Kultur : "Holocaust Industry": Trio Infernale

Ernst Piper

Ich muss mit einer persönlichen Vorbemerkung beginnen, denn die deutsche Ausgabe von Norman Finkelsteins Buch soll im Piper Verlag erscheinen, in jenem Verlag, den mein Großvater einst gegründet hatte und dessen geschäftsführender Gesellschafter ich bis zum Verkauf der Firma im Jahr 1994 war. Mein Vater hatte seinerzeit zur Verlagspolitik geschrieben

"Ich glaube, viele Angehörige meiner Generation haben nach den furchtbaren Jahren der deutschen Katastrophe wie ich empfunden: man kann nicht weiterleben, ohne nach den Ursachen dieser Katastrophe zu suchen, nach den tiefer liegenden Krankheitskeimen, die, im Zusamennwirken mit den offensichtlichen politischen und sozialen Faktoren, zur Verblendung von Millionen und zu Verbrechen unvorstellbarer Art führten."

Sein (und später auch mein) Streben folgte diesem Impetus. Das Ergebnis waren Bücher von Karl Jaspers, Alexander und Margarete Mitscherlich, Hannah Arendt, Joachim Fest, Karl-Dietrich Bracher, Peter Steinbach, Ruth Elias, Peter Longerich und vielen anderen bis hin zur "Enzyklopädie des Holocaust", die einen bedeutsamen Beitrag zur Aufklärung über die Schrecken des Nationalsozialismus leisteten.

Die neuen Inhaber des Verlages, ein schwedischer Medienkonzern, scheinen einem anderen Kurs zu folgen. Erst wurde Ernst Nolte, dessen "Europäischen Bürgerkrieg" mein Vater und ich abgelehnt hatten, mit seinem bizarren Spätwerk "Historische Existenz" in den Verlag zurückgeholt, einem Buch, über das die FAZ schrieb: "Für Ernst Nolte bilden die Faschisten die Gerechtigkeitsliga des Abendlands." Im Jahr darauf durfte Horst Möller den "roten Holocaust" verkünden. Und nun komplettiert der radikale Antizionist Norman Finkelstein das Trio Infernale.

Die Entscheidung des Piper Verlags, das Pamphlet "The Holocaust Industry" auf Deutsch herauszubringen, ist scharf kritisiert worden. Es ist selbstverständlich das Recht des Verlages, das Buch zu publizieren. Niemand sollte deshalb nach der Zensur rufen. Nach meinem Überblick hat das auch keiner getan. Aber es ist ebenso selbstverständlich jedermanns Recht, diese Entscheidung zu kritisieren. Finkelstein vereinigt ein Minimum an Substanz mit einem Maximum an Provokation. Autor und Verlag spekulieren auf "Kasse statt Klasse" (Salomon Korn).

Finkelstein lehrt in New York politische Theorie und internationale Beziehungen. Er hat in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Büchern vorgelegt und gilt als Palästina-Spezialist. 1996 erschien seine Geschichte der Intifada, 1998 das Buch "Eine Nation auf dem Prüfstand", in dem Finkelstein sich mit dem ihm eigenen polemischen Furor bemüht, Daniel Goldhagen als zionistischen Ideologen zu entlarven. Das Buch erschien medienwirksam zu einem Zeitpunkt, als angesichts vieler kritischer Stellungnahmen von Fachhistorikern die Begeisterung für Goldhagen ohnehin stark nachgelassen hatte und er gewissermaßen zum Abschuss freigegeben war.

"Eine Nation auf dem Prüfstand" war kein Beitrag zur Holocaust-Forschung, dafür würde Finkelstein auch jede Sachkunde fehlen. Die Schrift ist zu sehen im Rahmen des innerjüdischen Dialogs in den USA. Das gilt auch für sein neues Buch "The Holocaust Industry". Dieses Pamphlet polemisiert vor allem gegen Peter Novick. Dessen Buch "The Holocaust in American Life" übt auch deutliche Kritik an mancherlei Missständen, tut dies aber in fundierter und sachlicher Weise. Die Beschäftigung mit der Rezeptionsgeschichte des Holocaust ist schon seit einigen Jahren im Gange. Man denke zum Beispiel Tim Coles Buch "Selling the Holocaust; From Auschwitz to Schindler" oder an den von Hilene Flanzbaum herausgegebenen Sammelband "The Americanization of the Holocaust". Finkelstein hat sich an dieser Debatte, die ihn in Wirklichkeit nicht interessiert, nicht beteiligt und für die Publikation seines Pamphlets instinktsicher den medienwirksamsten Zeitpunkt, den Abschluss der Verhandlungen über die Entschädigung der Zwangsarbeiter, abgewartet. Ulrich Herbert, auf Grund seiner Forschungen unter den Historikern die führende Autorität in der Zwangsarbeiterfrage, hat in der "Süddeutschen Zeitung" vom 18. August alles Notwendige zu den Verirrungen und Verdrehungen Finkelsteins in dieser Frage gesagt.

Festzuhalten bleibt, dass die Zwangsarbeiter, die jetzt entschädigt werden, in der Regel nicht aus Konzentrationslagern kamen und auch keine Juden waren. Unter den Anwälten dagegen, die heute ihre Interessen vertreten, gibt es Juden, wie überhaupt in den großen amerikanischen Anwaltskanzleien. Wir erinnern uns, dass den Nationalsozialisten die Zahl jüdischer Ärzte und Rechtsanwälte im Berlin der zwanziger Jahre auch ein Dorn im Auge war.

Rezeptionsgeschichtlich stehen wir, über 50 Jahre nach Kriegsende, sicherlich an einer Schwelle. Die Gefahr der Dekontextualisierung des Holocaust ist nicht von der Hand zu weisen. Das von Finkelstein so übel attackierte Holocaust-Museum in Washington ist dafür aber gerade kein geeignetes Beispiel. Finkelstein bemüht sich krampfhaft, überall das Wirken geheimnisvoller "jüdischer Eliten" zu sehen, die die Erinnerung an die Ermordung der europäischen Juden zynisch instrumentalisieren. Er geht nicht so weit zu behaupten, der Holocaust habe gar nicht stattgefunden. Die National-Zeitung jubelt trotzdem über seine Thesen, liefert Finkelstein doch Munition für den alten Glauben an das jüdische Weltherrschaftsstreben.

Wer diese völlig überzogene Polemik gegen gewisse Auswüchse der amerikanischen Beschäftigung mit dem Holocast ins Deutsche übersetzt, sollte sich darüber im klaren sein, was für verheerende Wirkungen dieses Gedankengut in dem Land haben kann, von dem die namenlosen Verbrechen des Naziregimes ihren Ausgang genommen hatten.

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