Humboldt-Forum : Netzwerk für die Welt

Das Goethe-Institut kann ein wichtiger Partner für das Humboldt-Forum sein, schreibt der Präsident des Goethe-Instituts Klaus-Dieter Lehmann. Doch das geht nicht ohne feste Absprachen.

Klaus-Dieter Lehmann
Noch tummeln sich hier die Bauarbeiter - und bald die Berlin-Besucher? Das Stadtschloss, das das Humboldt-Forum beherbergen wird.
Noch tummeln sich hier die Bauarbeiter - und bald die Berlin-Besucher? Das Stadtschloss, das das Humboldt-Forum beherbergen wird.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Es gibt Krach im Schloss. Manfred Rettig, oberster Manager der Großbaustelle, geht – wegen Differenzen mit der Gründungsintendanz des Humboldt-Forums. Rettig sieht den Zeit- und Kostenplan in Gefahr. Klaus-Dieter Lehmann ist Präsident des Goethe-Instituts und war zuvor Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Er gilt als Erfinder der Idee, im wiederaufzubauenden Schloss das Humboldt-Forum mit den außereuropäischen Sammlungen einzurichten.

Der Schlossplatz bildet die historische Mitte Berlins. Hier nahm die Geschichte der Stadt ihren Anfang. Mittelpunkt war über Jahrhunderte das Hohenzollernschloss als staatliche Repräsentanz, um das sich die Stadt entwickelte, beginnend in der Mitte des 17. Jahrhunderts, endend in den Trümmerlandschaften des Zweiten Weltkrieges. Schließlich wurde auch die Ruine in der Nachkriegszeit dem Erdboden gleichgemacht.

Die Rekonstruktion ist eine ungewöhnliche Chance

Inzwischen ist das verschwundene Schloss wieder als Rohbau existent. 2018 wird es als Humboldt-Forum seine bauliche Transformation abgeschlossen haben und in seinen Funktionen als Zentrum der Weltkulturen zur Verfügung stehen. Man mag die Rekonstruktion als nicht adäquat zur Aufgabenstellung kritisieren, man kann sie aber auch als ungewöhnliche Chance begreifen. So wie Christo durch die Verhüllung des Reichstages den dunklen, massiven Bau zu einem transitorischen Erinnerungsort des vereinigten Deutschlands hat werden lassen, attraktiv und akzeptiert, so könnte die Transformation des Preußenschlosses zu einem Weltort für Kunst und Kultur die Wandlung unserer Gesellschaft von Intervention zu Dialog belegen.

Langzeitdokumentation vom Bau des Berliner Stadtschlosses
Das sieht doch nach was aus. Nicht wahr. In fast 30 Meter Höhe ...
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1 von 479Foto: Kitty Kleist-Heinrich
02.05.2016 11:39Das sieht doch nach was aus. Nicht wahr. In fast 30 Meter Höhe ...

Schon heute lassen die hohen und lichten Galerien, die Raumfolgen und die großzügigen Flächen ahnen, dass die Ausstellungen, Veranstaltungen und Begegnungen vielfältige Gestaltungsmöglichkeiten bieten und zum Flanieren, Staunen und Innehalten einladen. Die Chance muss aber bewusst ergriffen werden. Sie liegt nicht allein im Umzug der Museen von der Peripherie in die Mitte Berlins. Das wäre ganz sicher zu wenig. Sie liegt auch nicht in einer institutionellen gegenseitigen Abgrenzung, sondern in einer von Anfang an mitgedachten räumlichen Flexibilität und einem integrativen Konzept der Partner.

Nicht das Ende der planvollen Mittelvergabe

Mit dem Ausscheiden von Manfred Rettig als Chef der Schloss-Stiftung sollte man jetzt nicht das Ende der planvollen Mittelvergabe in Gefahr sehen. Man sollte vielmehr mit dem jetzt beginnenden Innenausbau eine enge Abstimmung zwischen Nutzer und inhaltlichem Planer, Bauherr, Architekt und Finanzverantwortlichen herstellen, die auf einer verbindlichen Verantwortung der Beteiligten beruht. Nur ein intensiver Dialog zwischen den Beteiligten wird eine architektonische Lösung ermöglichen, die die Nutzererwartungen erfüllt und damit das Interesse der Öffentlichkeit.

Das Humboldt-Forum kann eine Institution sein, die die Geschichten der nicht-europäischen Kulturen in ihren vielfältigen Ausprägungen erzählt, die einen Dialog anbietet in einer sich ständig verändernden Welt, historisch reflektiert und zeitgenössisch bezogen, die uns das Andere vermittelt. Das gilt für die vorkolonialen, die kolonialen und die postkolonialen Zeiten, es gilt aber auch für Perspektiven in die Zukunft.

