Kultur : „Ich bin wie eine Taube“

Sein letzter Artikel: Wie man von Justiz und Medien zum „Türkenfeind“ gemacht wird / Von Hrant Dink

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Vergangenen Freitag wurde in Istanbul der Journalist Hrant Dink auf offener Straße erschossen. Dink, Jahrgang 1954, war Herausgeber der türkisch-armenischen Wochenzeitung „Agos“. Wenige Stunden nach dem Verbrechen wurde der Attentäter verhaftet – ein 16-jähriger Türke. Er hat die Tat gestanden. Im Internet habe er gelesen, dass Dink gesagt habe, türkisches Blut sei schmutzig. – Dieser Text, den wir leicht gekürzt drucken, erschien im Januar in „Agos“. Es war Hrant Dinks letzter Artikel.

Als die Staatsanwaltschaft von Sisli (ein Stadtbezirk von Istanbul) ein Ermittlungsverfahren wegen „Beleidigung des Türkentums“ gegen mich einleitete, beunruhigte mich das zunächst nicht weiter. Es war schließlich nicht das erste Mal. Ich kannte das schon von einem ähnlichen Prozess in Urfa. Dort wurde seit drei Jahren unter dem Vorwurf der „Beleidigung des Türkentums“ gegen mich verhandelt, weil ich bei einer Konferenz in Urfa im Jahr 2002 gesagt hatte, ich sei „kein Türke“, sondern „türkischer Staatsbürger und Armenier“.

Ich kümmerte mich nicht darum, ging auch nicht zu den Verhandlungen; meine Anwälte erledigten das für mich. Auch bei meiner Aussage beim Staatsanwalt von Sisli war ich ziemlich unbekümmert. Ich vertraute auf meinen Artikel und meine Absichten. Aber Donnerwetter! Der Prozess wurde eröffnet. Trotzdem blieb ich optimistisch. Und zwar so optimistisch, dass ich zu dem Rechtsanwalt Kemal Kerincsiz, der die Anzeige gegen mich erstattet hatte, in einem Live-Gespräch im Fernsehen sagte, dass er sich nicht zu früh freuen solle, dass ich in diesem Prozess nicht verurteilt würde, und dass ich andernfalls das Land verlassen würde. Ich war mir so sicher, denn ich hatte ja in meinem Artikel das Türkentums niemals, nicht im geringsten, beleidigen wollen. Das hat ja auch die dreiköpfige Expertenkommission von Dozenten der Istanbul Universität in ihrem Gutachten für das Gericht festgestellt.

Der Staatsanwaltschaft forderte trotz des Gutachtens meine Bestrafung. Der Richter verurteilte mich zu sechs Monaten Haft. Ich war fassungslos. Bei jedem Sitzungstermin hatten die Zeitungen, die Leitartikler, die Fernsehsender behauptet, dass ich geschrieben habe, türkisches Blut sei giftig. Jedes Mal wurde ich noch etwas bekannter als „Türkenfeind“. Auf den Fluren des Gerichts griffen mich Faschisten mit rassistischen Beschimpfungen an, sie schwenkten Plakate mit Beleidigungen. Die Drohungen, die monatelang und hundertfach per Telefon, E-Mail und Briefen hereinströmten, nahmen mit jedem Mal zu.

Nun bin ich in der bedrückendsten Lage, in der ein Mensch sein kann. Der Richter hat im Namen des „türkischen Volkes“ entschieden und mich der „Beleidigung des Türkentums“ für schuldig erklärt. Alles habe ich ertragen, aber das kann ich nicht ertragen. Wenn jemand die Menschen, mit denen er zusammenlebt, wegen ihrer Rasse oder Religion beleidigt, dann ist das meinem Verständnis nach nichts anderes als Rassismus und damit unverzeihlich. In diesem Geiste sagte ich zu den Reportern, die vor dem Gericht auf mich warteten und mich fragten, ob ich nun wie angekündigt das Land verlassen würde: „Ich werde Einspruch beim Berufungsgerichtshof einlegen und, wenn nötig, bis zum Europäischen Menschenrechtsgerichtshof gehen. Wenn ich nicht von einer dieser Instanzen freigesprochen werde, dann werde ich mein Land verlassen. Denn jemand, der wegen eines solchen Vergehens verurteilt ist, der hat meiner Ansicht nach kein Recht mehr, unter den Landsleuten zu leben, die er beleidigt hat.“ Ich habe diese Worte wie immer sehr emotional gesagt. Meine einzige Waffe war meine Aufrichtigkeit.

Die Kräfte, die mich vor den Augen der Türken isolieren und mich zur Zielscheibe machen wollen, haben auch diese Äußerung instrumentalisiert und einen weiteren Prozess gegen mich eröffnet, diesmal wegen versuchter Einflussnahme auf die Justiz. Ich gebe zu, dass mein Vertrauen in das türkische Rechtssystem ziemlich zerstört war. Wie sollte es das auch nicht sein? Haben diese Staatsanwälte und Richter nicht studiert, sind sie nicht Absolventen der juristischen Fakultäten? Müssen sie nicht verstehen können, was sie lesen? Offenbar ist die Justiz dieses Landes nicht so unabhängig, was sich viele Staatsmänner und Politiker aber scheuen zu sagen.

