Kultur : Hooligans des Himmels

Fabelhaft neu übersetzt: die Poesie des großen Briten Gerard Manley Hopkins

Volker Sielaff

Seine Gedichte sind, wie wenige andere ihrer Zeit, von Empathie getragen. Sie sind wild-schöpferisch, eruptiv und berauscht. Liest man etwa die oft anthologisierte „Gescheckte Schönheit“ mag man kaum glauben, dass man es mit einem Dichter des 19. Jahrhunderts zu tun hat. Für Gerard Manley Hopkins war es ein unlösbarer Konflikt, Ästhetik und Askese zu verbinden. Nur im Zeugungsmoment eines Gedichts war dieser Konflikt für ihn aufgehoben.

1844 in Stratford, Essex geboren, konvertierte Hopkins 22-jährig zum Katholizismus; zwei Jahre später trat er in den Jesuitenorden ein. Es folgten ein Theologiestudium sowie seelsorgerische Tätigkeiten an ständig wechselnden Orten. Man kann sich diesen Mann als eine Art konfessionellen Streetworker vorstellen, mit allem, was das für die Seele eines Schöngeistes wie ihn bedeutet haben muss. Sein langjähriger Freund Robert Bridges machte sogar die strengen Regeln der Jesuiten (Briefzensur, Selbstbestrafungsexerzitien) für Hopkins’ frühen Tod 1889 verantwortlich.

Hopkins hat zu Lebzeiten nichts veröffentlicht. Mit Horaz glaubte er, dass ein Gedicht neun Jahre auf seine Veröffentlichung warten sollte, damit es wachsen und reifen könne. Es war ein Ordensoberer, der ihn 1875 zu dem Poem „The Wreck of the Deutschland“ (Der Schiffbruch der Deutschland) aufforderte. Mit ihm setzte die zweite, wesentliche Schaffensphase des Dichters ein.

Hopkins forscht darin seiner eigenen Hinwendung zum Katholizismus nach. Doch mit seinen eigenwilligen sprachlichen und rhythmischen Neuerungen hatte er zunächst wenig Erfolg, und so blieb auch dieser Text ungedruckt, nachdem die Jesuitenzeitschrift „The Month“ ihn sogar schon angenommen hatte.

Hopkins ist ein Dichter des Rühmens und Preisens. Sehen, Schauen, Aufnehmen – das war für ihn ein fast erotischer Vorgang. Eine andere Verkündigung. Doch nicht einmal der spätere Poeta laureatus Robert Bridges, der 1918 eine erste Hopkins-Ausgabe besorgte, konnte einen Zugang zu dieser Poesie finden. Hopkins ist schwer übersetzbar. Ursula Clemen und Friedhelm Kemp haben sich daran versucht (1954 bei Kösel, 1973 bei Reclam), Wolfgang Kaussen (1993 im Verlag SPQ) sowie Stefan Döring, Gerhard Falkner, Henryk Gericke und Andreas Koziol (1995 bei Galrev). Nun also die in Finnland lebende Dichterin Dorothea Grünzweig, die eine lebenslange Liebe zu Hopkins verbindet, worüber sie in einer Nachbemerkung Auskunft gibt.

„Geliebtes Kind der Sprache“, zu dem parallel eine Hörbuch-Einführung des Münchner Lyrik Kabinetts erscheint, ist ein Buch, dem man anmerkt, dass es aus einer poetischen Leidenschaft geboren ist. Dorothea Grünzweig befindet sich mit ihren Übertragungen ganz auf der Höhe von Hopkins’ bestürzend neuartigen Wortschöpfungen.

Man könnte ein eigenes Wörterbuch des Grünzweig’schen Hopkins-Deutsch zusammenstellen. Wörter und Wortschöpfungen wie „Gefetz, Gelitz von Grünerei“ (Eschenäste), „die tüpflige Hinschwinde-Wange“ (Morgen-, Mittag- und Abendgabe), „Lustiglaschen, an Lindenbäumen“ (Heiterer Bettler) oder gar „Himmels-Hooligans“ und der „lichte Randaliererwind“ müssten darin Platz finden. Da die Ausgabe zweisprachig ist, kann jeder selbst ihre Leistung überprügen: „Wolken-Bauschball, Fledderbüschel, Flatterhaipfel / brüsten sich, / tollen dann fort auf luft- / Gebauter Durchgangsstraße: Himmels-Hooligans, Gebrüder Lustig, / sie wimmeln; glitzern in Paraden...“. Dorothea Grünzweig, die für ihr eigenes Werk am kommenden Dienstag den ersten Anke Bennholdt-Thomsen-Lyrikpreis der Deutschen Schillerstiftung in Weimar erhält, hat uns einen Hopkins geschenkt, mit dem wir es lange werden aushalten werden.

Gerard Manley

Hopkins:
Geliebtes Kind der Sprache.

Gedichte. Aus dem Englischen von Dorothea Grünzweig. Edition Rugerup, Hörby 2010. 304 S., 29,90 €.

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