Kultur : Hitlers Freund, Carlos’ Helfer

Willi Winkler über die unheimliche Karriere des schweizerischen Terror-Finanziers Francois Genoud

 Ernst Piper

Der bis zuletzt geheimnisumwitterte François Genoud kam 1915 in Lausanne zur Welt. Schon früh hatte er prägende Begegnungen. Im Herbst 1932 wurde der Lehrling Genoud, der sich zur Ausbildung in Deutschland befand, in Bad Godesberg Adolf Hitler vorgestellt, der damals noch nicht Reichskanzler, aber schon ein mächtiger Politiker war. Dieses Treffen sollte eine besonders nachhaltige Wirkung haben. Genoud blieb Hitler sein ganzes Leben treu, versuchte auch nach dessen Tod in seinem Sinne zu wirken und bezeichnete ihn halb im Spaß, halb im Ernst als seinen „Chef“. Kurz vor seinem Lebensende bekannte er, er habe Hitler geliebt. 1934 kehrte Genoud in die Schweiz zurück, wo er 1941 Paul Dickopf kennenlernte. Dickopf, Kriminalkommissar und SS-Untersturmführer, arbeitete im Krieg für den Militärischen Abwehrdienst. 1943 kam Dickopf in die Schweiz, wo er, unter tatkräftiger Mithilfe seines Freundes Genoud, mit der Legende eines Überläufers ausgestattet wurde und einen Schweizer Flüchtlingspass erhielt. Dieses Vorgehen gehört zu den klassischen Spionagemethoden und erleichterte es zugleich Dickopf nach dem Krieg erheblich, unter veränderten Umständen eine neue Karriere zu beginnen. Erst suchte er die Zusammenarbeit mit den Amerikanern, dann trat er in die Dienste des Bundesinnenministeriums und wurde nach vielen Jahren bei der Kriminalpolizei sogar Präsident des BKA.

In jungen Jahren traf Genoud auch Mohammed Amin al Husseini, den berüchtigten Großmufti von Jerusalem, der in der SS aktiv war, seit 1941 in Berlin lebte und für die deutsche Spionage in den arabischen Ländern in der NS-Zeit eine zentrale Rolle spielte. Alle diese Begegnungen sollten den späteren Lebensweg des Schweizer Geschäftsmannes entscheidend beeinflussen. Sein Leben lang half er alten Nazis, kollaborierte mit diversen Geheimdiensten und unterstützte arabische Nationalisten, deren mörderischer Antisemitismus ihm sehr entsprach. Dabei teilte er auch ihren militanten Antikolonialismus, was dazu führte, dass Genoud sowohl mit Rechts- wie mit Linksextremisten zusammenarbeitete. So unterhielt er enge Beziehungen zu dem radikalen Palästinenser Wadi Haddad, auf dessen Konto eine Reihe spektakulärer Flugzeugentführungen ging. In zahlreichen Prozessen kämpfte er währenddessen um die Urheberrechte an den Schriften von Adolf Hitler und Joseph Goebbels. Adolf Eichmann, Klaus Barbie und der Terrorist Ilich Ramírez Sánchez, besser bekannt als Carlos, gehörten zu den Männern, deren Strafverteidigung Genoud finanzierte.

Offiziell arbeitete François Genoud in den ersten Nachkriegsjahren als Wäschevertreter, doch seine weitgespannten Geschäfte führen ihn auf Reisen in alle Himmelsrichtungen. Er hilft hier, vermittelt dort und bietet seine Dienste an, wenn es darum geht, Handelsembargos zu umgehen. In einem Aktenvermerk der Schweizer Bundespolizei heißt es: „Es ist schwierig, seine Aktivitäten in Bezug auf gewisse Angelegenheiten genauer zu beschreiben.“ Dieser Satz passt vorzüglich zu der schattenhaften Existenz, die der Schweizer Edelnazi bis zu seinem Selbstmord im Jahr 1996 geführt hat. Typisch ist auch, dass der Schattenmann, wie Willi Winkler ihn nennt, in der Schweiz nicht einmal polizeilich gemeldet ist.

