Kultur : Hitlergruß an die Vernunft

Am Abgrund des Faschismus: Anselm Kiefers „Heroische Sinnbilder“ provozieren in Heiner Bastians Berliner Galerie

Christina Tilmann

Der 18-jährige Student Heiner Bastian saß im Winter 1945/46 in Heidelberg in einer Vorlesung von Karl Jaspers, in der es um die metaphysische Schuld der Deutschen ging, um eine Schuldfrage, die jeder einzelne mit sich selbst auszumachen hatte. In diesem Schuld-Bewusstsein – das Bastian im Übrigen bald außer Landes, in die USA treiben würde – traf er sich Jahre später mit einem Gleichgesinnten, der die Bewältigung dieser Schuld auf ganz persönliche Weise versuchte: als Teufelsaustreibung mittels Affirmation, als Methode der größtmöglichen Anverwandlung des Bösen, und das in der metaphysischsten aller Kunstformen, der Malerei. „Ich wollte hinter dem Erscheinungsphänomen Faschismus, hinter seiner Oberfläche erkennen, was der Abgrund Faschismus für mich selbst bedeutet, denn diese Geschichte ist ja Teil jeder Wirklichkeit, auch meiner Selbstfindung. (…) Ich wollte das Unvorstellbare in mir selbst abbilden“, zitiert der Katalog den Künstler Anselm Kiefer. „Wir selbst sind immer nur unsere ganze Geschichte“, schreibt Karl Jaspers.

„Besetzungen“ hat der 24-jährige Kiefer 1969 seine erste Arbeit genannt, die aus zwei dicken Fotobüchern mit dem Titel „Heroische Sinnbilder“ bestand: Schwarz-Weiß-Fotografien, aufgenommen an allen möglichen Punkten Alteuropas, von Holland über Südfrankreich bis nach Rom, und darauf zu sehen ist immer wieder: Anselm Kiefer, den Hitlergruß ausführend. Hitlergruß vor antiken Gräbern, Hitlergruß im Amphitheater, Hitlergruß vor Meeresbrandung, Hitlergruß wirkungsvoll in einem Portal im Gegenlicht. Die Serie machte damals Furore – und den jungen Künstler schlagartig bekannt: als Unperson.

Was nicht so bekannt ist: Nach der Fotoserie entstand 1969/70 auch ein Zyklus von acht Gemälden, die Heiner Bastian nun, fast vierzig Jahre später, als zweite Ausstellung in seinem noblen Galeriegebäude gegenüber der Museumsinsel zeigt. Damals hatte kein Kurator sie ausstellen wollen, weder in Kunstvereinen noch Museen, auch nicht Kiefers Hauptgalerist Michael Werner. Kiefer selbst, der die notwendige Aufarbeitung persönlicher Schuld im figurativen Stil bald mit Ikonen wie „Maikäfer flieg“ und „Nero malt“ überwunden hatte, behielt die Bilder in seinem Domizil in Südfrankreich im Depot – und wünschte sich nun eine Berliner Ausstellung. Und am liebsten ein deutsches Museum, das den Zyklus ankauft.

In der Tat könnte Bastians Adresse Hinter dem Gießhaus kaum besser gewählt sein: Gegenüber dem Nationalheiligtum Museumsinsel, wo die Kontinuität europäischer Kultur über sechs Jahrtausende beschworen wird, in Blickachse mit dem Schlossplatz, wo das Skelett des Palasts der Republik irgendwann einmal der historisierenden Schlossrekonstruktion weichen wird, über die Schlossbrücke mit den monumentalen Heldenfiguren August Wredows, die Kiefer in mehreren Bildern zitiert, und unweit des Deutschen Historischen Museums im Zeughaus, das sich gerade der deutschen Gründerzeit widmet.

Das Frühwerk ist eine Entdeckung: Ein Kiefer vor jenem Kiefer, der mit seinem durch Celan, Bachmann und Nietzsche beglaubigten Collage- und Materialbildern der deutschen Nachkriegs-Geschichtsaufarbeitung das passende Interpretationsmaterial lieferte: als Großkünstler, der aus der Erkenntnis der Zerstörung und Vernichtung eine neue, gebrochene Form der Metaphysik geschaffen hat, monumental und verführerisch genug.

In den Bildern von 1969/70 kommt stattdessen, im damals so unmöglichen wie unpopulären Gestus gegenständlicher Malerei, der Künstler als Agent provocateur daher. Einer, der sich selbst, in geborgtem Militaria-Look und der dazu so gar nicht passenden Intellektuellenbrille samt Lockenkopf, der verlogenen Großmannssucht nationalsozialistischer Bildformen entgegenstellt. Monumentale Berglandschaften, Verweise auf die Antike, historisierende und heroisierende Skulpturen aus weißem Marmor, ein blutig durchschossener Himmel – und das graue Meer, dessen weitem Horizont der verpönte Gruß zu gelten scheint.

Bilder wie diese wurden lange als Tabubruch gelesen: „Erst als sich selbst aus Israel Stimmen erhoben und bezeugten, dass dieser Künstler aus Deutschland zu den Gerechten gehöre, wollte man auch dort, wo er herkam, glauben, dass diese winzige, verschwindende Figur an den Stränden Italiens, Frankreichs und Hollands keinen Führer und Despoten, sondern mit der Brandung vielleicht bloß die Vernunft gegrüßt und mit seinem ausgestreckten Arm auf den Irrsinn des Menschenmöglichen gezeigt hatte, nicht auf einen Triumph“, hat der Schriftsteller Christoph Ransmayr zu den „Besetzungen“ geschrieben. Bei Heiner Bastian erlebt man, nun in Farbe und nicht mehr im Schwarz-Weiß der Fotografie, noch einmal den Schrecken, die Kraft der damaligen Provokation.

Der Benjamin’sche Engel der Geschichte trägt bei Kiefer die Züge von Skulpturen Josef Thoraks.

Am Kupfergraben 10, bis 13. September, Do. u. Fr. 11–17 Uhr, Sa. 11–16 Uhr. Sonderöffnungszeiten zum Gallery-Weekend 2. -4. Mai 11–17 Uhr. Katalog bei Schirmer/Mosel, 44 €.

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