Es genügt nicht, historische Objekte zu konservieren

Wichtig für das Konzept ist auch die einmalige Konstellation, dass in Berlin ein direkter Dialog von europäischen Kulturen aufgrund der reichhaltigen Sammlungen auf der Museumsinsel und dem Fundus der nicht-europäischen Kulturen im Humboldt-Forum möglich ist. Wenn die Museumsinsel ein erfolgreiches Konzept für das 19. Jahrhundert war, dann kann das Humboldt-Forum das Konzept für das 21. Jahrhundert werden, insbesondere der Dialog zwischen beiden. Und wenn das Humboldt-Forum in einem solchen Kontext erfolgreich sein will, genügt es nicht, historische Objekte zu konservieren oder als reine Museumssammlungen zu speichern. Das Humboldt-Forum muss intellektuelle und künstlerische Erkenntnisse und Präsentationen in einer breiten Interpretation zugänglich machen. Den Reichtum der Sammlungen zu nutzen und in anschauliche Geschichten zu übertragen, das wird erwartet. Das Humboldt-Forum ist kein frei schwebender Think-Tank. Es orientiert sich an den Sammlungen, in dem es Fragen an sie oder Fragen aus ihnen stellt, über Sammlungsgrenzen hinweg und in Zusammenarbeit mit Experten und Kuratoren aus allen Weltregionen.

Hierarchisierung ist keine Option für unsere Zeit

Shared Heritage ist dafür kein modischer Begriff, es ist die Arbeitsgrundlage für ein gemeinsames Bemühen um Symmetrie und gegen einseitige Deutungshoheit. Daraus leitet sich die Glaubwürdigkeit des Konzeptes ab. Grundprinzipien sollten sein: Wertschätzung von Vielfalt, Kompetenz der Akteure und die Bereitschaft zu Veränderungsprozessen. Arroganz und Hierarchisierung sind keine Optionen für unsere Zeit.

Entscheidend wird von Anfang an die Einbeziehung von ausländischen Experten sein, um einen offenen und multi-perspektiven Blick auf die Objekte und die Themen zu haben. Um diesem Anspruch systematisch gerecht zu werden sollte das Humboldt-Forum aus zwei Komponenten bestehen: dem Humboldt-Forum im Berliner Schloss und einem engen internationalen Netzwerk von Partnern, die für den Austausch von Wissen, Erfahrung und die Kenntnis aktueller Veränderungen sorgen. Damit lässt sich ein ständiger Austausch mit den verschiedenen Weltregionen sichern und eine verlässliche zeitgenossenschaftliche Verankerung erreichen.

Goethe-Institut kann Außennetz des Humboldt-Forum darstellen

Das Goethe-Institut mit seinem weltweiten Netz von 160 Instituten in knapp 100 Ländern kann dieses Außennetz des Humboldt-Forums darstellen. Es verfügt in den verschiedenen Regionen über einen engen Kontakt zu den Experten und Institutionen, es ist vertraut mit den verschiedenen Altersgruppen, gesellschaftlichen Gruppen und Kulturen.

Die Goethe-Institute entwickeln vor Ort partnerschaftlich Projekte im Bildungs- und Kulturbereich als Teil einer gemeinsamen Verantwortung, sie produzieren Koproduktionen, unterstützen kulturelle Vielfalt und organisieren Austauschprogramme. Es ist ein aktiver kultureller Dialog von beiden Seiten, kein Dialog der Unverbindlichkeit, kein Dialog der abstrakten Prinzipien und auch kein Dialog, der sich nur aus tagesaktuellem Geschehen speist. Es ist ein Dialog, der wirkliche Antworten geben will und Verantwortung eingeht. Das Goethe-Institut kann sich auch in Koproduktionen engagieren und Künstler und Kulturakteure im Rahmen von Residenzprogrammen im Schloss einbeziehen.

Strategische Partnerschaft wirkt belebend

Voraussetzung für eine solche kontinuierliche Beteiligung und ein partnerschaftliches Engagement von Humboldt-Forum und Goethe-Netz ist die vertragliche Regelung der Aufgaben im Rahmen des Humboldt-Forums. Vorstellbar ist eine Übereinkunft der Staatsministerin für Kultur und Medien und des Außenministers, um Innen-Kulturpolitik und Außen-Kulturpolitik zu verknüpfen. Eine solche strategische Partnerschaft schränkt die jeweils projektbezogene Zusammenarbeit zu anderen Kulturmittlern und zu Einrichtungen wie Wissenschaftskolleg, Berliner Festspielen oder Haus der Kulturen der Welt in keiner Weise ein, im Gegenteil, sie wird sie beleben.

Der Autor dieses Textes, Klaus-Dieter Lehmann.
Der Autor dieses Textes, Klaus-Dieter Lehmann.Foto: ddp

Erste Erfahrungen konnten bereits auf dem Weg zum Humboldt-Forum mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gemacht werden. In einem Arbeitsplan wurden zunächst Forschungsreisen vorgesehen, die der direkten Informationsgewinnung, dem Aufbau eines Expertennetzes und einer jeweils regionalen Abschlusskonferenz dienen sollten.

Im Februar 2013 fand die erste Reise in den Pazifik, Australien und Neuseeland statt mit mehreren Konferenzen, 2014 eine Reise nach Brasilien mit einer Abschlusskonferenz aller südamerikanischen Länder in São Paulo und im Februar 2016 wird eine Humboldt-Konferenz in Johannesburg stattfinden. Was auf dem Weg zum Humboldt-Forum bereits erfolgreich praktiziert wird, kann künftig als Teil einer ständigen Partnerschaft wirksam werden.

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