Herta Müller stellt Erinnerungsbuch vor : Das Meer als Wiese

Reden und Erinnern: In "Mein Vaterland war ein Apfelkern" spricht Herta Müller über ihr Leben. Bei der Buchvorstellung führt die Nobelpreisträgerin schnell hinein in ihr Schreiben.

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Foto von Herta Müller
Blick zurück: Herta Müller sieht auf ihr Leben.Foto: picture alliance / dpa

Eine Lesung aus einem Buch, das nur aus Gesprächen besteht, erscheint zunächst etwas ungewöhnlich. In diesem Fall sind das Gespräche, die die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller mit der österreichischen Germanistin und Lektorin Angelika Klammer geführt hat. „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ heißt der Band, in dem Müller Auskunft über Leben und Werk gibt, über ihre Kindheit in einem banatschwäbischen Dorf in Rumänien genauso wie über die Zusammenarbeit mit Oskar Pastior für ihr Buch „Atemschaukel“ oder ihre Wort-Collagen.

Es wird an diesem Abend auf der großen Bühne des mit 800, 900 Menschen gefüllten Hauses der Berliner Festspiele jedoch schnell deutlich, dass es sich nicht einfach um ein Gesprächsbuch handelt, sondern um eines, das Herta Müller durchgesehen und richtiggehend geschrieben hat. Angelika Klammer fungiert vor allem als Stichwortgeberin. „Das Mündliche hat immer etwas Unvollständiges, oft wiederholt man oder lässt etwas aus“, beantwortet Müller zu Beginn die Frage von Moderatorin Insa Wilke nach den Unterschieden zwischen dem mündlichen Duktus und dem geschriebenen Wort. „Ich bin alle Fragen wieder durchgegangen und habe sie noch einmal beantwortet. Das Schreiben besitzt eine ganz andere Eigenschaft als das Reden. Ich habe dieses Buch fast neu geschrieben, nicht weil inhaltlich so viel daran verändert wurde, sondern weil es gedruckt werden musste. Ja doch, es musste wieder anders organisiert werden, ich war beim Schreiben, da waren die Bilder, und ich musste vieles wieder mit mir allein ausmachen.“

Aus ihrem Leben macht Herta Müller Literatur

Mit solchen, in diesem Rahmen recht ungeschützt geäußerten Worten führt Müller schnell hinein in ihr Schreiben, ihre Poetologie, zu deren Eckpfeilern das Verhältnis von Schreiben, Schweigen und Reden gehört. „Ja, das Schreiben hat mit dem Schweigen zu tun, nicht mit dem Reden“, so Müller in dem neuen Buch. „Die Sätze sagen natürlich etwas, aber das hat man mit sich selber ausgemacht, man war in der Komplizenschaft mit dem Schweigen, nicht mit dem Reden. Ich hätte nie zu jemandem gesagt, dass das Meer die größte Wiese ist und der Wasserschaum Wiesenschaumkraut.“ An anderer Stelle, in einem früheren Essay, hat sie das noch etwas komplexer dargestellt: „Geschriebene Sätze verhalten sich zu den gelebten Tatsachen eher so, wie sich das Schweigen gegenüber dem Reden verhält. Wenn ich Gelebtes in die Sätze stelle, fängt ein gespenstischer Umzug an. Die Innereien der Tatsachen werden in Wörter verpackt, sie lernen laufen und ziehen an einen beim Umzug noch nicht bekannten Ort.“

Man kann „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ tatsächlich vergleichend lesen. Das meiste kennt man aus Müllers Romanen, Erzählungen und ihren Essays. Weil Müller und Klammer sich auch explizit auf Bücher wie „Niederungen“ oder „Herztier“ beziehen, ist oft schwer zu erkennen, wo eigentlich die Fiktion im literarischen Werk der Literaturnobelpreisträgerin beginnt. Da merkt man schon auf, wenn Müller betont, nicht die Icherzählerin ihres Romans „Herztier“ zu sein (um sogleich anzufügen: „Aber ich wurde aus der Fabrik rausgeschmissen, ich war arbeitslos und hatte keine Ahnung, wovon ich leben soll“).

