Kultur : Hysteriker-Streit

Dutschke, Mahler, Rabehl und die nationale Frage: Wie viel rechtes Denken gab es bei den 68er-Linken?

Hannes Schwenger

Nach dem Historikerstreit um die Singularität des Holocaust und den Bolschewismus als Auslöser des Nationalsozialismus wird in den Medien und Feuilletons ein neuer Streit geführt um die vermeintliche Reanimation eines deutschen Nationalismus durch „rechtes Denken in der 68er-Bewegung“ und deren Nachfolger und Renegaten: „Mahler, Maschke & Co.“ titelt Manuel Seitenbecher plakativ seine Potsdamer Dissertation zu diesem Thema, die auf die Thesen von Götz Aly, Gerd Koenen und Wolfgang Kraushaar über die Neue Linke als Neue Rechte antwortet. Wie aktuell das Thema ist, zeigt auch eine Bonner Dissertation von Matthias Stangel über „Die Neue Linke und die nationale Frage“. Beide zusammen bringen es auf 1200 „multiarchivalisch und quellengestützte“ (Stangel) Seiten, die zum gleichen Ergebnis kommen: Alles in allem könne man nicht von einem „genuin rechten Denken“ und einer „geschlossenen Strömung nationaler oder (neu-)rechter Alt-68er sprechen, wie sie Koenen oder Kraushaar identifizieren“.

Das wird kaum das letzte Wort bleiben. Was Horst Mahler mit seiner erratischen Wandlung zum NPD-Anwalt und Holocaust-Leugner losgetreten, Bernd Rabehl mit seiner Berufung auf Rudi Dutschke als „Nationalrevolutionär“ provoziert haben und was nun als Echo früherer Weggefährten und Generationsgenossen zurückschallt, droht sich längst zum Hysteriker-Streit zu entwickeln. Aly unterstellt gar Rudi Dutschke einen „Ernst-Jünger-Sound“ und fühlt sich an Goebbels erinnert, sein einstiger Koautor Karl-Heinz Roth („Die totale Erfassung“) schreibt Mahlers Sinneswandel der Gehirnwäsche durch seine einstigen SDS-Genossen Tilman Fichter und Bernd Rabehl zu. Der Forschungsverbund SED-Staat der FU, bei dem Rabehl bis zur Emeritierung tätig war, gilt seinen Kritikern ohnehin als Hort „rechter“ Totalitarismus-Theorien, den Rabehls FU-Kollege und Historiker Wolfgang Wippermann bezichtigt: „Das Ziel des Forschungsverbunds ist all das schlecht zu machen, was die Linke gut fand, und umgekehrt.“

Offenbar gibt es noch immer Leute, die ganz genau wissen, was rechts und links ist. Stangel erinnert sie in einem langen Exkurs in die deutsche Vergangenheit an den linken Nationalismus der 1848er, an Friedrich Engels’ Bekenntnis als „Patriot“, an die „nationale“ Phase der KPD 1945, die sich sogar gegen die Oder- Neiße-Linie wandte, an Kurt Schumachers Linksnationalismus und an Wanderer zwischen den Welten wie Ernst Niekisch. Der stand zwar als „Nationalbolschewist“ den Nazi-Brüdern Strasser nahe, wurde aber wegen Widerstands gegen Hitler vom Volksgerichtshof verurteilt und trat 1945 der KPD bei. Die SED verließ er nach dem 17. Juni 1953 und übersiedelte 1963 nach West-Berlin. Wolfgang Abendroth – einer der Mentoren von 1968 – nannte ihn zeitlebens sein Vorbild und „der jungen Generation ein Lehrer, von dem wir auch künftig viel zu lernen haben werden“. Niekisch gehörte dem Förderverein des SDS an.

Es hat wohl eher mit der Geschichtsvergessenheit der 68er und ihrer durch Hitler und die folgende Zweistaatlichkeit beschädigten deutschen Identität zu tun, dass sich die Neue Linke der Bundesrepublik in „nationalen Nihilismus“ (Stangel) und heimatlosen Internationalismus flüchtete, um gleichzeitig mit Fanon, Castro und Mao Zedong von der nationalen Befreiung der Völker der Dritten Welt zu schwärmen. Es waren bezeichnenderweise 68er, die sich zu fragen begannen, warum nur die Deutschen in Ost und West „ein identitätsloses Volk“ geworden seien. Im ursprünglichen – für die Buchausgabe veränderten – Titel seiner Dissertation zitiert Stangel Dutschkes Reflexion über die Schwierigkeit, ein Deutscher zu sein: „Warum ich aber dennoch stolz bin.“ Ja, warum? Weil „jedes Volk das Recht, die Pflicht und das Bedürfnis hat, auf sein Land stolz zu sein, und mögen noch so viele Rückschläge gewesen sein“.

Ob ihn dieses Bekenntnis schon zum „Nationalrevolutionär“ werden ließ, wie Bernd Rabehl behauptet und Gretchen Dutschke bestreitet, kann nach dem Urteil beider Buchautoren dahingestellt bleiben. So sehr Dutschke die „Russifizierung“ und „Amerikanisierung“ der geteilten Nation als Hindernis ihrer „authentischen Selbstständigkeit“ beklagte (aber dabei „rechte“, völkische Anklänge wie „Überfremdung“ vermied), hielt er doch den „Rückgriff bei uns“ auf die nationale Frage für verfrüht: „Denn wir dürfen sie in der Tat nicht überspringen, dürfen sie aber auch nicht zu einem falschen Zeitpunkt in den Mittelpunkt stellen“. Wer so viel Nachdenklichkeit schon für „rechtes“ Denken halten will, findet sich schnell in der Gesellschaft „Linker“ wieder, die noch 1990 die deutsche Teilung für die verdiente Folge des Nationalsozialismus und das vereinte Deutschland für ein Viertes Reich hielten

Und umgekehrt: Wer Deutschland als Nationalrevolutionär von der Besatzung durch US-Imperialisten und „neue Zaren“ im Kreml befreien wollte, fand sich entweder in der Gesellschaft maoistischer Sekten oder von „Mahler, Maschke & Co.“ wieder, deren politische Bandbreite von unerschütterten Marx-Lenin- Stalin-Maoisten über linke und rechte Carl-Schmitt-Jünger bis zu Neonazis und Holocaust-Leugnern reichte.

Matthias Stangel zeichnet deren politischen Niedergang in den 70er und 80er Jahren organisations- und ideengeschichtlich nach, während Manuel Seitenbecher Personen und Persönlichkeiten der 68er- Bewegung auf ihren Wegen und Irrwegen folgt. Dabei stempelt sein griffiges Etikett „Mahler, Maschke & Co.“ allerdings auch 68er ab, die sich solche Gesellschaft heute verbitten dürften. Zum Beispiel Tilman Fichter – damals SDS-Vorsitzender in Berlin, später Leiter der SPD-Parteischule, dem Seitenbecher am Ende bescheinigen muss: „Rechts – ob nun gemäßigt, radikal oder extremistisch – ist Fichter beileibe nicht.“ Wie die meisten 68er, die ihren Frieden mit der alten und neuen Bundesrepublik gemacht haben.

Manuel Seitenbecher: Mahler, Maschke & Co. Rechtes Denken in der 68er-Bewegung? Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2013. 558 Seiten, 39,90 Euro.

Matthias Stangel: Die Neue Linke und die nationale Frage. Deutschlandpolitische Konzeptionen und Tendenzen in der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Nomos Verlag, Baden-Baden 2013. 638 Seiten, 99 Euro.

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