Hong Sang-soo : Soju im Blut

Retrospektive im Berliner Kino Arsenal: Liebeserklärung an die wilden Filme des Koreaners Hong Sang-soo

Rudolf Thome
Seoul bei Nacht. Schon Hong Sang-soos Debütfilm „The Day The Pig Fell Into the Well“ (1996) zelebriert die Großstadt-Tristesse.
Seoul bei Nacht. Schon Hong Sang-soos Debütfilm „The Day The Pig Fell Into the Well“ (1996) zelebriert die Großstadt-Tristesse.Foto: Arsenal

Als ich anfing, Filme zu machen – vor fast 50 Jahren ,– gab es die Filme von Jean-Luc Godard, die mich verrückt machten mit ihrer Schönheit, Poesie und den Freiheiten, die sich Godard beim Erzählen herausnahm. Ich wollte all das besitzen, bin mit einem Tonbandgerät ins Kino gegangen und habe den Filmton aufgenommen. Es war Liebe. Heute, wo ich mit dem Gedanken spiele, mit dem Filmemachen aufzuhören, habe ich die Filme von Hong Sang-soo aus Südkorea entdeckt. Und es geht mir genauso wie damals.

Vor zwei Jahren sah ich den ersten Film von ihm: „The Turning Gate“ von 2002. Es geht darin wie in allen seinen Filmen, ich will es mal krass ausdrücken, um Saufen und Sex. Zwei Freunde treffen eine Frau und gehen mit ihr Soju trinken, der eine geht betrunken weg, der andere und die Frau schauen sich endlos lange stumm an. Dann sagt die Frau: Küss mich, um das Eis zu brechen. Der Mann küsst sie. Eine Minute später liegen beide nackt im Bett und schlafen miteinander. In einem anderen Film ist ein Mädchen vergewaltigt worden. Ein Freund seift sie liebevoll unter der Dusche ein. Er schläft mit ihr, damit sie wieder sauber wird. Das sagt er ihr.

Es geht also um Männer und Frauen. Längere Verführungsszenen sind nicht nötig. Wenn beide genügend Soju getrunken haben, sagt der Mann „Ich liebe dich“und dann liegen sie im Bett. Meistens begegnet ein Mann mehreren Frauen, denn im Grunde sind die Filme keine Liebesgeschichten. Man könnte fast sagen, es sind Abenteuerfilme, allerdings ohne Höhepunkte und ohne Gefahren. Es sind Spaziergänge durch das Leben.

Es gibt auch keine Dramaturgie. Manche Filme sind in nummerierte Kapitel unterteilt, andere erzählen mehrere Geschichten, die sich vermischen und überlagern. Wenn man einen Film gesehen hat und dann einen anderen, kann man beide kaum mehr auseinanderhalten. Wenigstens mir geht es so. Denn was man gerade sieht, ist so real, so wenig konstruiert, dass man das Denken und das Herstellen eines Zusammenhangs vergisst.

Filme von Hong Sang-soo sehen ist wie Alkohol trinken. Man wird betrunken davon. Soju ist ein teuflisches Gesöff, fast doppelt so stark wie Wein, aber süß wie Saft. Hong Sang-soo baut seine Filme um diese kleinen grünen koreanischen Flaschen herum. Inzwischen habe ich alle Filme des 52-jährigen Regisseurs gesehen. Mein Lieblingsfilm ist „Oki’s Movie“ (2010), er ist so seltsam wie ein Gebilde von einem anderen Stern. Alles, was darin verborgen ist, erschließt sich nur teilweise, wie Einschlüsse in Bergkristallen.

„Oki’s Movie“ besteht aus vier kurzen Filmen. Der erste zeigt einen verheirateten jungen Filmprofessor. Seine Frau will nicht, dass er raucht, und schon gar nicht, dass er trinkt. Dann gibt es Szenen an der Universität und am Ende ein Publikumsgespräch. Eine Frau stellt wirft ihm vor, dass er mit ihrer Freundin geschlafen hat, die vor vier Jahren seine Schülerin war, und ihr Leben zerstört hat. Die zweite Episode zeigt den Professor, als er noch Filmstudent war. Die Leute, die ihm auf einem Spaziergang begegnen, sagen ihm, dass er auf einem internen Hochschulfestival den ersten Preis gewonnen hat. Das interessiert ihn nicht besonders. Er interessiert sich für eine Kommilitonin, Oki. Die hat allerdings eine Liebesbeziehung zu einem älteren Professor. Sie trinken Soju und nach einem wilden Kuss, fast eine Vergewaltigung, sagt sie: Du bist ein guter Küsser. Nachdem er die Nacht vor ihrer Wohnung in der Kälte verbracht hat und eingeschlafen ist, nimmt sie ihn mit in die Wohnung. Schnitt. Sie liegen im Bett und schlafen miteinander.

Im dritten Film ist das Paar allein mit dem alten Professor im Seminarraum und darf ihn alles fragen, was für sie im Leben wichtig ist. Wegen eines Schneesturms ist kein anderer Student gekommen. Was in dieser Szene gesagt wird, erinnert an Anna Karinas Gespräch mit einem Philosophen in „Vivre sa vie“ von Godard. Ich bin mir sicher, dass Hong Sang-soo dabei an ihn gedacht hat, er ist ein direkter Nachfolger von Godard.

Nummer vier ist ein Film im Film der Studentin Oki. Sie versucht, ihre Beziehung zum Professor und zum Filmstudenten direkt miteinander zu vergleichen. Sie geht mit ihnen auf einen Berg und zeigt, was der „alte Mann“ gemacht und gesagt hat, und gleichzeitig, wie der „junge Mann“ sich verhalten hat. Darin steckt so viel unaufdringliche Lebensweisheit und Poesie wie in 100 anderen Filmen. Mein Gott, schöner kann Kino nicht sein.

Rudolf Thome lebt als Filmemacher in Berlin. Seine wichtigsten Film: „Rote Sonne“, „Berlin Chamissoplatz“, „Paradiso“, zuletzt „Ins Blaue“ (2011). Am Samstag, den 10.11., stellt er im Arsenal Hong Sang-soos „Like You Know It All“ vor, um 19.30 Uhr. Die Retrospektive mit 14 Filmen des Koreaners läuft noch bis 24.11.. Am 19. und 20.11. stellen der Regisseur und Hauptdarsteller Yoo Jun-sang zwei Filme persönlich vor. Am 18.11. findet im Koreanischen Kulturzentrum (Leipziger Platz 3) ein internationaler Workshop mit ihm statt, auf Englisch, der Eintritt ist frei. Infos: www.arsenal-berlin.de, www.kulturkorea.org

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