Hunter S. Thompson: Gesammelte Briefe : Der Durchgeknallte vom Dienst

Der Autor und Starjournalist Hunter S. Thompson trank zu viel und beschimpfte alle um sich herum als hirnlos und erbärmlich. Aus dem hochbegabten, zornigen jungen Mann wurde ein paranoider Wüterich. Jetzt sind seine Briefe erstmals auf Deutsch erschienen.

Gisa Funck
Der Meister, wie er in der Dokumentation „Gonzo: The Life & Work Of Dr. Hunter S. Thompson“ (2008) zu sehen war.
Immer lässig: Der Meister, wie er in der Dokumentation „Gonzo: The Life & Work Of Dr. Hunter S. Thompson“ (2008) zu sehen war.Foto: IMAGO

Am 20. Februar jährte sich der Tag seines Selbstmords zum zehnten Mal, und es war wieder von Hunter S. Thompson als „Inbegriff der Coolness“ die Rede oder gar dem „einzig Vernünftigen in einer Welt der Paranoia“, wie es im „Spiegel“ hieß. Vor allem ewige Jungs werden nicht müde, Doktor Gonzo als anarchisches Idol zu preisen. Seit Langem verkörpert der Waffennarr und Drogenverfechter aus Woody Creek, Colorado, der sich im Alter von 67 Jahren erschoss, jenen Lieblingstypus des romantisch verkrachten Genies, bei dem man ein bisschen Wahnsinn lächelnd in Kauf nimmt.

Wer nun allerdings Thompsons Briefe aus den Jahren 1958 bis 1976 liest, gewinnt einen weniger heroischen Eindruck. Denn obwohl der Herausgeber, der US-Historiker Douglas Brinkley, allzu persönliche Korrespondenz aussortiert hat, begegnet man hier einem psychisch schwer angeschlagenen Mann, für den Briefeschreiben auch Seelentherapie war. Wie der 20-Jährige einem Freund erklärte: „Es ist der einzige Weg für mich, klar auf das Leben zu blicken.“

Tatsächlich schrieb Hunter S. Thompson Briefe wie andere Menschen Tagebuch. Früh von seiner Genialität überzeugt, fertigte er zudem stets Kopien an, um sie für die Nachwelt zu erhalten. Wie in seinen Artikeln und Büchern machte er auch als Briefeschreiber Privates sogar gegenüber Wildfremden gerne öffentlich – oder erging sich in seinen berühmten Beleidigungen. Tatsächlich liest sich diese Halbstarken-Prosa, die zu Thompsons Markenzeichen wurde, charmant und anrührend, weil hinter aller Großmäuligkeit ein sensibler, nachdenklicher und selbstzweiflerischer Poet zum Vorschein kommt, den man im späteren Drogenfreak nicht vermutet hätte.

Das Credo des Außenseiters

Mit Anfang 20 zog der Schulabbrecher aus Louisville, Kentucky, nach New York, um ein Schriftsteller wie Ernest Hemingway oder F. Scott Fitzgerald zu werden. Er ergatterte einen Job als Bürobote beim „Time Magazine“, las Sartre, trank zu viel und predigte Freunden, wie wichtig es sei, ein „Individualist“ zu sein. „Ja, das ist die Frage: sich mit der Strömung treiben zu lassen – oder zu schwimmen.“ Für ihn war die Entscheidung längst gefallen: „Ein Mensch muss etwas sein; er muss Spuren hinterlassen (...) und es versteht sich eigentlich von selbst, dass ein Mensch diesen Weg selbst bestimmen muss.“ Es ist das Credo eines Außenseiters, der es allen anderen zeigen will.

Mit 14 hatte Hunter seinen Vater verloren, mit 17 saß er 30 Tage im Jugendknast wegen angeblichen Diebstahls. Danach war sein Vertrauen in Autoritäten zerstört, sein Geltungsdrang allerdings ungebrochen. Er wollte kein „Schaf in einer Herde“ sein, aber sehr wohl, dass die Herde ihm verdammt noch mal zuhörte. Diese Mission scheint ihn schnell überfordert zu haben. Schon in New York schreibt er über Nervenzusammenbrüche, klagt wiederholt, wie „hilflos“ und „verloren“ er sich fühlt. Nach seinem Rauswurf als Reporter beim „Daily Record“ (er hatte in einem Wutanfall den Süßigkeiten-Automaten der Redaktion eingetreten), spielt der Draufgänger gar mit Selbstmordgedanken. („Hier hast du sie also, die Grabinschrift von Hunter Thompson: ,Er war ein guter Typ, aber ein wenig neben der Spur.’“)

