Kultur : Ich, eine Blindschleiche

Katharina Hackers Prosagedichte „Überlandleitung“

Jochen Jung

Ein Jahr ist es erst her, da stand sie da, trug Preis und Kind und strahlte, mit gutem Grund. Seither zählt sie zu jenen, von denen wir Wesentliches erwarten, auch das mit gutem Grund.

„Prosagedichte“ lesen wir nun unter dem Titel „Überlandleitung“ und sehen schon, während wir das Buch einmal über den Daumen blättern: Sieht eigentlich ganz nach Gedichten aus, wo bleibt die Prosa – poèmes en prose, das war doch ganz was anderes. Und fangen an zu lesen.

Die Satzzeichen sind weggelassen, da muss man selber schauen, was zu wem gehört, und freut sich, wenn ein Satzteil sich sowohl nach vorn als auch zurück verbinden lässt und beides Sinn macht. Ansonsten kann man die Satzzeichen lesend ruhig wieder einsetzen, zumal hier auch alles korrekte Syntax ist. Aber so eine kleine poetische Verschwommenheit bleibt natürlich, und in jedem Falle sieht es so mehr nach Gedicht aus, um nicht zu sagen: nach Kunst.

Aber nach Gedicht sieht es, wie schon gesagt, sowieso aus, das bewirken ja bereits die Zeilenbrüche, germanistisch: Enjambements, man fängt dabei in der Regel nach fünf, sechs, sieben Wörtern eine neue Zeile an, wenn’s geht, nicht unbedingt da, wo sonst ein Komma oder Punkt gestanden wär, wenn’s aber grad so hinkommt, macht es auch nichts.

Die Probe, ob das dann ein Gedicht geworden ist, geht so: Man liest das Ganze erst so, wie es dasteht, und dann noch einmal bruchlos und mit allen Satzzeichen im Kopf hintereinander weg, und wenn dann der Sinn ganz gleich bleibt, dann war es keins. Das Prosagedicht ist dann zwar kein Gedicht mehr, aber Prosa allein kann ja auch sehr schön sein.

Natürlich ist das nicht das einzige Indiz. Vor allem nämlich hat ein Text, der ein Gedicht sein will, im Verhältnis zur Prosa ein deutlich höheres spezifisches Gewicht, und das bekommt er durch die Form, durch Bilder und durch ungewohnte Nachbarschaften, auf keinen Fall aber durch Schwere, Tiefsinn und das sogenannte Existenzielle.

Das Buch hat ungeachtet seines schmalen Umfangs vier Abteilungen. Die erste enthält Monatsbilder, von September bis Juli, und erwartungsgemäß ist da viel von Natur die Rede, der es allerdings nicht wirklich gut zu gehen scheint, hier hat nicht nur der Herbst so etwas Herbstliches, die Menschen haben es auch, „mit jedem Tag wird die Einsamkeit größer / unter den Menschen“, hebt es im Januar an. Das Julistück aber vibriert geradezu vor Entschlossenheit, von etwas Schönem, etwas Geliebtem zu reden, dem Freund vielleicht, „unausdenkbar schön ist dieser abend“, beginnt es da in zarter Kleinschreibung, aber da kommt schon eine Blindschleiche dazwischen, die sich vor Frau Hacker natürlich mehr erschreckt als umgekehrt, andererseits bringt das die Autorin rasch zu der Frage, „ob wir einsam sind / wie wir den weg queren im Gebüsch verschwinden“, der Mensch als Blindschleiche, gewiss, da kann dann wohl der rote Klee ein „Bild des Todes“ werden; wenn allerdings dann „die Traurigkeit gilt die unbegreiflich ist in ihrer Heiterkeit“, dann kommt das einem doch ein bisschen schnell dahingesagt vor und auch eher unscharf. Mit dem schönen Juli wird es da jedenfalls nichts mehr. Hier wie auch im Teil 3, wo sich die Texte unverhohlen als Gedicht-Gedichte geben – warum mal Kleinschreibung, mal nicht, bleibt unerfindlich –,wird dem Beiläufigen stets allzu rasch mit großen Wörtern Bedeutung und Bedeutendes zu geben versucht, um nicht zu sagen, dem Tiefsinn die Bodenluke allzu ungehemmt geöffnet: „die augen sehen wo sie hinsehen wollen / nichts als den schwarzen mittelpunkt der dinge“, wird da einsichtig formuliert, der Tod und die Zeit sind allemal dabei, und also sind sie’s auch im letzten Teil, einem ein Dutzend Seiten langen Gedenkblatt für eine – einsam, wie sonst – verstorbene Nachbarin, das die reinste Sozialsentimentalität vor uns ausbreitet.

Fehlt noch Teil 2: neunzehn meist anderthalb Seiten lange Texte, jeweils „Ein Tag“ überschrieben, in denen eine Frau für Monate in einem Haus der Kindheit lebt, zumeist allein. Die weite Welt hat sie bei sich in Form eines alten Globus, die nähere beobachtet sie, erzählt von ihr, vertraut ihr, schaut ihr ins Auge. Nicht als Gedichteschreiberin tritt sie dieser Welt gegenüber, um sie gedichtkompatibel zu machen, sondern als eine, die nachvollziehbar und erkennbar „ich“ sagt und „ich“ meint, die nicht mehr weiß als Welt und Wetter um sie herum, die sich all das mit genauer Schilderung erobert und es dem Geschilderten dann überlässt, den Leser auf Gedanken zu bringen. Diese vierzig Seiten Gedichte sind gute Prosa, detailreich und mit Empathie vorgetragen: Jemand erzählt von sich, und wir hören zu und meinen im selben Augenblick, uns zu erinnern.

Katharina Hacker: Überlandleitung. Prosagedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007, 105 Seiten, 12,80 Euro

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