Kultur : Hier spielt die Musik

Vor der Popkomm: In Berlin werden Platten nicht nur gekauft, sondern auch gemacht. Besuch bei fünf Tonstudios

Daniel Völzke

Es sitzt sich bequem auf der alten, ledernen Sofagarnitur. Anheimelnd, diese WG-Atmosphäre: eine Tischplatte, die auf Boxen liegt, schiefe CD-Stapel, eine mit Tüchern abgehangene Decke, Bandaufkleber, Instrumente und viel Technikkram, der die ganze Zeit blinkt. Zwei Echo-Preise, überreicht für die Zusammenarbeit mit der Dancehall-Crew Seeed, thronen auf Lautsprechern. Lange möchte man hier in dem Kreuzberger Studio Transporterraum sitzen, besser: abhängen, und den Geschichten des Produzenten Moses Schneider zuhören. Doch der jugendliche 40-Jährige wird hibbelig. Das neue Fehlfarben-Album muss gemischt werden, und am Wochenende beehrt Skin, einstige Sängerin von Skunk Anansie, die Fabriketage in der Schlesischen Straße.

Seitdem Schneider vor drei Jahren die bis dahin nur in der Szene bekannten Berliner Funpunker Beatsteaks zum Erfolgsmodell machte, ist er ein gefragter Mann. 1996 gründet er mit Ben Lauber seine Produktionswerkstatt. Sie versammeln ein Team um sich, das hier Techno, Remixe, Hip-Hop, alles Mögliche aufnimmt, einspielt, veredelt. Doch Ruhm erwirbt sich Schneider erst in der letzten Zeit durch Rockproduktionen. Er übt mit den Bands in Proberäumen und baut dann in Aufnahmestudios die Proberaumsituation nach. Die Musiker rocken gemeinsam, anstatt – wie gewöhnlich – eine Spur nach der anderen einzuspielen. Das klingt nicht so sauber, aber diese Arbeitsweise entfesselt Energien und Spielfreude. Und sie provoziert Eigentümlichkeiten. Beatsteaks etwa sind im zweiten Vers oft etwas schneller als im ersten Refrain. Bei Moses Schneider diktiert kein Metronom, kein Clicktrack das Tempo.

„Nach den Beatsteaks kamen die Tocos und wollten auch rumpeln“, erzählt der Produzent. Das Ergebnis, das Tocotronic-Album „Pure Vernunft darf niemals siegen“, wurde allseits für seine raue Kraft gelobt. Dann kamen Peter Licht, Katze, Ohrbooten, die Mediengruppe Telekommander. Das jüngste Wunderwerk des Wunderkinds: die Platte „Die Tiere sind unruhig“ der einstigen Postrocker Kante, die Schneider in Rocker verwandelte. Sänger Peter Thiessen erzählte nach den Aufnahmen begeistert, wie ihr Produzent sie vom Perfektionismus heilte und sie überzeugte, „diesen kleinen verkackten Shaker“ bitteschön wegzulassen. „Im Studio zählt vor allem Psychologie“, sagt Schneider, „ich lauere, lasse die Bands rumprobieren“. Und er ergänzt fies lachend: „Irgendwann machen sie schon, was ich möchte.“ Ist das die Aufgabe eines Produzenten, herauszufinden, was die Band wirklich will? Schneider antwortet mit den Worten des Element-Of-Crime- Produzenten David Young: „Ein Produzent macht alles 20 Prozent besser.“

In zwei Wochen kommen Tocotronic wieder, ein neues Album aufzunehmen; „Geeeeiiiil!“, freut sich der manische Moses Schneider. Es gibt noch so viel auszuprobieren.

Die Stoffbahnen an den Wänden sind ausgebleicht. Sie hängen da seit 1972. Und niemand wagt es, sie auszutauschen, weil sich sonst das Klangbild verändern könnte. Immerhin: Ab und zu mit dem Staubsauger drüber, das ist erlaubt. Die Hansa-Studios in der Köthener Straße, in Fußnähe zum Potsdamer Platz, gehören zu den berühmtesten in Europa. Hier waren vor der Wende die Großen: David Bowie, Iggy Pop, Depeche Mode. Als nebenan die Mauer fiel, spielten U2 gerade ihr Album „Achtung Baby“ ein. Damals wurde noch auf mehreren Etagen gearbeitet, mit dem Meistersaal im Erdgeschoss als Herzstück. The Big Hall by the Wall. Heute finden dort Konzerte und Partys statt, aufgenommen wird nur noch im vierten Stock.