Mit den Hells Angels durch Kalifornien

Als echter Kerl aber gibt HST, so sein selbstgewähltes Kürzel, natürlich nicht auf. Er reist nach Puerto Rico, nach San Francisco, auf den Spuren Henry Millers nach Big Sur. Er fährt mit Kokainschmugglern durch Ecuador und mit den Hells Angels auf dem Motorrad durch Kalifornien. Immer noch will er Schriftsteller werden und wirbt für eine „andere Art von Journalismus“, der ihm mehr literarische Freiheiten lässt, sich als Reporter in den Vordergrund zu rücken. Auf seinen Touren putscht er sich mit Koks, Amphetaminen und Meskalin auf. Dann wird er mit seinem Hells-Angels-Buch 1967 berühmt. Es ist die Zeit von Flower Power. Rotzige Gegenstimmen stehen hoch im Kurs. Und auf einmal kann sich der knapp 30-Jährige Freelancer vor Aufträgen kaum mehr retten.

Thompson nimmt nun noch mehr Drogen. Steht noch mehr unter Deadline-Druck. Verpulvert horrende Spesensummen. Und arbeitet ganze Tage und Nächte durch. „Ich kam siebzig oder achtzig Stunden am Stück ohne Schlaf aus“, behauptet er im Vorwort zum zweiten Teil des Briefbandes. Wahrscheinlich ist das übertrieben. Dennoch man kann sich gut vorstellen, dass er seinen subjektiven, assoziativ-schnoddrigen Gonzo-Stil womöglich nur aus Verlegenheit erfand. Für die US-Presse, die vorher strikt auf Fakten-Berichterstattung setzte, war das ein Glück. Für den Aufmerksamkeitsjunkie Thompson hingegen wurde sein Gonzo-Erfolg wohl eher zum Fluch, weil er damit endgültig auf die Rolle des Rüpels festgelegt war – und erst recht keine Ruhe zum Romanschreiben mehr fand.

Thompson, der Durchgeknallte vom Dienst

Sein berühmtestes Buch, das 1971 erschienene Drogenepos „Fear and Loathing in Las Vegas“, tippte er in sechs Wochen. Seitdem galt Thompson als „der Durchgeknallte vom Dienst“. Doch was erfrischend klang, als der 21-Jährige etwa den Nobelpreisträger William Faulkner unbekannterweise um Geld anpumpt („Wenn Sie das brennende Verlangen in sich spüren, mir einmal die Woche einen Scheck zu schicken, fühlen Sie sich bitte frei.“), hörte sich beim Vorzeige-Anarcho zunehmend verbissen an. John Wayne beschimpfte der „Rolling Stone“-Kolumnist 1972 als „hirnlosen Hammerhai“. Den Satiriker Anthony Burgess bezeichnete er in einem Brief 1973 als „erbärmlichen Schwanzlutscher“ und „wertlosen Arsch“, nur weil ihm ein Artikel von Burgess nicht gefiel. Und selbst Freunde wie Tom Wolfe oder den Illustrator Ralph Steadman pöbelte Thompson nun mit „Abschaum“, „Bastard“ oder „Perverser“ an, während er für seine Lieblingsfeinde, die Präsidenten Lyndon Johnson und Richard Nixon, meist gleich den Vergleich mit Hitler oder den Nazis parat hatte.

Aus dem hochbegabten, zornigen jungen Mann wurde innerhalb eines Jahrzehnts ein um sich bellender paranoider Wüterich. Und doch liest man die 600-seitige Briefsammlung gebannt, weil sie die irrwitzige Karriere eines Problemjugendlichen zum Starjournalisten, Vietnamkriegs-Berichterstatter, Sheriff-Anwärter in Aspen, Colorado, und Wahlkampfberater von Jimmy Carter nachzeichnet. Als gefeierter Outlaw repräsentiert Thompson auch die Freiheitssehnsüchte und -irrtümer seiner Generation. Besonders heldenhaft aber erscheint seine Geschichte nicht. Er habe sich eigentlich nie vorstellen können, älter als 27 zu werden, bekennt er einmal. Die Tragik seines Schriftstellerlebens bestand jedoch wahrscheinlich darin, dass er letztlich nie älter als 17 werden konnte.

Douglas Brinkley (Hg.): Hunter S. Thompson. Die Odyssee eines Outlaw-Journalisten. Gonzo-Briefe 1958–1976. Aus dem Englischen von Wolfgang Farkas. Edition Tiamat, Berlin 2015. 608 Seiten, 28 €.

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