Ijoma Mangold und "Das deutsche Krokodil" : Blut kann sehr dick sein

Vater Nigerianer, Mutter aus Schlesien: Der Literaturkritiker Ijoma Mangold erzählt die Geschichte seiner Herkunft.

Der Literaturkritiker Ijoma Mangold, 46.
Der Literaturkritiker Ijoma Mangold, 46.Foto: Sebastian Hänel/Verlag

Am Ende ist man fast ein bisschen überrascht: Der Erzähler und Held dieses Buches begrüßt die von ihm geschilderte Entwicklung seines Lebens mit aller Konsequenz, gerade bezüglich der familiären Herkunft. Überdies macht er das, wie es scheint, ganz bewusst. Eben also noch hat Ijoma Mangold sich mit dem letzten familiären Geheimnis auseinandergesetzt, einer Art ewigem blinden Fleck seiner ersten Lebensjahre, hat im Anschluss daran ein weiteres Mal aus seiner Skepsis, wenn nicht gar Abneigung gegenüber der Psychoanalyse, der „freudianischen Therapiegesellschaft“, wie er sie nennt, keinen Hehl gemacht – um doch seine Geschichte zu beschließen mit einem Kapitel, das „Family“ überschrieben ist und von dem durchaus turbulenten dreiwöchigen Besuch seiner nigerianischen Halbschwester Ijeure bei ihm in Berlin handelt. „Nur Geschwister können sich so streiten und so versöhnen“, konstatiert Mangold nach Ijeures Abreise und gesteht: „Ich muss mich beugen: Blut ist dicker als Wasser, es wäre sinnlos, das weiter zu bestreiten.“ Und: „Gegen Nigeria, dachte ich, ist einfach kein Kraut gewachsen.“

Ijoma Mangold, Leiter des Literaturressorts der „Zeit“ und einer der bekanntesten Literaturkritiker des Landes, wurde 1971 in Heidelberg als Kind einer deutsch-nigerianischen Verbindung geboren. Die familiären Wurzeln seiner Mutter, die als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin gearbeitet hat, liegen in Schlesien, sie wurde mit ihrer Familie von dort erst nach Brandenburg vertrieben und siedelte schließlich in den Westen Deutschlands über. Sein Vater wuchs in einem Dorf in Nigeria auf, studierte in Deutschland Ende der sechziger Jahre Medizin, wo er und Mangolds Mutter sich kennenlernten, und kehrte in den siebziger Jahren, einige Zeit nach der Geburt Ijomas, wieder zurück nach Nigeria.

Mit „Das deutsche Krokodil“ hat Mangold nun seine Autobiografie geschrieben, „Meine Geschichte“, wie es explizit im Untertitel heißt. Die erzählt er einerseits weitgehend chronologisch, von der Kindheit allein mit der Mutter und den Ferienzeiten bei der Großmutter über die Jugend- und Schulzeit in Heidelberg und dem Beginn des Studiums in München bis hin zu seinem ersten und bislang einzigen, zwei Monate dauernden Besuch in der nigerianischen Millionenstadt Aba bei der Familie des Vaters.

„Ich hatte Deutschland nie als ein rassistisches Land empfunden"

Andererseits spielt sich diese Geschichte natürlich immer vor dem Hintergrund von Ijoma Mangolds Hautfarbe ab. Mangold setzt sich von Beginn seines Buches an mit seinem Anderssein und den Vertracktheiten seiner Herkunft auseinander, zunehmend auch in analysierenden, essayistischen Passagen. Eine Auseinandersetzung, die es wiederum in seinem früheren Leben nicht so gegeben hat: „Es waren doch sehr individuelle Konstellationen gewesen, denen sich mein Dasein verdankte, daraus ließ sich nichts verallgemeinern oder gar als gesellschaftliche Gesamtaufgabe begreifen. Ich wollte mein Schicksal nicht sozialisieren.“ Und: „Ich hatte Deutschland nie als ein rassistisches Land empfunden, auch nicht als ein Land, das mich zurückstieß.“ So ist die Erzählbewegung zunächst eine doppelläufige. Da liest man von einer typischen bundesrepublikanischen Kindheit und Jugend mit Märklin-Eisenbahn, Phasen der Langeweile und Theater AG; eine Adoleszenz, die sich vom Durchschnitt eher dadurch abhebt, dass Mangold Kind einer alleinerziehenden Mutter ist und als frühreifer Jugendlicher meint, rebellieren und Distinktionsgewinne einfahren zu müssen mit einer Begeisterung für Thomas Mann und Richard Wagner. Was doch etwas erstaunt: Als hätte man gerade in den achtziger Jahren nicht genug andere Spielfelder gehabt, um gegen die ach so offenen 68er-Eltern zu rebellieren.