Die Justiz schützt nicht die Rechte der Bürger, sondern den Staat. Die Justiz steht nicht auf Seiten der Bürger, sie wird vom Staat verwaltet. Ich bin auch überzeugt, dass meine Verurteilung nicht „im Namen des türkischen Volkes“ ergangen ist, wie behauptet, sondern „im Namen des türkischen Staates“. Wir haben schließlich Berufung eingelegt, und was ist passiert? Der Staatsanwalt am Berufungsgerichtshof ist der Empfehlung der Gutachter gefolgt und hat meinen Freispruch beantragt, aber der Berufungsgerichtshof hat mich schuldig gesprochen.

Diejenigen, die mich isolieren, die mich schwach und schutzlos machen wollen, haben es geschafft, so viel ist klar. Sie haben es mit ihren schmutzigen und falschen Informationen fertiggebracht, dass Hrant Dink nun von einem beträchtlichen Teil der Gesellschaft als jemand betrachtet wird, der das Türkentum beleidigt. Mein Computerspeicher ist randvoll mit Protest- und Drohbriefen von Bürgern aus diesem Teil der Gesellschaft. Einen dieser Briefe, der in Bursa abgestempelt war, habe ich wegen seines bedrohlichen Inhalts als unmittelbare Gefahr empfunden und deshalb der Staatsanwaltschaft von Sisli übergeben, bisher ohne jedes Ergebnis, wie ich hier anmerken möchte. Wie realistisch sind diese Bedrohungen, wie unrealistisch? Ich kann es einfach nicht wissen. Aber was ich als wahrhaft bedrohlich und unerträglich empfinde, das ist die psychologische Folter. Ständig nagt an mir die Frage: Was denken die Leute jetzt über mich? Leider bin ich inzwischen auch recht bekannt und spüre dauernd die Blicke der Leute, die sich zuraunen: Sieh mal, ist das nicht dieser Armenier? Und reflexartig setzt bei mir die Folter ein. Diese Folter besteht zum einen aus Sorge, zum anderen aus Beunruhigung. Teils Wachsamkeit, teils Furchtsamkeit. Ich bin wie eine Taube. Wie sie blicke ich mich ständig um, mein Kopf dreht sich wie ihrer ständig hin und her. Allzeit wachsam und zum Abwenden bereit.

Es gab Momente, in denen ich ernsthaft daran gedacht habe, das Land zu verlassen. Vor allem, wenn sich die Drohungen gegen meine Angehörigen gerichtet haben. Da war ich völlig hilflos. Das ist die Wirklichkeit hinter dem Ausdruck „auf Leben und Tod“. Für mich selbst hätte ich das aushalten können, aber ich habe kein Recht, meine Angehörigen zu gefährden. Alleine hätte ich heldenhaft sein können, aber ich darf nicht auf Kosten meiner Angehörigen oder anderer tapfer sein. In solchen Momenten habe ich Zuflucht bei meiner Familie, bei meinen Kindern genommen, die mir die größte Stütze waren. Sie haben mir vertraut. Was ich auch tue, sie halten zu mir.

Aber wenn wir uns entscheiden würden zu gehen, wohin sollten wir gehen? Nach Armenien etwa? Jemand wie ich, der Unrecht nicht ertragen kann, wie sollte der sich mit dem dortigen Unrecht abfinden? Hätte ich damit nicht noch größeres Unglück auf mich gezogen? In ein europäisches Land zu ziehen, das wäre auch nicht meine Sache. Wenn ich drei Tage im Westen wäre, würde ich am vierten Tag schon heimkehren wollen, was soll ich also da? Wir gehören zu den Menschen, die aus der Hölle, in der sie leben, ein Himmelreich machen wollen. In der Türkei zu bleiben und dort zu leben, das geboten sowohl unsere eigenen Wünsche als auch der Respekt vor den Tausenden Menschen, die in der Türkei für Demokratie kämpfen, die uns unterstützt haben.

Wir wollten bleiben und kämpfen. Wenn wir eines Tages zum Gehen gezwungen sein sollten, dann würden wir so gehen, wie sie 1915 gingen. Wie unsere Vorfahren. Ohne zu wissen, wohin wir gehen. Auf den Straßen, auf denen auch sie gingen. Ihre Schmerzen fühlend, ihre Qual durchlebend.Nur so würden wir unser Land verlassen …

Wahrscheinlich wird 2007 für mich ein noch schwierigeres Jahr. Einige Gerichtsverfahren dauern an, weitere werden eingeleitet werden. Wer weiß schon, welch weiterem Unrecht ich noch ausgesetzt werde? Aber trotz alledem beziehe ich meine einzige Zuversicht aus dieser Tatsache: Ja, ich mag mich unruhig fühlen wie eine Taube, aber ich weiß, dass in diesem Land kein Mensch einer Taube etwas zuleide tut. Mitten in der Stadt und in der Menschenmenge können die Tauben ihr Leben leben.

Etwas furchtsam, ja, aber auch frei.

Übersetzung aus dem Türkischen von Susanne Güsten.

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