Für den besonderen Klang ist das SSL 4000E verantwortlich. Das Analogmischpult. Zwanzig Jahre alt, mit einem warmen und trotzdem brillanten Klang, den kein digitales Gerät nachahmen kann. Das sei wie mit Autos, sagt Produzent Alex Wende. Wie bei der Wahl zwischen Kompaktklassewagen und Oldtimer. Beide fahren einwandfrei, aber wer würde freiwillig den Kompakten nehmen? 1,5 Millionen Mark hat das SSL damals gekostet. So eine Investition könne sich heute kein Studio mehr leisten. Hinter der Glaswand: 220 Quadratmeter Aufnahmefläche, der Platz reicht für ein ganzes Orchester. Oder für Nina Hagen plus Big Band, die waren auch schon hier. Es gibt einen Extraraum für das Schlagzeug mit italienischem Marmor an den Wänden. Damit der Schall hart reflektiert wird.

Jeden Tag stehen Touristen vor der Tür, wollen sich das berühmte Studio ansehen. Franzosen, Amerikaner, Briten. Wenn Zeit ist, macht Alex Wende eine kurze Führung. Japaner seien am besten vorbereitet, sagt er. Die haben gleich Listen mit den Objekten dabei, die es zu fotografieren gilt: den Flügel, das Mischpult, die verschiebbaren Stellwände, vor denen sich einst U2 ablichten ließen. Manchmal kommen auch Musiker vorbei, nur so zum Gucken. Letztens zum Beispiel Europe, die Band des „Final Countdown“. Nervt das nicht auf Dauer? Nein, das gehört dazu, sagt Wende. Obwohl es fürs Geschäft besser sei, nicht zu stark auf die Historie zu setzen; die Gegenwart zählt. Deshalb sagt Wende nicht: „David Bowie war hier“, sondern lieber: „Wyclef Jean war hier“. Zweimal schon, und Wende hatte Angst um sein SSL 4000E. Weil der Rauch von Joints zu schädlichen Ablagerungen auf dem Mischpult führen könne. Kein Problem, sagte Wyclef Jeans Manager, und drückte Wende vorsorglich 400 Euro für Reinigungskosten in die Hand.

Hansa-Studio-Aufnahmen haben Karrieren befördert. Sie hätten aber auch beinahe eine große beendet. Am Ende eines langen Produktionstages feierten Depeche Mode oben im vierten Stock. Und nach viel Alkohol kletterten alle raus auf den Fenstersims. Wäre ein Studiomitarbeiter nicht eingeschritten, sagt Wende, das Album wäre nie fertig geworden. Sebastian Leber

Sein Job beginnt vor der Bühne einer Band, die noch keiner kennt. Es ist ganz einfach: hingehen, sagen, dass es einen umgehauen hat. Der Rest ergibt sich von selbst. Mittlerweile muss sich der kleine, 35-jährige Blondschopf Patrik Majer auch nicht mehr überall vorstellen. Man kennt ihn als Produzenten der Lemonbabies, von Rosenstolz und als Wir-sind-Helden-Entdecker. Deretwegen hat er, dessen Laufbahn mit einem Praktikum in den Hansa-Studios begann, nun auch ein eigenes Studio im Kreuzberger Osten, genannt Freudenhaus. Er wollte das eigentlich nie, „wegen des Risikos“, sagt er. In Zeiten, da die Produktionsbudgets der Plattenfirmen rapide abschmelzen und viele Künstler ihre Musik ohnehin am heimischen Computer aufnehmen, ist der Betrieb eines hochwertigen Tonstudios ein ökonomisches Vabanquespiel. Doch Majer hatte keine Wahl. Mit Judith Holofernes & Co. lief ihm eine Band über den Weg, für die er eine eigene Soundwerkstatt brauchte. Mietstudios, wie es sie in Berlin immer weiniger gibt, wären zu kostspielig gewesen. Andererseits müssen heute sogar Demo-Tapes, mit denen sich Newcomer bei Plattenfirmen vorstellen, die Qualität einer ausproduzierten CD haben.

