HIT Parade : Esbjörn Svensson Trio

Diese Woche auf Platz 34 mit: „Leucocyte“

Ralph Geisenhanslüke

Eine Frage wird unbeantwortet bleiben, beim 12. und letzten Album des Esbjörn Svensson Trios, für Fans und Kritiker gleichermaßen. „Leucocyte“ ist das Vermächtnis des schwedischen Pianisten, der im Juni bei einem Tauchunfall ums Leben kam. 15 Jahre hatte das Trio zusammen gespielt und war zum erfolgreichsten europäischen Jazz-Act aufgestiegen. Seine Videos liefen auf MTV, Frauenzeitschriften empfahlen seine Musik für romantische Stunden. Dabei waren sie keine Weichspüler, die Jazz nur als gefälligen Sound begriffen. Für Esbjörn Sevensson war Jazz ein Prinzip: das der Improvisation. Wie viele skandinavische Musiker, etwa Bugge Wesseltoft oder Nils Petter Molvaer, betrachtete Svensson Jazz nicht als elitäre Veranstaltung, sondern als Form von Energie, die eine Steigerung der Lebensfreude nach sich ziehen sollte. Bei seinen Konzerten setzte er sich im Muskelshirt ans Piano und schwitzte. Doch nicht nur Transpiration, auch Inspiration strahlte das Trio aus. Und enge Verbundenheit. Magnus Öström (Schlagzeug) kannte er seit Kindertagen und Dan Berglund (Bass) seit Mitte der Neunziger. Das Trio hatte eine organische Form der Improvisation entwickelt, es schien, als würde niemand Solo spielen, dabei taten es alle zugleich.

Obwohl Kritiker ihm gelegentlich einen Mangel an Überraschungen bescheinigten, war der asketische Svensson beständig auf der Suche nach Neuland. So mietete er sich im Januar 2007 in einem Studio in Sydney ein, um eine komplett freie Jam-Session einzuspielen. Bei dem Australien-Trip entdeckte er auch das Tauchen. Die Session wurde nun zu „Leucocyte“, einem Album, das die gesamte Bandbreite dieses Trios enthält, von hingetupften Piano-Soli, über mahlende Minimal-Beats, bis hin zu den Noise-Orgien des 27-minütigen Titelstücks. Hier gibt es mehr elektronische Effekte als auf allen anderen elf Alben des Trios zusammen. Eine Freiheit, die in extremem Gegensatz steht zur fein gesponnenen, ausgereiften und erzählfreudigen Musik, für die das E.S.T. bekannt wurde. Seltsam unfertig. Die Frage lautet: Warum? Ralph Geisenhanslüke

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