IBA-Bauten werden abgerissen : Stadt ohne Maß

Zum Abriss von Ungers’ IBA-Bau am Berliner Lützowplatz.

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Gefallene Burg. Bagger haben Ungers’ Giebel am Lützowplatz geschleift.
Gefallene Burg. Bagger haben Ungers’ Giebel am Lützowplatz geschleift.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Wenn es um architektonischen Glanz geht, dann träumt man in Berlin gerne von vergangener Größe. Zwar ging die Weltstadt der Vorkriegszeit im Bombenhagel unter, doch wenigstens einige ihrer Schlüsselbauten sollen bitte schön zurückkehren. So materialisiert sich der Retro-Zeitgeist in der Rekonstruktion von Prachthäusern wie der Alten Kommandantur, dem Hotel Adlon oder dem Stadtschloss. Weniger gut ist die Hauptstadt darin, ihre modernen Architekturklassiker zu bewahren. Wenn Investoren drängen, rollen schnell die Abrissbagger. Zu den Verlusten gehören das sogenannte Ahornblatt, eine Großgaststätte aus DDR-Zeiten mit bemerkenswertem Faltbetondach, und das denkmalgeschützte Schimmelpfeng-Haus aus den späten fünfziger Jahren, das die Kantstraße überbrückte. Dessen größerer Teil musste dem Wolkenkratzer des Waldorf Astoria Hotels weichen, der zum Kurfürstendamm gelegene Teil wird gerade abgetragen.

Etwas weiter östlich, per Luftlinie nur einen guten Kilometer entfernt wird am Rande der City West zum Tiergarten hin derzeit ein weiteres markantes Gebäude abgerissen. Es ist erst dreißig Jahre alt. Die Wohnanlage, die der Architekt Oswald Matthias Ungers von 1979 bis 1983 im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) am Lützowplatz errichtete, fällt den Plänen eines stärker verdichteten Hotel-, Büro- und Wohnneubaus zum Opfer. Proteste blieben erfolglos – der Kampf der 84 Mietparteien gegen ihre Kündigungen durch einen Münchner Immobilienunternehmer, der die Anlage 1998 bei einer Zwangsversteigerung übernommen hatte, genauso wie eine Initiative Berliner Architekten, das Ensemble unter Denkmalschutz stellen zu lassen.

„Wir sind sehr enttäuscht“, sagt Sophia Ungers, die Tochter des 2007 verstorbenen Architekten, die als Leiterin des Kölner „Ungers Archiv für Architekturwissenschaft“ seinen Nachlass hütet. Denn im Werk ihres weltberühmten Vaters habe der nun zerstörte Wohnblock eine Sonderrolle eingenommen, er sei „ein gebauter Gedanke“ gewesen, der „theoretische Überlegungen in ein Statement für die Stadt verwandelte“. Dieses Statement lässt sich am besten in die Formel „Der Garten als Stadt, Stadt als Garten“ fassen, die der als strenger Rationalist geltende Ungers für einen Sommerworkshop an der amerikanischen Cornel-Universität geprägt hatte. In einem mit Kollegen wie Hans Kollhoff und Rem Koolhaas entwickelten Konzept von (West-)Berlin als „Grünem Archipel“ wandte er sich gegen eine Rekonstruktion des historischen Stadtkörpers und sprach sich für eine Figur durchgrünter Stadtinseln innerhalb eines polyzentralen Ganzen aus.

Lützowplatz
Der Architekt Oswald Mathias Ungers (1926-2007) steht im Jahr 2006 in seiner Bibliothek in Köln vor einer Büste des Architekten Karl Friedrich Schinkel. Außer den IBA-Gebäuden am Lützowplatz entwarf er in Berlin den Block 205 in der Friedrichstraße. Ab 1989 realisierte er das umfangreichste Bauvorhaben, das Berlin in den neunziger Jahren zu vergeben hatte, die Umgestaltung und Erweiterung des Messegeländes, ein Milliardenprojekt, das erst 2003 mit der Einweihung des neuen Eingangs Süd zum Abschluss kam.
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21.02.2013 19:40Der Architekt Oswald Mathias Ungers (1926-2007) steht im Jahr 2006 in seiner Bibliothek in Köln vor einer Büste des Architekten...

