Kultur : Ich rede. Du redest. Es redet. Wir sagen nichts.

Im Wortgetümmel: Videoarbeiten von Stefan Panhans im Berliner Haus am Waldsee.

Marcus Woeller
Zimmersport. Szene aus Stefan Panhans’ 2012 entstandenem Video„ Homestory (Il Cielo In Una Stanza)“. Foto: Panhans, Galerie Feldbuschwiesner, Berlin, Galerie Dorothea Schlueter, Hamburg
Zimmersport. Szene aus Stefan Panhans’ 2012 entstandenem Video„ Homestory (Il Cielo In Una Stanza)“. Foto: Panhans, Galerie...

Sind wir heute nicht alle wahnsinnig mit uns selbst beschäftigt? Egozentrik ist zu einer Tugend geworden, seit sie im Gewand der Selbstoptimierung und des Persönlichkeits-Coaching daherkommt. Stefan Panhans nimmt die Kultur der Selbstdarstellung aufs Korn.

Das Haus am Waldsee hat ihm die fulminante Videoausstellung „Too Much Change Is not Enough“ gewidmet, die das gesamte Museum in ein Kurzfilmkino mit elf Projektionswänden verwandelt. Panhans’ bekanntestes Werk ist wohl „Sorry“ von 2010: In einem Zugabteil sitzen Karl Lagerfeld, Jonathan Meese und Amy Winehouse und schweigen einander an. Sie lassen sich in ihrer Langeweile auch nicht aufstören, als sich Bill Kaulitz von Tokio Hotel hinzugesellt, dann erscheinen auch noch Madonna und Lady Gaga, und schließlich wollen auch Brad Pitt und Johnny Depp noch rein.

Ungemütlich voll wird es im Durchgang, weil ein Michael-Jackson-Lookalike einen Dekobaumstamm transportiert und zwei Polizeibeamte in voller Montur ihre Kaffeebecher vorbeibalancieren. Trotz aller Rempelei kommt kein Gespräch auf, in mehr als zehn Minuten Video-Hin-und-Her hört man nur einmal kurz ein „Sorry“.

Den Promis, dargestellt von grell verkleideten Freunden des Künstlers, kann man die Selbstverliebtheit noch abnehmen. Sie vermarkten schließlich das öffentliche Interesse an ihrer Person. Doch in Panhans’ Filmen hat so ziemlich jeder mit sich selbst zu tun. Etwa die Frau im Kiss-Make-up, die wie eine Made eingerollt in einen Schlafsack davon redet, wie großartig sie ihr Leben meistert. „Du musst dich finden, deine innere Kraft finden. Dafür musst du erst mal loslassen. Weißt du, was Qi ist?“ So geht das eitle Gequassel unaufhörlich weiter, streift fernöstliche Weisheiten, Entschleunigungsfantasien, Neurolinguistische Programmierung und andere Methoden des Motivationstrainings, kreist dabei aber immer nur um den unerschütterlichen Glauben an sich selbst. „Hör auf das, was du erreichen willst. Bleib dran, bleib guter Laune, unbeirrbar!“

Noch bezwingendere Fähigkeiten zum Monolog beweist ein junger Mann, der mit dem Glorienschein eines Pelzkragens in einem digitalen Schneegestöber steht und offenbar gerade den Media Markt verlassen hat. Doch sein Urteilsvermögen scheint getrübt von so vielen Testberichten und Expertenkommentaren, die er vorher studiert hat, dass er offenbar keinen Kauf zuwege brachte.

Stefan Panhans hat dem Protagonisten des Films „Sieben bis zehn Millionen“ einen wunderbaren Redeschwall in den Mund gelegt, der pointiert analysiert, wie wortreich Menschen heute sprechen können, ohne viel zu sagen. Kommunikation ist alles.

Panhans, geboren 1967 in Hattingen, nimmt sich Zeit für seine Sets, die stets mit fest installierter Kamera gefilmt werden – ohne Zooms, Schnitte oder Schwenks. Noch mehr Sorgfalt gilt den Drehbüchern. Sein Output ist daher nicht groß. Das Haus am Waldsee zeigt nun erstmals alle Filme des Künstlers, in denen er Alltagssituationen beschreibt, die mit großer Genauigkeit und Sinn für kuriose Details die Absurdität unserer überinformierten Gesellschaft freilegen.

Sein Meisterstück ist vielleicht der 35-minütige Dialog zwischen einer Frau und einem Mann am Lagerfeuer, die aufs Präziseste aneinander vorbeireden. Hier geht es nicht um Unterhaltung oder argumentativen Austausch, nicht einmal um Vortrag und Gegenrede. Das Reden selbst hat sich verselbständigt.

Doch auch die Stücke, die ohne Worte auskommen, sind hinreißende Beobachtungen. Etwa wenn eine Frau im Fitnessstudio auf dem Laufband unwillkürlich Hindernissen ausweicht, die sie offenbar auf dem Fernsehbildschirm sieht. Oder wenn drei junge Leute nacheinander vor der Kamera posieren, um sich vor dem roten Lämpchen, das die Aufnahme signalisiert, ins beste Licht zu rücken versuchen und die Linse anflirten.

Panhans’ Blick auf die Welt bleibt ironisch wohlwollend. Er stellt unser alltägliches Kommunikationsgebaren nicht bloß, sondern konfrontiert uns mit dem Unbewussten, das sich in Sprache und Gestik verbirgt. Marcus Woeller

Stefan Panhans, „Too Much Change Is not Enough“, bis 16. März 2014, Haus am Waldsee, Argentinische Allee 30

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