HÖREN : Sängerkönig Nachtigall

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Kurios, dass ausgerechnet in den Berliner Parks die Nachtigallen noch lauter zu singen scheinen als ihre Artgenossen anderswo. Wer in diesen Wochen spätabends unterwegs ist, zum Beispiel im Treptower Park oder im Volkspark am Friedrichshain, hört ihre Weisen überdeutlich, die wunderschön geflöteten Passagen, das Keckern und Tirili, dutzende und hunderte Phrasen, die sie in die Nacht hineinsingen, und das mit einer Macht, die um ihre Unversehrtheit fürchten lässt: Fällt ein Vogel, der sich so sehr die Kehle aus dem kleinen Leib singt, nicht vor Erschöpfung irgendwann vom Ast? Woher dieser Stolz, das absolute Beharren auf der eigenen Kunst? Gehen Lied und Leid hier tatsächlich auch im Alltag eine Verbindung ein, wie in Oscar Wildes Geschichte von der Nachtigall, die sich im Singen einen Rosendorn in die Brust bohrt und dabei nur immer noch schöner singt?

„Die“ singende Nachtigall ist natürlich stets ein „er“, ein Männchen also, das noch unverpaart ist, wie es im Ornithologendeutsch heißt, beziehungsweise das gern ein Mädchen oder Weibchen hätte, wie Sänger vielleicht sagen würden. Jedenfalls könnte die Nachtigall gerade für menschliche Musiker ein gutes Vorbild sein. Sie singt, als ob es kein Morgen gäbe. Denkt sich ständig Neues auf. Lässt sich nicht beirren, nicht vom Lärm der Vorüberfahrenden, auch nicht von der Konkurrenz der Elektrobässe von weiter hinten im Park. Schon gar nicht von der Ignoranz der Welt. Sie sitzt also nicht bloß irgendwo im Gebüsch, sondern balanciert stets auch auf dem schmalen Grad zwischen himmlischer Vollkommenheit und geradezu autoaggressiver Verausgabung.

Sollte sie vernünftig sein und aufhören zu singen? Natürlich nicht. Denn das wäre nicht einmal vernünftig: Alles weitere zu diesem Thema steht im ungeschriebenen Rätselbuch „Musik und Ökonomie“ – und in den Publikationen der Biologin Silke Kipper von der Berliner FU, die auch in diesen Wochen wieder mit ihrer Forschungsgruppe in den Parks unterwegs ist, um dem Nachtigallengesang zu lauschen.

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