Kultur : Ihre Sicht der Dinge

„Es gab Beerdigungen auf beiden Seiten“: Michael Sontheimers Geschichte der Rote Armee Fraktion

Hannes Schwenger
„Sprung in die Finsternis“. Die Bibliothek des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen der Freien Universität 1970 nach der gewaltsamen Befreiung Andreas Baaders. Foto: Ullstein
„Sprung in die Finsternis“. Die Bibliothek des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen der Freien Universität 1970 nach der...Foto: ullstein bild - Mehner

Die RAF hat Menschen in existenzielle Situationen gebracht.“ So philosophisch verschwiemelt umschreibt Michael Sontheimer in seiner kurzen Geschichte der Rote Armee Fraktion die blutige Spur, die deren Taten in der Geschichte der Bundesrepublik hinterlassen haben. Er hält das in seinem Vorwort für eine „sachliche Wortwahl“, sein Verlag spricht im Klappentext ziemlich farbenblind vom „schwarzen Fleck in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland“.

Die Rede ist von der Tatsache, dass die RAF in 22 Jahren 33 Menschen um ihre Existenz, im Klartext: zu Tode gebracht, und dabei 21 Tote in den eigenen Reihen in Kauf genommen hat; auch den Tod von fünf Unbeteiligten, die Sontheimer – weil sie von Beamten bei der Fahndung nach Tätern der RAF erschossen wurden – umstandslos auf das Konto der Polizei setzt. Sein Buch („Einführung und Zusammenfassung zugleich“) bringt das auf die Formel: „Es gab Beerdigungen; und es gab sie auf beiden Seiten. Gewalt gebiert Gewalt.“

Das ist keine kurze, es ist eine arg verkürzte Sicht auf – noch einmal Sontheimer – „ein politisches Phänomen, bei dessen Geburt vor vierzig Jahren eine der bekanntesten Journalistinnen der Bundesrepublik ankündigte: ,Und natürlich kann geschossen werden.‘“ Für Ulrike Meinhof war das die „natürliche“ Konsequenz ihrer These, ein Polizist in Uniform sei „ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden“. Für Sontheimer kam dieser „brutale Ton von Ulrike Meinhof nicht von ungefähr“, denn den ersten Schuss habe ja drei Jahre zuvor ein Polizist abgefeuert – Karl-Heinz Kurras auf Benno Ohnesorg.

In Wahrheit fiel der erste Schuss, der unmittelbar zur Gründung der RAF führte, drei Jahre später aus einer eigenen Waffe. Es war der Schuss auf den unbewaffneten Bibliotheksangestellten Georg Linke, der bei der gewaltsamen Befreiung des verurteilten Kaufhausbrandstifters Andreas Baader im Wege war. Baader und Ulrike Meinhof entwichen danach durch einen Sprung aus dem Fenster – im existenziellen Jargon Sontheimers „der Sprung in die Finsternis“. Wohl wahr, doch wozu die dunkle Metaphorik, wenn auch der Autor schließlich einräumt: „Das moralische Scheitern und die Verworfenheit der Terrorgruppe ist so offensichtlich, dass sie nicht mehr betont werden müssen.“ Das ist zwar falsches Deutsch, im übrigen aber so richtig, dass es alle Mythologisierung der RAF verbieten sollte. Allerdings auch jenen kurzen Prozess, den einige Politiker und Juristen den Gefangenen von Stammheim machen wollten; es war der Generalbundesanwalt Kurt Rebmann selbst, der sie einen nach dem anderen zu erschießen vorschlug, bis Hanns Martin Schleyer freikomme. Helmut Schmidt hat dem zum Glück widerstanden.

Stattdessen deutet für Sontheimer jetzt „vieles darauf hin, dass die verantwortlichen Politiker und Beamten die angekündigten Selbsttötungen der Staatsfeinde stillschweigend duldeten“. Eine steile These, für die es weniger Belege gibt als für die Tatsache, dass die dabei verwendeten Waffen und Munition von ihren Verteidigern eingeschmuggelt wurden und die Beamten von den Häftlingen ständig tätliche und verbale Angriffe – als vermeintliche Faschisten und KZ-Wärter – stillschweigend erduldet haben. Dass im Übrigen außer der Geschichte der Täter nicht auch die der Opfer erzählt wird, begründet Sontheimer mit der beabsichtigten Kürze seiner Darstellung.

Das ist schwer zu rechtfertigen, wenn davon ausgerechnet Hanns Martin Schleyer ausgenommen wird, dessen NS- und SS-Vergangenheit in aller Ausführlichkeit referiert und mit peinlicher Ironie kommentiert wird: „Indem sie ihn zum Opfer machte, hat die RAF dafür gesorgt, dass er in Deutschland geehrt wird wie kein anderer ehemaliger SS-Offizier.“ Nicht weniger schief ist Sontheimers Ironie, wenn er der RAF zugutehält, sie habe durch ihr Scheitern „von ihr selbst ungewollt“ die Projekte der grün-alternativen Linken begünstigt – „von Taxi-, Tischler- oder Sonnenenergiekollektiven bis zur ,tageszeitung‘“, für die er 1980 als Reporter tätig wurde.

Während sich bisherige Chronisten der RAF fast ausschließlich auf Dokumente von Polizei und Justiz gestützt hätten, „die naturgemäß parteiisch und oft fehlerhaft sind“, habe er versucht, im Gespräch mit ehemaligen Mitgliedern der RAF „ihre Sicht der Dinge in Erfahrung zu bringen“, schreibt Sontheimer. Das ist für ihre Sicht der Dinge gelungen, nicht aber für die konkreten Umstände und persönliche Verantwortung für ihre Taten, zu denen sie noch immer schweigen. Das ist das gute Recht der Angeklagten, aber schlecht für die historische Wahrheit. Die einzige Chance dafür wäre nach Sontheimers Meinung „ein Deal: Wahrheit gegen Freiheit, Aussagen gegen Amnestie … Doch es existiert keine politische Kraft, die es wagen würde, Straffreiheit für ehemalige Terroristen zu fordern“. Soll man das bedauern?





– Michael Sontheimer:
„Natürlich kann geschossen werden“. Eine kurze Geschichte der RAF. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010. 218 Seiten, 19,95 Euro.

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