Herta Müller hat aus ihrem Leben Literatur gemacht: aus den Bedrückungen, die sich nach der dörflichen Kindheit unmittelbar fortsetzten in der Stadt, in Temeswar. Hier hat sie studiert, in einer Fabrik und als Lehrerin gearbeitet, hier war sie bis zu ihrer Ausreise 1987 in die Bundesrepublik den übelsten Nachstellungen des rumänischen Geheimdienstes ausgesetzt, nachdem sie sich geweigert hatte, Spitzeldienste zu leisten. „Mein Vaterland war ein Apfelkern“ zeigt, wie biografisch alle Bücher von Müller sind. Das Buch zeigt genauso, wie viele poetische Funken diese Biografie geschlagen hat. Die Einsamkeit der Kindheit, das Aufwachsen bei einem Vater, der bei der SS war und sich zu Tode trank, und bei der durch fünf Jahre Arbeitslager gezeichneten Mutter, die Bedrohungen durch die Securitate – all das wurde von ihr durch die Hinwendung zur Sprache bewältigt. „Ich hatte angefangen zu schreiben, weil mein Vater gestorben war, weil die Schikanen des Geheimdienstes immer unerträglicher wurden“, so Müller in dem Gesprächsband. „Ich musste mich meiner selbst vergewissern, die Ausweglosigkeit machte mir so eine Angst. Und die Angst lässt sich durchs Schreiben zähmen. Ich wollte doch keine Literatur schreiben, sondern einen Halt finden.“

Herta Müller über das Kartoffelessen

Der Halt ist ein lebenslanger geworden, ein äußerer wie innerer. Allein beim ersten, sich auf ihre Kindheit beziehenden Kapitel, das Herta Müller schließlich unter Auslassung von Klammers Fragen liest (was den Lesefluss gar nicht stört), hört und spürt man, wie Poesie, Biografie und auch Poetologie sich verschränken. Das sich anschließende Gespräch dreht sich dann ums Pflanzen- und Kartoffelessen und Müllers Nöte in Ceaucescus Rumänien. Und obwohl sie 1987 ihrerseits vom BND verdächtigt wurde, Securitate-Agentin zu sein, weigert sich Müller vehement, die Securitate und den Bundesnachrichtendienst miteinander zu vergleichen. „Das geht an jeder Realität vorbei.“ Höchstens ein gemeinsames „Alphabet des Verhörs“ mag sie da erkennen.

Deutlich wird in diesen Momenten aber auch, wie schwer Müllers Leben und Literatur mit Ereignissen der Gegenwart abzugleichen sind; wie schwer sich daraus direkte Erkenntnisse in Bezug etwa auf den NSA-Skandal oder die Flüchtlingspolitik gewinnen lassen. Auch ein Statement zum neuen rumänischen Präsidenten Klaus Johannis gibt es von ihr nicht. Müller sagt zwar, man habe ja beim Treiben der NSU gesehen, wie ahnungslos Geheimdienste sein können, hält sich ansonsten aber zurück. Und als es um ihre Ankunft in einem fremden Land geht, spricht sie fast poetisch vom „ganz kleinen Situationsunglück, das sich summiert“, davon, dass man in ein „Kindheitsalter“ zurückversetzt werde, weil man ständig etwas neu lernen und erfahren muss. „Es überschlagen sich wieder Dinge. Das Interpretieren fängt wieder an, der Schaden, den man hat, interpretiert sich. Diffuse Ähnlichkeiten zu früheren Erfahrungen stellen sich ein.“

Ihr Vorteil war, dass sie die Sprache konnte. Nichts allerdings hält sie davon, das Schreiben, die Literatur als Lebenshilfe oder als Heilsversprechen zu verstehen. Dazu geht es ihr, wie sie im Buch mit Angelika Klammer sagt, „um die erfundene Wahrheit der Sprache, in der das Schöne wehtut“, um das „Naturell“ der Wörter, die sie ausschneidet, sammelt und in Schubladen aufbewahrt: „Das zeigt sich erst, wenn die Wörter zusammenfinden“. Gerade in der Wortsammelei zeigt sich natürlich auch etwas höchst Obsessives, ein sich womöglich aus den Beschädigungen von früher ableitender Zwang. In den Dienst der Literatur gestellt, wie bei Müller, ist dieser Zwang ein Glücksfall.

Herta Müller: Mein Vaterland war ein Apfelkern. Hg. von Angelika Klammer. Hanser Verlag, München 2014. 239 S., 19,90 €.

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