Die Räume im Erdgeschoss eines alten Backsteingebäudes waren vom Vorbesitzer halbfertig aufgegeben worden, eine Akustikfirma besorgte den Ausbau für den aufstrebenden Tonmann, der den Zuwachs an Geräten mit dem Entstehen einer elektrischen Eisenbahn vergleicht. Er kann nicht genug kriegen. So steht der Gegenwert eines Einfamilienhauses um ihn herum. „Man darf durch die Technik nicht das Grundlegende vergessen“, sagt Majer zurückhaltend. Und: „Auch Maschinen haben eine Seele, die man kreativ einsetzen muss.“

Zu Patrik „Patty“ Majer kommen die Leute nicht der Akustik oder eines Sounds, sondern seinetwegen. Dass er ein gemütliches Ledersofa sowie einen Krökeltisch hat, mag auch ein Argument sein. Aber vor allem ist es er selbst, der die Vorstellungen, vagen Ideen und Marotten von Musikern behutsam zu lenken weiß. Er habe einen guten Lehrermeister gehabt, sagt er über das psychologische Geschick, das die Hälfte seines Erfolges ausmacht. Heute stehen zwei „Echo“-Musikpreise verschämt hinter dem Fernseher, die goldenen Schallplatten, die er reichlich erworben hat, stapeln sich in einer Ecke. Sie aufzuhängen, käme ihm protzig vor. Auch sonst deuten weder Bilder noch Autogramme auf die imponierende Kundenliste hin, zu der No Angels, Nina Hagen, Calexico, Marc Almond, Nick Cave und Diane zählen, deren zweites Album er just fertiggestellt hat. Nur ein Bild aus dem ersten Video von Wir sind Helden hängt über der Tür. Darauf ist Majer in Schlaghosen, aufgeknöpftem Hemd und Siebziger-Jahre-Sonnenbrille zu sehen. „Heute ist Euer Glückstag“, sagt eine Sprechblase, „Ich bin nämlich Produzent.“ Kai Müller

Eine mintgrüne Villa in Pankow. Ein abgemeldeter Ford Escort steht in der Einfahrt auf Bruchsteinplatten unter einer Pinie. Ein Eichhörnchen zuckt. Das Haus gehört einem Wissenschaftlerehepaar: Er ist Astrophysiker und sie Schlafforscherin. Doch etwas Forderndes kratzt an der idyllischen Stille. Das Geräusch kommt aus dem Keller, wo sich ein Luftschutzraum befindet. Und dort wird gerade Musik gemacht, Popmusik.

Man stellt sich einen Luftschutzkeller kalt und ungemütlich vor. Dieser hier ist anders. Wie ein Wohnzimmer eingerichtet, fungiert er als Tonstudio, in dem Norman Nitzsche nun schon seit mittlerweile vier Jahren die Musik seiner Freunde und Weggefährten produziert. Aufgenommen und gemischt wird in Nitzsches Welt fast alles: von ruhiger Gitarrenmusik über New Wave und Punk bis hin zu knallig-minimalistischem Pop.

Angefangen hat alles noch im Stil des Homerecordings. Das erste Album, das Nitzsche produzierte, war das Debütalbum seiner Freundin Masha Qrella. Später kamen Platten seiner Bands Mina und NM Farner sowie der befreundeten Indierock-Band Contriva hinzu. „Wir wollten uns nicht mehr mit Produzenten unterhalten müssen, wie unsere Musik sein soll“, sagt Nitzsche. Mittlerweile müssen sie das auch nicht mehr. In den beiden kreativ und liebevoll eingerichteten Räumen macht der verzweigte Freundeskreis heute alles selbst.

