Kultur : Ich muss das noch einmal sagen

Kurt Drawerts Gedichte aus drei Jahrzehnten.

Tom Schulz

Was hat sich bewährt, was ist von den Zeitläuften beschädigt? Kurt Drawert, seit über zwei Jahrzehnten eine eigensinnige Stimme der deutschsprachigen Dichtung, zieht in „Idylle, rückwärts“ Bilanz. Symptomatisch sind von Anfang an Reflektionen eigener Erfahrungen („Mein kleines, aufgeschlitztes Land / mit seiner textlosen Hymne“) – die Jahre in einem unwirtlichen und unwirklichen Staatssozialismus bis 1989. Jahre der Entfremdung, aber auch Jahre der Findung zu einem sich öffentlich artikulierenden Selbst: „Schließe die Augen / sagte Vater & du siehst / was dir gehört: & ich schloss / die Augen & sah was er / nicht meinte & sagte nicht / was ich sah jenseits der Grenzen“.

Obwohl Drawert, Jahrgang 1956, nicht zum Underground der DDR gehörte, findet sich in seinen frühen Gedichten viel Kritisches, freilich zumeist als Ausdruck einer inneren Emigration: „Mich beispielsweise, lieber Czechowski, / interessiert tatsächlich nur noch / das Privateigentum der Empfindung, / der Zustand des Herzens, wenn die schwarze Stunde / am Horizont steht, die Würde der Scham / und das Ende der Hochmut.“

Dass Drawert einen moralischen Raum des Sprechens reklamiert, mag manch einem überholt erscheinen. Doch Drawerts aufklärerische Haltung fragt nach der Zerstörbarkeit des Individuums und nach der möglichen Rettung des Schönen. Gesten und Gebärden in den Gedichten sprechen immer wieder davon: „Nirgendwo bin ich angekommen./Nirgendwo war ich zu Haus./Das stelle ich fest/ohne Trauer“. Und über die Nachwendezeit heißt es im selben Gedicht: „Jetzt also spreche ich Klartext:/ Ihr habt mich getäuscht. Ich / bin ein anderer gewesen/ im Zentrum der beschädigten Jahre."

In einige politische Gedichte aus den späten 1990er Jahren schleicht sich zuweilen ein allzu bittersüßer Ton ein. Drawerts satirische Suada gegen die selbst gewählte Wohlstandsgesellschaft klingt gelegentlich wie Modekritik, und mitunter mischt sich darunter sogar eine Spur Larmoyanz: „Ich steh im Brockhaus / und leb von Stütze.“

Dagegen zeigen Reisegedichte wie „Die Beskiden“ oder „Letzte Tage in Bordeaux“ einen Feinironiker und renitenten Geist. Als Zugabe: „Matrix America“, ein Zyklus neuer Gedichte, in denen man bis zu Ground Zero gelangt. Tom Schulz

Kurt Drawert: Idylle, rückwärts.

Gedichte aus drei

Jahrzehnten. C.H. Beck, München 2011. 272 Seiten, 19,95 €.

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