Historischer Roman "Córdoba" : Liebe in Zeiten des Hasses

Waldtraut Lewins historischer Roman „Córdoba“ über das Schicksal getaufter Juden und deren Vertreibung ist von brennender Aktualität.

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Kathedrale von Córdoba mit der alten Römerbrücke. Die Kathedrale wurde in die alte Moschee hineingebaut und überragt den Baukörper der Mezzquita. Foto Rolf Brockschmidt
Kathedrale von Córdoba mit der alten Römerbrücke. Die Kathedrale wurde in die alte Moschee hineingebaut und überragt den Baukörper...Foto: Rolf Brockschmidt

Seit die Spanier 1492 Andalusien zurückerobert und die Muslime vertrieben haben, wird auch die Situation der Conversos oder Marranen – der zum Christentum übergetretenen Juden – immer gefährlicher. Intoleranz und religiöser Hass treffen diese „Neuchristen“, wie sie genannt werden, denn den erfolgreichen Geschäftsleuten traut man nicht mehr. „Im Lande ringsum wüten die Feuer, auf denen Ketzer verbrannt werden, all jene, die sich von der strengen Lehre der Kirche abzuwenden scheinen. Doch das geschieht nicht in Córdoba, in seiner Stadt. Bisher.“ So denkt José Adrías, Alkalde (Bürgermeister) der Stadt und Vater von María, der jungen Witwe, die in Waldtraut Lewins Roman „Córdoba“ im Zentrum steht.

Weltoffene Metropole - bis ein neuer Bischof kommt

Córdoba, einst eine muslimische Kapitale und ein Zentrum der Kultur, ist in Lewins Roman auch nach der Reconquista, der katholischen Rückeroberung, immer noch eine weltoffene und tolerante Stadt. Dafür sorgt der Alkalde Adrías, um dessen Gesundheit es allerdings nicht gut bestellt ist. Er öffnet die Tore seiner Stadt für die Conversos, die aus ganz Spanien vor der Inquisition fliehen müssen. Sie lassen sich in Córdoba nieder, was bei der stets wachsenden Zahl zu Spannungen mit der einheimischen Bevölkerung führt. Doch Adrías kann sich auf eine schlagkräftige Söldnertruppe, die Libertadores, die Befreier, stützen, die neben der Stadtwache helfen, die öffentliche Ordnung aufrechtzuerhalten.

In den engen Gassen der ehemaligen Judería.
In den engen Gassen der ehemaligen Judería.Foto: Rolf Brockschmidt

Die Autorin zeichnet María als ungewöhnlich couragierte und selbstbewusste junge Frau, die übersinnliche Fähigkeiten besitzt, die in diesen religiös aufgehetzten Zeiten gefährlich werden können.

Lewin beginnt ihren Roman mit einem aufwühlenden Traum Marías, der sich alsbald beim Besuch ihrer Freundin Reina Hojeda, Tochter eines reichen Juweliers und Freund ihres Vaters, in der Judería, dem einstigen Judenviertel Córdobas, erschließt. Der Mann aus ihrem Traum ist niemand anderes als Diego, der Bruder Reinas, der gerade von seinem Studium aus Salamanca zurückgekehrt ist und den sie nun zum allerersten Mal sieht. Es ist Liebe auf den ersten Blick.

Machtkampf zwischen Stad und Kirche um die Flüchtlinge

Waldtraut Lewin entfaltet ihre Liebesgeschichte vor einem dramatischen historischen Hintergrund, denn die Spannungen zwischen Alt- und Neuchristen nehmen zu. Zudem folgen die Eltern der Liebenden traditionellen Vorstellungen und haben jeweils die Partner schon ausgesucht. Aber kann eine Christin einen Neuchristen heiraten? Wie soll das gehen in einer Zeit, in der die Kirche von den Kanzeln her gegen die tolerante Flüchtlingspolitik der Stadtoberen wettert und dabei die Bruderschaft des heiligen Jakob benutzt, die provokanterweise ihr Hauptquartier in der Judería aufgeschlagen hat.

Waltraut Lewiens Roman spielt nicht näher spezifiziert nach der spanischen Rückeroberung der Stadt, ist aber von brennender Aktualität.
Waltraut Lewiens Roman spielt nicht näher spezifiziert nach der spanischen Rückeroberung der Stadt, ist aber von brennender...Foto: Gerstenberg Verlag

Als bei einer Prozession der Bruderschaft, die natürlich durch die ehemalige Judería führt, Reina aus Versehen vom Balkon herunter Orangensaft auf die Statue der Gottesmutter verschüttet, bricht der Volkszorn ungehemmt los: „Das ist Pisse! Frevel! Schändung! Gotteslästerung! Das Marranenmädchen hat die allerheiligste Madonna mit Pisse begossen!“ Dieser Vorfall ist historisch verbürgt.

Lewin schildert kenntnisreich und beeindruckend, wie die Stimmung in der Stadt kippt, wie die Flüchtlingshäuser, die der Alkalde vor der Stadt zur Entlastung mit privaten Mitteln hat errichten lassen, in Flammen aufgehen. Ja, es ist eine Geschichte, die 500 Jahre alt ist, aber mit jeder Seite drängen sich einem Parallelen zu heute auf, kann man ahnen, wohin religiöser Hass und Intoleranz führen. Aber Lewin zeigt auch, was Empathie und Engagement bewirken können und wo ein Neuanfang möglich ist.

Im Garten des Alcázar de los Reyes Cristianos in Córdoba.
Im Garten des Alcázar de los Reyes Cristianos in Córdoba.Foto: Rolf Brockschmidt

Waldtraut Lewin: Cordoba. Roman. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 2016. 320 Seiten. 16,95 Euro. Ab 14 Jahren.

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