Kultur : Ich Pistole, du Angst

Zwischen Nippon und Nippes: Yoko Tawada abenteuert durch Grammatik und Metropolen

Paul Michael Lützeler

Innerhalb der interkulturellen Szene in Deutschland gehört Yoko Tawada keiner Gruppe an. Man spricht nicht von einer japanisch-deutschen Literatur, wie man von einer türkisch-deutschen Dichtung spricht. Tawada ist in ihrer Art einzigartig. Es gibt keine andere Autorin, die in Japan und der Bundesrepublik – in der jeweiligen Sprache des Landes und das Jeweilige nur in dieser – publiziert.

In beiden Weltteilen schart sie eine wachsende Gemeinde um sich und genießt auch kritische Anerkennung, wie viele Literaturpreise zeigen – und zuletzt eine Gastprofessur für interkulturelle Poetik, die die Hamburger Universität im Sommersemester zum ersten Mal für sie ausrichtete. Der Erfolg hat nicht nur mit ihrem Talent zu tun, globale Netzwerke in der academic community zu bilden oder mit ihrer gewinnenden und charmanten Art.

Wie keine japanische Autorin vor ihr hat sie sich auf das Abenteuer eingelassen, die deutsche Sprache und deutsche Eigenheiten so genau wie möglich kennenzulernen. Nun lebt die promovierte Germanistin schon seit über drei Jahrzehnten in Deutschland, zunächst in Hamburg, wo sie studierte, und seit fünf Jahren in Berlin.

Seit einem Vierteljahrhundert publiziert sie Bücher mit Titeln, die verdeutlichen, dass es ihr nicht um eine „realistisch“ verstandene Literatur geht: „Tintenfisch auf Reisen“, „Wie der Wind im Ei“, „Opium für Ovid“, „Überseezungen“, „Das nackte Auge“ und eben jetzt „Abenteuer der deutschen Grammatik“.

Gemeinsam ist diesen poetischen Texten, Gedichten, essayistischen Äußerungen und dramatischen Versuchen, dass sprachliche Wendungen, Redensarten, besondere Formen der Grammatik und eingeschliffene Verhaltensweisen, habituelle Besonderheiten und zivilisatorische Vorlieben neu gesehen werden, wie das nur jemandem möglich ist, dem das Vergleichen zur zweiten Natur geworden ist.

Hier der Fünfzeiler „Die zweite Person Ich“: „Als ich dich noch siezte, / sagte ich ich und meinte damit / mich./ Seit gestern duze ich dich / weiß aber noch nicht, / wie ich mich umbenennen soll.“ Oder die Frage, ob man in der verschrifteten Sprache wirklich die Zeichensetzung braucht, fragt sie in dem kleinen Text . Den kaum noch reflektierten Unterschied zwischen mündlicher und schriftlicher Sprache einreißend, heißt es in „Eine neue Periode ohne Punkt und Komma“: „Wer redet schon mit Interpunktionen auf der Zunge“.

In den „Passiv“ überschriebenen Zeilen findet sich der Aphorismus „Die Passivität ist die Zukunft der Vergangenheit“. Dass Sprachspiele mit Liebesspielen zu tun haben, zeigt das Gedicht „Die Konjugation“, das auch „Die Kopulation“ heißen könnte: „er hemt / wenn ich bluse /weiche in den händen der wäscherin am hafen / glänze nicht ohne den gültigen spaß / fiebere nach kunstseide / er hemt den fortschritt / schimpft mit der kunst und dem stoff / er hütet / wenn ich hose / ich hose die schneiderpuppe / ich schneide / du liebste / ich pistole / du angst / wir arbeiten an der Änderungs- / Grammatik“.

Yoko Tawada, 1960 in Tokio geboren, ist ausgesprochen polyglott: außer Japanisch und Deutsch spricht sie fließend Russisch und Englisch und hat keine Schwierigkeiten, sich weitere europäische Sprachen anzueignen. So kann man ihr vertrauen, wenn sie festhält: „Eine Hose kann nur im Deutschen tot sein.“

Und wie anders die Japaner ihr „Ich liebe Dich“ ausdrücken! Übersetzt man die entsprechende japanische Wendung ins Deutsche, kommt „Was mich betrifft, bist du begehrenswürdig“ heraus. Man sollte Japanisch lernen.

Der zweite Teil des Büchleins versammelt Impressionen aus europäischen Metropolen. Unter „Kopenhagen“ wird festgehalten: „Diejenigen, / bei denen es immer regnet, / sprechen warme, feuchte Wörter.“ Zu den dänischen Einsichten gehört: „Die Statistik ist deine Sicherheit, das Horoskop – deine Freiheit.“

In dem darauf folgenden Gedicht wird der Zusammenhang von Erotik und Poetik verrätselt. Da stehen die geheimnisvollen Zeilen, einen Pfeil des Amor betreffend: „Unter den Damen in Samtkleidern steht ein nackter Junge / Berührt sein spitzer Penis die Brusttasche eines Dichters/ Wacht ein Frauenname auf / Der Pfeil, nicht einmal ein Interpunktionszeichen, / Eilt weiter ins Licht / Zerbricht knackend / An einer Damentasche / Sie, die Lichtquelle, ein blinder Fleck.“

Yoko Tawada:

Abenteuer der deutschen Grammatik. Konkursbuch Verlag Claudia Gehrke,

Tübingen 2010.

62 Seiten, 8,50 €.

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