Kultur : Ich lieb’ dich doch, du blöde Kuh!

Neuköllns Neurosen: Uli Hannemann schreibt Geschichten über Berlins liebsten Problembezirk. Ein Kiezspaziergang

Jens Mühling

Es braucht jahrzehntelange Arbeit, um den Ruf eines Stadtviertels so nachhaltig zu ruinieren wie im Falle Neuköllns. Das kommunalpolitische Rezept sieht etwa folgendermaßen aus: Beim Anrühren der richtigen demografischen Mischung achte man zunächst auf einen möglichst hohen Migrantenanteil mit möglichst düsteren Zukunftsperspektiven, kombiniert mit alteingesessenen Familien, die in der dritten Generation Sozialhilfe beziehen. Dazwischen streue man ein paar kapitale Bausünden, anschließend übergieße man das Ganze großzügig mit Hundekot. Diese Mischung lasse man ein paar Jahrzehnte ungestört gären und achte lediglich darauf, dass die Kriminalitätsrate ein beunruhigendes Niveau nicht unterschreitet. Fertig ist der Problemkiez, sobald es die ersten Schulskandale und Ehrenmorde in die überregionalen Schlagzeilen geschafft haben: Willkommen in Berlin-Neukölln, der Schmuddelecke der Bundesrepublik, dem kiezgewordenen Albtraum der Nation.

„Es ist eigentlich ein ganz liebenswerter Bezirk“, sagt Uli Hannemann.

Unerhört ist das: Den üblen Leumund, den Kommunalpolitiker und Städteplaner in jahrzehntelanger Kleinarbeit aufgebaut haben, droht ein schriftstellernder Taxifahrer nun mit einem Handstreich ins Gegenteil zu verkehren: Uli Hannemann, seit mehr als zwei Jahrzehnten wohnhaft in Neukölln, hat über seinen Bezirk ein Buch geschrieben, das er im Vorwort als „eine Art Liebeserklärung“ bezeichnet. „Ich fühle mich wohl hier“, schreibt er – und attestiert Deutschlands meistgefürchtetem Stadtviertel gar eine Art „spröden Charme“. „Freilich“, schreibt er, „fällt die Liebeserklärung selbst ein wenig spröde aus. Es ist eher ein von Herzen kommendes ‚Geht das nicht in deinen dämlichen kleinen Schädel: Ich lieb dich doch, du blöde Kuh!’“

Erstaunlicherweise steht Hannemann mit dieser verqueren Zuneigung nicht einmal alleine da. Als er seine Kurzgeschichtensammlung „Neulich in Neukölln – Notizen von der Talsohle des Lebens“ im Februar in den Neukölln-Arkaden vorstellte, kamen mehr als 200 Gäste. Die Stühle reichten kaum, obwohl der Leiter der Hugendubel-Filiale mit einigem Andrang gerechnet hatte: Das Buch, versicherte er Hannemann, verkaufe sich im Laden derzeit besser als jeder Harry-Potter-Band. Auch das Lesungspublikum war begeistert – obwohl sich ursprünglich, erzählt Hannemann, „ein paar Omis aus Rudow angekündigt hatten, die Rabatz machen wollten, weil sie ihren Bezirk verunglimpft sahen“. Aber die tauchten dann doch nicht auf.

Beim Spaziergang durch seinen Heimatkiez gibt sich Hannemann alle Mühe, den Überraschungserfolg herunterzuspielen. „Es ist ein sehr lokales Phänomen“, sagt er. „Das Buch verkauft sich ja nicht im ganzen Land besser als Harry Potter, sondern nur in Neukölln.“ Reich werde man davon nicht. „Es langt für eine Wohnung am Herrmannplatz. Aber nur, wenn man nicht zu viel heizt.“

