tag ein Kapitel. Wenn ich drei Monate habe, wird es ordentlich durchgearbeitet, ein Jahr ist purer Luxus.“

Die drei Monate sind lange vorbei, das Buch erfolgreich und hochgelobt: „Tschick“ (siehe Tagesspiegel vom 14. Oktober). Die Heiterkeit des Romans wird von den privaten Notizen wie von einem schwarzen Passepartout eingerahmt. Während „Tschick“ entsteht, bekommt Herrndorf Bestrahlung und Chemotherapie, hat einen manischen Zusammenbruch, wird in die Psychiatrie eingeliefert. Alles hält er schreibend fest. Und er entschließt sich zur Veröffentlichung. Unter www.wolfgang-herrndorf.de stehen seine Aufzeichnungen jetzt im Netz.

Natürlich gibt es beim Lesen den Flugzeugeffekt: Man sitzt mit auf der Bettkante, wenn die Freunde zu Besuch kommen, kauert mit ihm weinend am Spreeufer, betrachtet gemeinsam den Sternenhimmel über der Bergstraße. Man schaut ihm über die Schulter, wenn er nach Medikamenten und Überlebensstatistiken googelt. Wenn er beim Fahrradflicken an den Sohn denkt, den er wohl nie haben wird. Und ja, man ist gerührt, ergriffen. Aber auch verunsichert. Ist das noch Empathie – oder doch voyeuristische Authentizitätssucht? Und: Darf man einem fremden Kranken so nahekommen?

Zum Glück gibt Herrndorf die Antwort selbst. Einerseits durch seinen Humor. „Liste von Dingen, die besser geworden sind: nie wieder Steuererklärung, nie wieder Rentenversicherung, nie wieder Zahnarzt.“ Dieser reduzierte Ton, den man aus seinen Büchern kennt, hebelt jeden Anflug von süßlichem Mitleid schnell aus: „Passig steht irgendwann mit der Hüfte an einen Tisch gelehnt und hinterlässt einen Brief, in dem steht, dass bei der Hässlichkeit meiner Bettwäsche Krebs die notwendige Folge sei.“

Andererseits hat das Ding im Kopf dem Autor nichts von seinem scharfen Blick genommen. Herrndorf schont sich nicht, aber auch sonst niemanden. Er liest Klassiker, Kollegen, Konkurrenten und springt gnadenlos mit ihnen um. Er hat wenig Geduld mit mittelmäßigen Kinofilmen, kann sich aber immer noch über herablassende Videotheksmitarbeiter freuen. Trotzdem mündet das nie in Zynismus, Herrndorf versteckt sich nicht hinter seinen Pointen. Die Stimmung kippt ununterbrochen. Wut, Glück, Angst, Irrsinn, alles innerhalb von fünf, sechs Sätzen. Aber selbst das erscheint dem auktorialen Ich-Beobachter nicht sonderlich originell: „Sowohl im Nachhinein als auch insbesondere währenddessen sehr bedrückender Gedanke: dass man als Individuum auf diese Belastung nicht individuell reagiert, sondern superkonventionell, mit geradezu normiertem verrücktem Verhalten, das hunderttausend andere Verrückte an dieser Stelle auch schon vorgeführt haben, und also gar kein Individuum, keine psychisch autonome Einheit mehr ist.“

Mittlerweile arbeitet Wolfgang Herrndorf am nächsten Roman, sein Blog aber füllt er weiter. Nicht täglich, aber regelmäßig. Für den Leser ist das, bei aller Dramatik des Beschriebenen, ein halbwegs beruhigender Vorgang. Solange es neue Einträge gibt, geht es ihm wohl gut – und uns auch bei so grandiosen Sätzen wie diesen: „Was jetzt zurückkehrt beim Lesen, ist das Gefühl, das ich zuletzt in der Kindheit und Pubertät regelmäßig hatte: dass man teilhat an einem Dasein und an Menschen und am Bewusstsein von Menschen, an etwas, worüber man sonst im Leben etwas zu erfahren nicht viel Gelegenheit hat, und dass es einen Unterschied gibt zwischen Kunst und Scheiße. Einen Unterschied zwischen dem existenziellen Trost einer großen Erzählung und dem Müll, von dem ich zuletzt eindeutig zu viel gelesen habe ...“

Genau das ist es, was auch in Wolfgang Herrndorfs Texten immer mitschwingt: existenzieller Trost. Wo eigentlich kein Trost ist.

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