Den Status des heimischen Dilettantentums mit gebrauchten Mischpulten und Mikros hat die Villa Qrella, wie das Studio genannt wird, unterdessen längst verlassen. „Seit Mashas Platte haben wir hier Zeug angeschleppt, das den Rahmen des Homerecordings sprengt“, sagt der Autodidakt. Den letzten technischen Schliff bekam das Studio erst kürzlich mit der neu erworbenen analogen Bandmaschine, die neben Ohrensessel und Mischpult auch den letzten freien Platz im Raum einnimmt. „Damit kann ich rein digital aufgenommener Musik, ihre Authentizität zurückgeben.“ Das steigert die Qualität. Denn wenn schon nicht ausstattungstechnisch, dann wenigstens qualitativ will Nitzsche mit den großen Studios mithalten. Auch wenn dafür Sparsamkeit und Kreativität gefragt sind. „Alles, was hier angeschafft wurde, haben wir tausendmal daraufhin abgeklopft, ob es auch wirklich notwendig ist“. Wenn eine besonders ausgefallene Geräuschkulisse gebraucht wird, wird mitunter die Heimsauna der Villa verkabelt.

Nitzsches Arbeit in der Villa Qrella hat sich herumgesprochen. So kommen öfters Bands, wie die Münchner Neoangin und Jersey, um ihre Musik von Nitzsche aufnehmen, mischen und mastern zu lassen. Hier können auch die aufnehmen, die keinen Plattenvertrag haben: „Das hilft Leuten, an dem ganzen Wirtschaftsscheiß vorbei das zu machen, wozu sie Lust haben.“

Seit zweieinhalb Jahren kann Norman Nitzsche von seiner Studioarbeit leben. Insgesamt sei er zwar weit von einem geregelten Einkommen entfernt, aber es funktioniere: „Wenn ein großes Label anklopft, würde ich allerdings auch nicht Nein sagen“. Constanze Weiske

Kent Nagano streift durch einen Garten in Lichterfelde. Er hat die Hände auf den Rücken gelegt, geht unter Obstbäumen hindurch und denkt. Durch eine kleine Seitentür ist der Dirigent aus einem hell verputzten Backsteinbau hinausgetreten. In dessen Erdgeschoss befanden sich früher einmal die „Lichterfelder Festsäle“. Die gibt es schon lange nicht mehr. Seit den fünfziger Jahren fungieren die Räume als Tonstudio, als die Telefunken das Gründerzeithaus übernahm und unter dem Teldec-Label populäre Schlagerplatten produzierte. Hildegard Knef trat hier ans Mikrofon, Catarina Valente und Manuela. In den siebziger und achtziger Jahren wurden die Klänge rauer: Udo Lindenberg buchte den turnhallengroßen Aufnahmesaal ebenso wie Peter Maffay. Aber auch ein Gitarrenbarde wie Reinhard May, der an der Finckensteinallee sein Debüt einspielte, zählte bald zu den Stammkunden. 1989 ging das Studio in den Besitz von Warner über und die Inhalte verschoben sich erneut – hin zur Klassik.

Daran hat sich bis heute wenig geändert, obwohl das Studio zwischenzeitlich starb und wieder auferstand. Teldex heißt es heute, nachdem die Tonmeister Martin Sauer, Tobias Lehmann und Friedemann Engelbrecht sich 2002 zu einem buy out entschlossen. Eine Million Euro flossen in den Um- und Ausbau der Aufnahme- und Regieräume. So entstand das größte unabhängige Tonstudio Deutschlands. Daniel Barenboim nahm hier Bachs „Wohltemperiertes Klavier“ auf, seine Kollegen Simon Rattle und Nikolaus Harnoncourt schwärmen von der einzigartigen Akustik des Saals, in dem Stellwände die Orchesterdivisionen von einander abschirmen und Klassik mit Pop-Methoden aufgenommen wird. Hinzu kommt das absolute Gehör des Teams. Selbst kleinste Nuancen und Ungenauigkeiten werden aufgespürt – und am Mischpult frisiert.

Finanziell überleben kann das Studio mit seinem Mitarbeiterstab nur, weil es die Genregrenzen zwischen Klassik und Pop missachtet. So kam Britney Spears ins Haus, Stars wie Rosenstolz, Pet Shop Boys und Sarah Connor arrangierten hier ihre Songs. Beinahe jedes Jahr hat Teldex mindestens einen Grammy Award gewonnen. Thomas N. Riens

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