Immerhin konnte Hannemann vorläufig das Taxifahren einstellen, das ihm bisher den Lebensunterhalt sicherte. Vorerst reichen die Erträge aus dem Buchverkauf und seine Auftritte bei Berliner Lesebühnen, um über die Runden zu kommen. Man wurstelt sich halt so durch. Wie alle hier. Hannemann fällt nicht weiter auf im Kiez, ein unauffälliger Typ mit unauffälligen Klamotten. „Sie erkennen mich daran, dass ich keine Bierflasche in der Hand habe“, hatte er am Telefon angekündigt. Vor den Currywurstbuden am Herrmannplatz wartet dann ein bierflaschenloser Schlaks, dessen Gang etwas unkoordiniert Tastendes hat, als sei er nie ganz sicher, ob der Boden auch wirklich trägt. Ganz ähnlich funktioniert Hannemanns Humor: Auch der hat etwas Stolperndes. Satz für Satz tastet er sich voran, und immer, wenn ihm eine Pointe gelungen ist, grinst er unbeholfen, als begreife er selbst nicht ganz, wie er das nun wieder hingekriegt hat.

Ähnlich unprätentiösen Charme versprühen auch Hannemanns Neukölln-Miniaturen, in denen er die sattsam bekannten Vorurteile über den Bezirk so weit ins Groteske steigert, bis sie in ihrer Schrulligkeit schon wieder liebenswert wirken. Da geht es etwa um den Neuköllner Brauch, alles Essbare bis zur Unkenntlichkeit in Senf zu ertränken. Oder um den Szene-Drink „Futschi“: billigen Goldkrone-Weinbrand mit Cola, der nicht mehr als einen Euro pro Glas kosten darf, „sonst bleiben die Gäste weg“.

Hannemann mag sie trotzdem, die Spelunken rund um die Schillerpromenade, das schrapplige Parkcafé in der Hasenheide, die Oderstraße am Rand des Flughafens, wo die Anwohner abends Plastikstühle aufs Trottoir stellen, um den „schönsten Sonnenuntergang der Stadt“ zu beobachten. In diesem Teil des Bezirks wohnte auch Hannemann, als er 1985 aus der westdeutschen Provinz nach Berlin zog, um „den Punk“ zu suchen. Er fand: eine Wohnung über einem Bordell. „Nicht selten wurde ich nachts aus dem Bett geläutet, obwohl ich mein Klingelschild um den Zusatz KEIN PUFF! ergänzt hatte. Dass diese Form von Chaos nichts mit Punk zu tun hatte, spürte sogar ich.“

Klar, die Szene war noch nie in Neukölln zu Hause. Inzwischen allerdings droht die jahrzehntelange Trendresistenz des Bezirks aufzuweichen: Von Norden her droht die schleichende „Kreuzbergisierung“. Einer nach dem anderen, sagt Hannemann, würden die Wohnblocks zwischen Landwehrkanal und Sonnenallee von „körnerpickenden Junglehrern“ übernommen. Wenn die Mieterstruktur kippe, merke man das immer zuerst an der gelben Tonne. Eines Tages öffne man den Deckel, und statt den üblichen Schnapsflaschen, Essensresten und Männermagazinen finde man säuberlich ausgespülte Joghurtbecher. Statt nach Schimmel und Schnaps rieche die Tonne dann nach „hochgiftiger Moralinsäure“.

Ganz ernst ist es Hannemann mit der proletarischen Bürgerphobie dann aber doch nicht. Er hat nichts dagegen, dass in Nordneukölln jetzt die ersten Galerien auftauchen, dass es hier Bars ohne Futschi gibt und Cafés mit diversen Milchkaffeezubereitungen. Noch sei das Publikum im Nordkiez „ziemlich gut gemischt“, sagt er. „Nur werden irgendwann die falschen Leute merken, dass es eine gute Mischung ist, und die machen dann eine schlechte Mischung draus.“

Sollte es so weit kommen, will Hannemann wieder mehr Taxi fahren. Um ab und zu aus dem Bezirk rauszukommen. Und zu Recherchezwecken: Sein nächstes Buch soll vom Taxi-Alltag erzählen.

Uli Hannemann: „Neulich in Neukölln. Notizen von der Talsohle des Lebens.“ Ullstein 2008, 184 Seiten, 8 Euro.

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