Kultur : Holländische Malerei: Eis am Priel

Uta Kornmeier

Während man in jüngster Zeit froh sein kann, wenn im Winter etwas Schnee fällt, sind in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts auffällig oft verschneite Landschaften und zugefrorene Gewässer dargestellt. Auf den Gemälden von Jan van Goyen, Hendrick und Barent Averkamp oder Salomon van Ruysdael ziehen Pferde sogar schwer beladene Schlitten an eingefrorenen Schiffen und flinken Schlittschuhläufern vorbei. Diese Darstellungen werden oft als "versteckte Symbolik" gelesen: Kahle Bäume oder bewegungsunfähige Schiffsleiber stehen als memento mori für die Erinnerung an Tod und Vergänglichkeit, gestürzte Eisläufer als Warnung vor Selbstüberschätzung und Eitelkeit - die Winterlandschaft als Ermahnung an ein gottesfürchtiges Leben.

Andererseits zeichnet sich die holländische Malerei aber auch durch eine genaue, realistische Beobachtungsgabe aus. Könnte es da nicht sein, dass es im "Goldenen Zeitalter" der niederländischen Malerei kälter war als heute? Ausgehend von der Frage nach dem klimatischen Realitätsgehalt der Bilder haben die Berliner Gemäldegalerie und das Geoforschungszentrum Potsdam jetzt eine gemeinsame Ausstellung initiiert, die die holländischen Landschaftsdarstellungen mit den Ergebnissen der Geowissenschaften vergleicht.

Tatsächlich fanden Klimaforscher heraus, dass die Temperaturen auf der nördlichen Erdhälfte vor 1800 durchschnittlich 1,5 Grad Celsius tiefer lagen als im gegenwärtigen "modernen Klimaoptimum". Jahreszeitlich geschichtete Ablagerungen haben wie Jahresringe eines Baumes auf dem Boden vulkanischer Seen "Klimaarchive" geschaffen, aus denen die Forscher kältere Winter für die Zeit zwischen 1500 und 1800 ablesen können. Diese "kurzfristige" Klimaschwankung wird als "Kleine Eiszeit" bezeichnet. Ist sie tatsächlich auf den holländischen Gemälden dargestellt? Man möchte es gern glauben, doch gibt die Ausstellung keine überzeugende Anwort. Warum sollen die kalten Winter nur von holländischen Malern erkannt worden sein? Wie verhalten sich die Winterbilder zur zeitgenössischen Landschaftsmalerei der Nachbarn? Man hätte gern triftigere Argumente, dass die gezeigten Bilder wirklich repräsentativ für eine 300 Jahre währende Klimaperiode sein können. Auch insgesamt fügen sich die verschiedenen Teile der Ausstellung nicht zu einem einheitlichen Bild.

Bei dem Vergleich der gemalten mit tatsächlichen Wolkenformationen wird allerdings deutlich, wie naheliegend die Eiszeit-These ist. Referenzfotografien belegen, dass einzelne Wolkentypen in Farbe und Form meteorologisch genau wiedergegeben sind. Die hoch auftürmenden Cumulus- und dünnen Cirruswolken in Jacob van Ruisdaels Ansicht der Stadt Haarlem kann man beispielsweise als eine nächtlich vorüberziehende Kaltfront mit einfließender polarer Meeresluft deuten. Dieses Wetter eignet sich gut zum Bleichen von Leinen, das Ruisdael in langen Bahnen auf den Vorstadtwiesen ausgebreitet gemalt hat. Allerdings sollten Künstler, so lehrten es die Malereihandbücher des 17. Jahrhunderts, ihre Wolkenmotive immer im Einklang mit dem Bildthema finden. In Ruisdaels Gemälde dienen sie daher nicht nur der glaubhaften Inszenierung von Lichteffekten, welche die Bleichwiesen im Vordergrund hervorheben, sondern auch als Bekrönung der Stadt im Hintergrund. Die hohen Haufenwolken akzentuieren wie Kathedralendächer die stolze Bürgerstadt und ihr einträgliches Gewerbe. Ruisdael malte also nicht eine bestimmte, meteorologische Situation wie es die Impressionisten später taten, sondern komponierte metaphorische Hinweise zu einer stimmigen Einheit, die nicht nur abbildet, sondern auch deutet. Wenn dabei gelegentlich unwahrscheinliche Wolkensituationen entstanden, wie in van der Neers "Winterlandschaft mit Schlittschuhläufern", erinnert das nur daran, dass das Verhältnis von symbolischen und naturalistischen Elementen für jedes Bild neu bestimmt wurde.

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