1957 gründete Genoud mit syrischer Unterstützung die „Banque Commerciale Arabe“. Beraten wurde er dabei von dem ehemaligen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht. Die Bank war eine wichtige Stütze für die algerische Unabhängigkeitsbewegung. Sie finanzierte unauffällig illegale Waffengeschäfte. Mit von der Partie war auch Paul Dickopf, der sich um die Ausrüstung der künftigen Polizei eines unabhängigen Algerien kümmern sollte. Dickopf war inzwischen Regierungsdirektor im Bundeskriminalamt und im Nebenberuf als Agent „Caravel“ für die CIA tätig. Ein anderer Freund Genouds war Hans Rechenberg, der Pressesprecher im Reichswirtschaftsministerium gewesen war und jetzt seinen Tätigkeitsschwerpunkt im arabischen Raum hatte. 1960 gründete er eine Gesellschaft „Arabo-Afrika“, die sich offiziell der Wirtschaftsforschung widmete, in Wirklichkeit aber als Fassade diente, hinter der sich vielfältige Geschäfte diskret abwickeln ließen. Gerüchten zufolge arbeitete Genoud damals nicht nur für die algerische Exilregierung, sondern auch für den ägyptischen Geheimdienst. Rechenberg stand in Algerien auf der anderen Seite und unterstützte französische Mordkommandos gegen die Aufständischen; der Freundschaft mit Genoud, die sich bei vielen Gelegenheiten auch geschäftlich bewährte, tat das keinen Abbruch.

Willi Winkler schildert die verschiedenen beruflichen Stationen von François Genoud, wenn man es einmal so nennen will, ausführlich. Nicht nur das Engagement im Algerienkrieg und die verschiedenen Verbindungen zum palästinensischen Terrorismus, sondern auch die anhaltenden publizistischen und juristischen Auseinandersetzungen um Hitlers sogenannte Tischgespräche, Goebbels' Tagebücher, aber auch um Nachlässe, etwa von Martin Bormann. Besonders im Falle Goebbels ist Genoud sehr erfolgreich. Bis zum Jahr 2015 – dann ist Goebbels 70 Jahre tot und sein Werk gemeinfrei – muss jeder, der Goebbels-Texte verwerten will, ja selbst Biografen, die den Nachlass nutzen wollen, an Genoud bezahlen. Seit seinem Tod gehen die Zahlungen an seine Rechtsanwältin und nunmehrige Testamentsvollstreckerin Cordula Schacht, die jüngste Tochter des früheren Reichsbankpräsidenten.

Trotz einer Fülle an farbigen Details bleibt Genoud auch in Winklers Biografie ein Schattenmann. Eine wirkliche Annäherung gelingt ihm nicht. Manchmal vermittelt die Lektüre den Eindruck, der Autor hat sich für die Person Genoud gar nicht so sehr interessiert, sondern mehr für die Geschichte der Bundesrepublik, auf die er mit geübter Polemik Schlaglichter wirft. Nicht immer ganz faktensicher ist Winkler, wenn es um die deutsche Zeitgeschichte geht. So verwechselt er den Reichsminister für die besetzten Ostgebiete mit dem Reichskommissar Ostland. Sehr ausführlich sind Winklers Ausführungen zu Carlos und zum deutschen Terrorismus, wobei ihm sicher der Umstand zugute- kommt, dass er vor drei Jahren eine Geschichte der RAF vorgelegt hat.

Willi Winkler hat durch intensive und jahrelange Recherchen viele interessante Informationen zusammengetragen. Dass sie am Ende in ihrer Fülle und Vielgestaltigkeit manchmal etwas verwirrend wirken und kein wirklich klares Bild von François Genoud, seiner Person, seinem Leben und seinem Wollen entsteht, liegt womöglich weniger am Unvermögen des Autors als an den Schwierigkeiten des Gegenstands, den er für seine Biografie gewählt hat. Lesenswert ist sein Buch gleichwohl.



Willi Winkler:

Der Schattenmann. Von Goebbels

zu Carlos:

Das mysteriöse Leben des François Genoud, Rowohlt Berlin,

Berlin 2011, 352 Seiten, 19,95 Euro.

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