Wohn-, Grün- und Verkehrsflächen sollten so eng wie möglich miteinander verflochten werden. In dem Ensemble am Lützowplatz hat diese urbanistische Utopie Gestalt angenommen. Während sich der sechsgeschossige, von Spitzgiebeln bekrönte Bauriegel an der achtspurigen Straßenseite burgartig abschottete, öffnete er sich zur Hofseite auf eine mediterran anmutende Weise mit backsteinernen Terrassen und Dachgärten. Hier waren auch drei frei stehende Stadtvillen untergebracht, ein Bautypus, der in den folgenden Jahrzehnten weltweit einen Siegeszug antreten sollte. Ungers’ gestalterisches Markenzeichen, das Quadrat, hatte überall in der Anlage seine Spuren hinterlassen – in Form der Fenster auf der elegant rhythmisierten Fassade, als Maßeinheit für die Grundrisse der Terrassen und Wohnungen, selbst bei den Hofeinfahrten.

Für West-Berliner Verhältnisse bot das Gebäude am Lützowplatz geradezu paradiesische Bedingungen – und das zu Mietpreisen des sozialen Wohnungsbaus. Damit stand es prototypisch für die Internationale Bauausstellung von 1984, die – wie es damals in einer Grundsatzerklärung der IBA-GmbH hieß – „die Rückgewinnung der Innenstadt als Wohnort“ zum Ziel hatte. Nicht um „einmalige Spitzenleistungen und ausgewählte Sonderlösungen“ sollte es gehen, sondern um „exemplarische Ansätze der Stadtentwicklung“, darum, die eingemauerte Halbstadt vor der Verödung zu bewahren und Familien modernen, bezahlbaren Wohnraum zu verschaffen. Angesichts einer neuen Wohnungsnot wirkt dieses Programm heute schon wieder visionär.

Als Versuch, einen im Krieg stark in Mitleidenschaft gezogenen Platz durch eine eigenwillige Blockrandbebauung aufzuwerten, ist Ungers’ Ensemble bereits Ende der achtziger Jahre in die Architekturführer aufgenommen worden. Für den Denkmalstatus hat es dennoch nicht gereicht. Hubert Staroste, der als ChefInventarisator des Landesdenkmalamtes den Denkmalantrag prüfte, fand die Vorzeigesiedlung „interessant, aber nicht herausragend und deshalb nicht zwingend denkmalwürdig“. Allerdings gesteht er, dass ihm für ein endgültiges Urteil möglicherweise noch etwas historischer Abstand fehle. Die Denkmalpfleger fangen gerade erst an, sich mit den Hinterlassenschaften der Postmoderne zu beschäftigen. Von den IBA-Gebäuden, deren architektonische Qualität unbestritten ist, steht noch keines unter Denkmalschutz.

Ungers hatte sich noch während der Bauarbeiten von der Wohnanlage distanziert. Aus Kostengründen war unter anderem das Sichtmauerwerk auf den Sockelbereich reduziert worden, er befürchtete Pfusch bei der Ausführung. Noch kurz vor seinem Tod reichte der Baumeister einen Entwurf für einen Neubau ein. „Wenn Ungers nicht dabei gewesen wäre, hätte ich mich auch nicht beteiligt“, sagt der Berliner Architekt Johannes Modersohn, der damals mit seiner Kollegin Antje Freiesleben den Wettbewerb gewann. „Das hätte sich aus Kollegialität und aus Respekt vor einer der Hauptikonen der deutschen Architektur verboten.“ Der Neubau von Modersohn & Freiesleben soll in zweieinhalb Jahren fertig sein. Hinter einem Gewerberiegel an der Straßenfront wird er Platz für 120 Wohnungen bieten – diesmal allerdings keine Sozialwohnungen.

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