Kultur : Hüter der Schrift

Zum Tod des Kafka-Forschers Sir Malcolm Pasley

Hans-Gerd Koch

Kafka kam 1961 mit einem Käfer nach England. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen war es den Nichten Kafkas gelungen, den größten Teil der Manuskripte wieder in die Obhut der Familie zu bringen, und Malcolm Pasley übernahm mit seinem Volkswagen den Transport aus der Schweiz nach Oxford. Der Germanist hatte sich auf Bitten der Erben für Aufnahme der Handschriften in die berühmte Sammlung der Bodleian Library eingesetzt und sollte sie künftig betreuen. Der Parforceritt mit dem Käfer durch Europa war der Beginn einer lebenslangen Passion.

Malcolm Pasley, am 4. April 1926 im indischen Rajkot geboren, war Tutor und Fellow des Magdalen College der Oxforder Universität und hatte zahlreiche Publikationen zur deutschen Literatur vorgelegt; jetzt stellte er sich fast ganz in den Dienst Kafkas. Seiner Initiative verdanken wir die erste systematische Erfassung und Datierung der Handschriften und die Kritische Kafka-Ausgabe des S. Fischer Verlags.

Von einer tiefen Zuneigung zur deutschen Kultur geprägt, voller Bewunderung für Büchner, Kafka und Nietzsche, war Pasley doch durch und durch Brite – was der Kritischen Ausgabe durchaus anzumerken ist. Seiner Überzeugungskraft ist das Gelingen dieses großen Editionsprojekts zu verdanken, das nun kurz vor dem Abschluss steht. Ohne einen Mitarbeiterstab, wie ihn deutsche Professoren benötigen, edierte Pasley die ihm übertragenen Bände: Fein säuberlich tippte er jedes Manuskript eigenhändig in die Maschine. Den Höhepunkt der philologischen Kärrnerarbeit stellte – wohl auch für ihn – die Edition des Romans „Der Proceß“ dar. Pasley gelang es, die einzelnen Entstehungsphasen des Romans zu entschlüsseln, wobei die überraschendste Erkenntnis sicherlich diejenige war, dass Kafka gleich zu Beginn das erste und das letzte Kapitel niederschrieb.

Dieser Höhepunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit markiert zugleich einen tragischen Wendepunkt: Im Sommer 1990 zeigten sich erste Symptome einer unheilbaren Krankheit, die ihn zum Rückzug aus der Öffentlichkeit veranlassten – nicht aber zur Einstellung der Arbeit. Zwar musste er die ihm anvertraute Sammlung niederlegen; aber er hielt sich weiter in seinem „study“ auf, umgeben von einer Bibliothek, die jedem germanistischen Institut zur Ehre gereicht hätte.

Als Malcolm Pasley Anfang der Sechzigerjahre auf Kafkas Spuren in Prag forschen wollte, geriet er vor dem Konsulatsbeamten der kommunistischen CSSR in Erklärungsnotstand, als es um die Begründung für seinen Einreiseantrag ging. Der Beamte war um einen Ausweg nicht verlegen. „Wissen Sie“, erklärte er, „das Einfachste wäre, dieser Kafka würde Ihnen eine Einladung schicken.“ Eine absurde Geschichte, die Franz Kafka gefallen wird. Sir Malcolm Pasley starb am 4. März in Oxford.

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