Hofer Filmtage : Splitter im Kopf

Wald, Waisen und junge wilde Männer: deutsche Sittenbilder bei den 43. Hofer Filmtagen.

Sebastian Handke

Mehr Pathos wagen! Katharina Marie Schubert hat einen herrlichen Kurzfilm gedreht über eine Frau, die sich wünscht, dass ihr die Liebe passiert wie im Film. Sie findet, es müsste wieder pathetischer zugehen. Die Dialoge wären auf Deutsch allerdings eine Zumutung, sagte Schubert nach der Vorführung, deshalb ließ sie alles in einer Kunstsprache vortragen. „Baiba ne ni porto“ heißt auf Wiedersehen, wenn etwas gut ist, sagt man „bonbon“, und „ausgesprochen entzückend“ heißt „impossibili crema“.

Schuberts Kurzfilm „Wabosh Wilma“ ist eins dieser kleinen Geschenke, auf die man nur bei Festivals stößt, aus purem Zufall. Nun kann nicht jeder junge Filmemacher, der etwas wagen und die Grenzen des deutschen Filmfernsehspielchens sprengen will, eine neue Mundart erfinden. Es geht auch ohne – wie auf den diesjährigen Hofer Filmtagen, dem Herbstgipfeltreffen des deutschen Films, zu besichtigen war.

Zum Beispiel das Langfilmdebüt des Österreichers Wolfgang Fischer, „Was du nicht siehst“: Der 17-jährige Anton (Ludwig Tepte) fährt mit Mutter (Bibiana Beglau) und deren Liebhaber (Andreas Patton) in ein Ferienhaus an der zerklüfteten Atlantikküste. Dort lernt er David und Katja kennen: frei, gefährlich, offenbar elternlos. Von ihnen lässt er sich mitreißen in einen Strudel der Gefühlsverwirrung – und erwacht in einen Albtraum. „Was du nicht siehst“ löst zwar nicht ganz ein, was der Film verspricht. Kurz und wuchtig hat Fischer das Finale angelegt, aber so recht wuchten will es nicht. Wie er jedoch mit Bildern arbeitet statt mit Dialogen, wie er Wald und See, Sonne und Nebel, Felder und Küste zu Protagonisten macht, das beeindruckt.

Wald, Waisen, Spätsommer. Auch das Regie-Duo Christian Becker und Oliver Schwabe („Ego-Shooter“) lässt ein wild lebendes Pärchen auf eine Rumpffamilie los. Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne) haben zwar keinen Wohnsitz, aber eine Geschäftsidee: Sie geben Menschen, was sie brauchen. Manu vertreibt einer alten Frau die Zeit, Jakob hat sich bei einem Ehepaar eingenistet, um den Platz des verstorbenen Sohns zu besetzen, bis es Zeit ist, weiterzuziehen. Doch diesmal ist es anders: Jakob will bleiben. „Zarte Parasiten“ ist die Geschichte einer doppelten Irritation: Zwei vor der Welt verschlossene Blasen zwingen einander zur Öffnung. Mit kühler Präzision treiben Becker und Schwabe die Auflösung voran.

Etwas mehr Sinn für die Mechanik der Zuspitzung hätte man auch Andreas Arnstedt gewünscht. Sein Spielfilmdebüt „Die Entbehrlichen“ mit André Hennicke und Ingeborg Westphal erzählt vom Auseinanderfallen einer Hartz-IV-Familie, streckenweise durchaus packend. Aber der Film leidet unter der unsicheren Hand des Debütanten. Zu unkonzentriert, zu viele Nebenschauplätze, zu viele Klischees. Dann lieber die Realität. Mike Bialk begleitete für „Die Maßnahme“ das Modellprojekt „Bürgerarbeit“ in einem sächsischen Dorf. 110 Arbeitslose sollen wieder Würde gewinnen (und aus der Statistik verschwinden), indem sie etwa Steine von einem Haufen auf den anderen sortieren. Von Hand, versteht sich. Arbeitsbeschaffung als Schildbürgerstreich. Und ein ziemlich fieses Spiel mit den Hoffnungen der Hoffnungslosen.

Astrid Schult zeigte in Hof eine Dokumentation über die Versehrtenversorgung der USA – im Militärkrankenhaus Landstuhl. Mitten in einem Land, das sich am Irakkrieg nicht beteiligen wollte. Gebrochener Hals, Splitter im Kopf, beide Hände verloren – die sehr jungen Soldaten können sich ihr Schicksal kaum anders begreiflich machen als mit dem schlichten Satz: „It’s my job.“ Und in Landstuhl? „It’s my job to heal.“ Bemerkenswert ist „Der innere Krieg“ auch deshalb, weil Schult die Frauen der Soldaten in den Blick nimmt, ihre Angst davor, ob der eigene Mann zurückkehrt, und falls ja: in welcher geistigen Verfassung. Auf diesen Schock kann sich niemand vorbereiten.

Die Stärke des deutschen Dokumentarfilms, in Hof war sie auch in diesem Jahr zu sehen. Daneben fällt auf, dass immer mehr Filme von Regie-Duos gedreht werden. Und während in den letzten Jahren vor allem junge Schauspielerinnen von sich reden machten, sind es nun ihre jungen Kollegen in den zahlreichen Männergeschichten der 43. Filmtage: Ludwig Tepte und Robert Stadlober, Christoph Letkowski („Parkour“), Nikolai Kinski („Die zwei Leben des Daniel Shore“) sowie das Ensemble von „66/67“. Fabian Hinrichs, Maxim Mehmet, Christoph Bach, Christian Ahlers, Fahri Ogün Yardim und Aurel Manthei bilden darin eine eingeschworene Gruppe von Fußballfanatikern mit Gewaltneigung, die sich reichlich spät der Herausforderung Realität stellen. Begabte Darsteller in einem Film, der allerdings sein Thema Hooliganismus vor lauter Figurenzeichnung ein wenig aus den Augen verliert.

Wagemutiger und heiß diskutiert: „Die zwei Leben des Daniel Shore“. Der Deutsch-Amerikaner Daniel (Nikolai Kinski) fühlt sich mitschuldig an einem Mord und zieht in die Stuttgarter Wohnung seiner verstorbenen Großmutter, um den Kopf freizubekommen. Doch die neuen Nachbarn sind unheimlich, und schon bald scheinen sich Gegenwart und Vergangenheit ineinander zu verschränken. „Daniel Shore“ ist nicht perfekt: Die Verschachtelung der Zeitebenen geht nicht immer auf, manchmal bricht die Spannung weg. Doch auch Michael Dreher („Fair Trade“) ist ein Regisseur, der in seinem Spielfilmdebüt mit Bildern zu arbeiten versteht.

Dass es ein solcher dialogarmer Film über die Schreibtische von Fördergremien und TV-Redakteuren hinweg überhaupt schafft, realisiert zu werden, ein Film, der weder Arthouse noch Genre ist, weder Amphibienfilm noch TV-Movie, der ganz ohne Milieu, schreiende Theatermimen oder sonstige bei den Anstalten so beliebten Relevanzen auskommt – das ist schon ein kleines Wunder. Allein dafür möchte man Regisseur Dreher und den Produzenten danken, und vor allem Ian Blumer für die vorzügliche Kamera und Lorenz Dangel für die grandiose Orchestermusik. Das war schon impossibili crema. Also, mehr Pathos wagen bitte, und: Baiba ne ni porto im nächsten Jahr.

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