"Ich.Darf.Nicht.Schlafen." mit Nicole Kidman : Frau ohne Vergangenheit

Erst das Trauma, dann die Amnesie: Rowan Joffe lässt in "Ich.Darf.Nicht.Schlafen." Nicole Kidman nach ihrer Erinnerung suchen. Das ist spannend - trotz Plotschwächen.

Tilman Strasser
Nicole Kidman in einer Szene des Films "Ich.Darf.Nicht.Schlafen."
Wer bin ich? Christine (Nicole Kidman) bekämpft den Erinnerungsverlust mit einem Videotagebuch.Foto: dpa

Schreckhaft ist sie. Jeder vorbeibrausende Laster, jede quietschende Türklinke jagt Christine (Nicole Kidman) eine Heidenangst ein. Kein Wunder, fährt sie doch stets aus Gedanken: Die Vierzigjjährige sucht dramatisch nach ihrer Erinnerung. Tag für Tag erwacht ihr Gedächtnis mit Anfang zwanzig. Ihr fehlen Dekaden. Nicht nur hat sie keine Ahnung, wer der Kerl neben ihr im Bett ist, auch das Bett und das Haus drum herum sind ihr neu. Sie leidet an Amnesie infolge eines Traumas.

Wer ihr dieses Trauma verpasst hat und warum, diesen Rätseln rennt die Protagonistin in „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ hinterher. Der deutsche Titel irritiert nicht nur seiner gezwungen-dringlichen Schreibweise wegen: Obwohl Christine im Schlaf jedes Erkenntnisfragment vergisst, versucht sie nie, wach zu bleiben. Nicht das einzige Leck im Plot, aber Regisseur Rowan Joffe nimmt unverdrossen Fahrt auf im Thriller-Gewässer. „Before I Go to Sleep“ heißt der Film im Original – ein Hinweis auf die Videoaufzeichnungen, die Christine vor dem Zubettgehen anfertigt. Auf Geheiß ihres Therapeuten Dr. Nash (Mark Strong) hinterlässt sie ihrem künftigen Ich Nachrichten – heimlich, denn Ben (Colin Firth) ist nicht zu trauen. Ihr Mann, der sich jeden Tag wieder vorstellen muss, behauptet, der Gedächtnisverlust rühre von einem Autounfall her. Reichlich verdächtig, denn Christine findet heraus, dass sie fernab einer Straße blutüberströmt in der Nähe des Flughafens gefunden wurde.

Nicole Kidman trägt über die Leerstellen im Drehbuch

Nach „Railway Man“ sind die oscarprämierten Hauptdarsteller schon zum zweiten Mal in diesem Jahr ein Leinwandehepaar. In einem windigen London, permanent kurz vor dem Regenguss, spielen beide munter gegen die Rollen an, denen sie ihre Trophäen verdanken: Firth verleiht der gutmütigen Bernhardinermiene aus „The King’s Speech“ dämonische Qualitäten. Und Kidman, in „The Hours“ noch durch eine beachtliche Nasenprothese entstellt, verzichtet für ihren Part diesmal sogar auf Lidschatten. Mehrmals hält die Kamera in Großaufnahme auf ihr von strähnigem Haar umrahmtes Gesicht, vergrößert die Falten zu Furchen und sucht in den geäderten Augen nach Christines Furcht.

Ungeschminkt auch Kidmans Spiel: Stets nah an der Panik verkörpert sie eine Frau, die sich auf kein Erlebnis, kaum eine Erfahrung stützen kann. So trägt sie über die Leerstellen im ebenfalls von Joffe verfassten Drehbuch, die spätestens mit dem großen Twist nach zwei Dritteln der Laufzeit unübersehbar klaffen – bis die Heldin ihren Peiniger gefunden hat. Abseits der nicht unerheblichen Brutalität, die das Finale in einem Hotelzimmer aufbietet, packt vor allem der Moment, als Christine zusehen muss, wie ihr Kameraspeicher gelöscht wird. Der Bösewicht nimmt ihr auch noch das digitale Gedächtnis und raunt: „Jetzt bist du frei.“

"Ich.Darf.Nicht.Schlafen" - ein solider Psycho-Thriller

Ob wirklich Freiheit im Fehlen von Erinnerung liegt, in welchem Maß eine Persönlichkeit durch die Kenntnis ihrer Vergangenheit bestimmt wird – an solchen Fragen ist „Ich.Darf.Nicht.Schlafen.“ nicht interessiert. Stattdessen gleitet der Film in ein vorhersehbares, arg sentimentales Ende und wiederholt damit ungerührt einen Fehler der Vorlage. Schon S. J. Watsons gleichnamiger Bestseller kratzt allenfalls an den Themen, die der Stoff aufwirft, dabei wären sie in Zeiten stetig zunehmender Alzheimer-Erkrankungen durchaus aktuell.

Was bleibt, ist ein solider Psycho-Thriller, der mit wenigen Mitteln viel Spannung erzeugt. Vor allem, weil er ausgiebig den Umstand nutzt, dass sein Publikum nicht unter Amnesie leidet. Der Zuschauer erkennt die Fährten, denen Christine allenthalben nachstolpert, als falsch und gefährlich, zuckt ebenfalls zusammen, wenn der Laster vorbeibraust, die Türklinke quietscht – und wird somit zumindest selbst am Einschlafen gehindert.

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