Holocaustforscher : Die Akten zum Sprechen bringen

Zuständig für das Wie, nicht das Warum: Zum Tod des unbeirrbaren Pioniers und Holocaustforschers Raul Hilberg.

Walter H. Pehle
Raul Hilberg
Hilberg - ein unermüdlicher Denker. -Foto: Andreas Labes

Die Nachricht vom Tod des großen Holocaustforschers Raul Hilberg in seiner zweiten Heimat Burlington/Vermont am 4. August wühlt auf. Ein halbes Jahrhundert lang hat er sich mit den Akten der Täter beschäftigt. Er war einer der Ersten, die in Washington mit ihren Forschungen begannen. Es gab keine Umgangsformen, nicht einmal eine Sprache, mit der die ungeheuerlichen Vorgänge hätten zum Ausdruck gebracht werden können. Außerdem: Niemand interessierte sich damals für das Thema, auch Verlage nicht.

Raul Hilberg hat sich von solchen Widerständen nicht beirren lassen: Entstanden ist dennoch seine große Gesamtdarstellung „Die Vernichtung der europäischen Juden“, die 1961 als Buch in den USA herausgekommen ist. Bis heute – und gewiss über den heutigen Tag hinaus – ist sie das Standardwerk zum Thema.

Als Student habe ich mich Ende der sechziger Jahre durch „den“ damals nur auf Amerikanisch vorliegenden „Hilberg“ durchgearbeitet. Das in einem unbedeutenden US-Verlag erschienene Buch zu zitieren, wurde damals nicht gern gesehen. Niemand konnte voraussagen, dass es eines Tages zu den 50 Klassikern der Zeitgeschichte gezählt werden würde.

Raul Hilberg, 1926 in Wien geboren, 1939 mit den Eltern gerade noch rechtzeitig vor den Nazis geflohen und über Paris und Kuba in die USA emigriert, Hilberg, der nach einem Studium an der Columbia University immer ein wissenschaftlicher Außenseiter blieb, der ab 1956 Politikwissenschaft an der kleinen Universität Burlington in Vermont lehrte und die Akten der Nürnberger Kriegsverbrecherprozesse studierte – er war (und bleibt) für mich einer der ganz Großen seines Fachs. Einer, dem man nicht einfach einen Brief schreiben konnte. Man musste schon gute Gründe haben.

Als Lektor einer Buchreihe über die Zeit des Nationalsozialismus hatte ich mich mit der Publikation von Büchern seiner Lehrer in New York vorbereitet: mit Ernest Fraenkels „Doppelstaat“ und Franz Neumanns „Behemoth“. Das Wagnis, einen Brief nach Vermont zu schreiben, wurde belohnt: 1990 erschien in der Schwarzen Reihe des Fischer Verlags die überarbeitete Fassung der 1982 bei Olle & Wolter publizierten deutschen Erstausgabe. Mehr noch: Die inzwischen in der 10. Auflage vorliegende dreibändige Kassette zeigt, dass sich Raul Hilbergs Werk in Deutschland durchgesetzt hat.

Über Erfolge haben wir nie gesprochen. Raul Hilberg schon gar nicht. Er ging auf in seiner unbeirrbaren Forschungsarbeit, zuletzt in der Betreuung von diversen Übersetzungen seiner Bücher im Ausland. Er hatte in seinem schmucklosen Flachdachbungalow in Burlington alles seiner Arbeitsweise unterworfen: Er besaß keine Bibliothek – diese stand ihm in der nahe gelegenen Universität zur Verfügung –, sondern Reihen von stählernen Schränken mit Tausenden von Hängeregistraturen, gefüllt mit Akten. Als ich ihn einmal in Burlington besuchte, hatte er zur Begrüßung fünf Bücher aus „meiner“ Reihe dort aufgestellt …

Raul Hilberg war ein extrem zurückhaltender Mensch, einsam und eigen, kantig in seinen Formulierungen – man konnte das Wienerische im Hintergrund noch heraushören und Wiener Witz, den er bis zuletzt aufblitzen lassen konnte. Manchen Beobachtern erschien er rätselhaft. Er hatte – das ist heute selten – eine Aura. Wenn er etwa vor großem Publikum sprach, zum Beispiel in der Frankfurter Paulskirche, konnte man noch in der letzten Reihe eine Stecknadel fallen hören; stets sprach er frei und ohne Adjektive, sein Publikum fest im Blick; ein Vortrag dauerte exakt 45 Minuten; am Ende pflegte er mit beneidenswerter Sicherheit den Faden vom Anfang wieder aufzunehmen.

Dennoch: Hilberg passte nicht in die zeitgeistigen Diskursgewohnheiten des Universitätsbetriebs. Auch scheute er den Konflikt nicht, etwa in der Auseinandersetzung mit Hanna Ahrendt. Er vertrat keine „Lehre“ wie Daniel Goldhagen („eliminatorischer Antisemitismus“) und war weit davon entfernt, nach all seinen Forschungen nun einfache Erklärungen anzubieten; die Frage nach dem Warum ließ er unbeantwortet – er sah sich zuständig für das Wie. Er stand für mediengerechte Großauftritte nicht zur Verfügung und war im Übrigen schwer zu erreichen.

Als ein geradezu besessener Archivreisender vertraute er nur (Täter-)Akten, die er wie kaum ein Zweiter zum Sprechen bringen konnte. In jeder Akte suchte er das verborgene Ganze zu entschlüsseln: das arbeitsteilige und hochkomplexe Projekt der Judenvernichtung durch Deutsche und ihre zuarbeitenden Kollaborateure. Zeitzeugen stand er eher distanziert gegenüber.

Hilberg hat die moderne Holocaustforschung begründet. Auf sein Hauptwerk folgten in den neunziger Jahren „Täter, Opfer, Zuschauer“, eins der ersten Werke der Täterforschung, seine Memoiren „Unerbetene Erinnerung“ und zuletzt, 2002, „Quellen des Holocaust“. Ohne seine Arbeit wären viele Forscherinnen und Forscher nicht zu ihren eigenen produktiven Fragestellungen und tragfähigen Ergebnissen gekommen. Hilberg hat – lange unverstanden – mit seinem prozessualen Denken unter den Stichworten Zählung, Enteignung, Vertreibung, Konzentration und Vernichtung die Forschung also auch nachhaltig beeinflusst.

Von Raul Hilberg lernen heißt Bescheidenheit lernen. Das ist kein Geringes. Als klar wurde, dass er bald sterben würde, kommentierte der zuletzt 81-Jährige seine Situation mit den Worten: „Es geschieht entweder dies oder das.“ Ich vermisse ihn schon jetzt.

Der Historiker Walter H. Pehle lektoriert Raul Hilbergs Werke bei den S. Fischer Verlagen.

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