Schon „der Junge“ aber – wie sich Mangold zu Beginn noch von einer auktorialen Erzählperspektive aus als Kind porträtiert, vermutlich um der Erinnerung eine gewisse Zuverlässigkeit zu verleihen – dieser „Junge“ also weiß um die Eigenartigkeiten mit dem Vornamen oder den krausen Haaren, die, weil es unverfänglicher ist, zu viel mehr Kommentaren als die Hautfarbe führen, um die Probleme, die es ihm bereitet, mit einer schwarzen Freundin der Mutter aus den USA im Heidelberger Vorort Dossenheim zur Post gehen zu müssen. Oder er sieht das Krokodil aus Ebenholz auf dem Fenstersims im Wohnzimmer, „als wäre es seine Pflicht, jeden daran zu erinnern, dass dieser Haushalt eine besondere Verbindung zu Afrika pflegt.“

Während dann im Verlauf der Schulzeit und des Zivildienstes das fremdartige Aussehen kaum eine Rolle zu spielen scheint (und er ein Solidaritäts- und Freundschaftsangebot des Advanced-Chemistry-Musikers Kofi ablehnt), macht Mangold erstmals bei einem Aufenthalt in den USA eine intensivere Bekanntschaft mit den afroamerikanischen Freunden der Mutter, eine „mir bis dahin unbekannte Erfahrungsgemeinschaft“, wie er das nennt. Ja, und dann kommt eines Tages ein Brief des quasi nichtexistenten Vaters in seine Münchener Studentenwohnung geflattert, der ihn von der Existenz von vier Halbschwestern und zwei toten Halbbrüdern in Kenntnis setzt und überhaupt davon, dass er, der Vater, mit Ijoma, noch viel vorhabe, und er sobald wie möglich nach Nigeria kommen solle.

Mitten in Nigeria hat sich Mangold nach dem „Rosenkavalier“ gesehnt

Freundlich wie Mangold ist, zugewandt und diplomatisch, wie er es von seiner stets auf die Kommunikation Wert legenden Mutter gelernt hat, nimmt er das Angebot an, ohne dass es ihn nach den über zwanzig Jahren ohne Vater wirklich nach Nigeria ziehen würde.

Es gehört zu den erzählerischen Glanzstücken dieses Buches, wie Mangold seinen Nigeria-Aufenthalt in Lagos, Aba und dem Dorf des Vaters beschreibt. Dabei arbeitet er genau heraus, wie seltsam und fremd ihm diese afrikanische Welt ist. Dass er sich weder verheiraten, taufen, umbenennen noch sonst wie vereinnahmen lassen will. Wie schwer es ihm fällt, sich auf Sitten und Gebräuche einzulassen, wie sehr ihm mit seinem bildungsbürgerlichen Hintergrund die Gespräche fehlen, der kommunikative Austausch, wie er ihn kennt, das Frage-Antwort-Spiel, um sich halt besser kennenzulernen. Was er mehrmals, Literaturkritiker, der er nun mal ist, dahingehend auf den Punkt bringt, dass der nigerianische Zweig seiner Familie „in der Gattung des Epos“ lebe, „ich in der des psychologischen Romans“. Mangold ist es dann auch nicht peinlich, zu gestehen, sich mitten in Nigeria nach dem „Rosenkavalier“ gesehnt zu haben, dem Wien der Kaiserin Maria Theresia.

Überhaupt fällt die Offenheit auf, mit der Mangold aus seinem Leben erzählt, nicht nur bezüglich der engen Beziehung zu seiner Mutter, sondern eben auch von den Scheuklappen, den „blauen Augen“, der „Farbenblindheit“, die er womöglich gehabt habe, wie er einräumt. Ob er möglicherweise „überassimiliert“ gewesen sei, fragt er sich einmal, um das aber zurückzuweisen. Die Wahl Obamas zum US-Präsident 2008 habe jedoch auch ihn erstmals einen Zeitungstext über Hautfarbe schreiben lassen - und zudem aus der Ich-Perspektive darüber, wie sich die Wahrnehmung seiner eigenen Person über die Jahre verändert hat.

Der Tod der Mutter im Jahr 2010 und des Vaters ein Jahr später dürften die Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunft zusätzlich forciert und zu diesem Bildungsroman entscheidend beigetragen haben. Die vermaledeite Sache mit der Identität, sie muss ein Spiel bleiben dürfen, so lugt es trotzdem manchmal aus den Zeilen Mangolds hervor. Allein der Hautfarbe und Herkunft wegen eine Identität zugeschrieben zu bekommen, dagegen gelte es sich zu wehren, da dürften Geld, Bildung, die Erziehung von Charakter und Gefühlen nicht außer Acht gelassen werden. Wobei letzteres aus vielerlei Gründen nicht jedem gegeben ist, worüber sich auch Mangold im Klaren sein dürfte. Und die Reduktion auf die Hautfarbe, die hat er dann erst kürzlich wieder erfahren, als der irrlichternde rechtsnationale Autor Akif Pirinci nach einem Mangold-Verriss von dessen Buch "Deutschland von Sinnen" auf einer Lesung empfahl, "Mangold solle doch nach Afrika zurückgehen, in den Busch". Das zweite, zusätzliche Leben, das sein Vater ihm angeboten hat, habe er „ausgeschlagen“, so Ijoma Mangold. Dass er aber aus einer ethnisch-kulturell heterogenen Familie stammt, dass diese gleichfalls eine Rolle in seinem Leben spielt, das scheint er inzwischen als ein Glück zu verstehen.

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil. Meine Geschichte. Rowohlt Verlag, Reinbek 2017 352 Seiten, 19, 95 €. Buchpremiere Mi, 30.8. 20 Uhr, LCB am Wannsee.

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