Kultur : Im Anfang ist das Wort

Zärtlich, eigensinnig, widerspenstig: zum 80. Geburtstag der großen Schauspielerin Inge Keller

Christoph Funke

Formbewusstsein ist altmodisch. Strenge und Disziplin sind es auch. Man muss schon Mut haben wie die Schauspielerin Inge Keller, um sich unerbittlich zur vollendeten Beherrschung von Sprache und Gestik zu bekennen. Das Ergebnis dieser Haltung könnte bloße technische Perfektion sein. Bei Inge Keller bedeutet untadelige Genauigkeit zunächst einmal die handwerkliche Voraussetzung der Arbeit überhaupt, ist dann aber Ausgangspunkt eines gelösten, freien Spiels, das Ungefähres, Verschwommenes von vornherein ausschließt. Diese Schauspielerin duldet nichts Zufälliges. Was sie spielt, stimmt. Sie sucht die innere Wahrheit jeder Figur, ringt darum so lange, bis sie sich selbst sicher ist.

Schauspielerinnen, die ins höhere Lebensalter gekommen sind, sagt man gern Mütterlichkeit, Lebensweisheit, Güte nach. Auch für Inge Keller trifft das zu – und ist doch bei ihr ganz anders. Sie hat Heiterkeit gewonnen, Gelassenheit gegenüber allen Wechselfällen der menschlichen Existenz – und der Politik, der Geschichte. Eine Ironie zeichnet sie aus, die sich Güte und Verständnis nicht verschließt, aber alles Weiche, Naive, Romantische meidet. Wenn sie ein Lächeln auf ihr Gesicht zaubert, tun sich Welten auf, werden die Erfahrungen eines langen Lebens zugänglich. Was die Schauspielerin an Härte und Genauigkeit von sich fordert und auch einlöst, steht einer mitunter fast zärtlichen Beziehung zu den von ihr gespielten Frauen und ihren Schicksalen nicht entgegen.

Eigentlich braucht Inge Keller nichts mehr zu tun. Ein weißes Kleid, ein Hochsitz auf ebenso weißer Bühne genügen. Denn was sie da im Mai 2000 im Deutschen Theater (als Prolog zu „Verratenes Volk“ von Einar Schleef) zu spielen hatte, sprengte die Dimensionen des Vortrags. Die Schauspielerin rezitierte den Sündenfall aus „Paradise Lost“ von John Milton – aber „rezitierte“ ist eben falsch. Sie riss die Zuhörer hinein in die mächtigen Bilder des Poems, ohne auch nur den Versuch zu machen, ins äußerlich Wirkungsvolle zu kommen. Alles war Gedanke, entstehender, Form suchender Gedanke, wie zum ersten Mal gebaut und gefügt. Es war ein historischer Auftritt – in Einar Schleefs letzter Inszenierung. Er starb im Sommer des Jahres 2001.

Diese unnachahmliche Art, Dichtung, geformte Sprache zum sinnlichen Erlebnis zu steigern, zeichnet auch die Lesungen Inge Kellers aus – heute, am Abend ihres 80. Geburtstages, lädt sie ins Deutsche Theater ein, zu einer ganz besonderen Begegnung mit Thomas Manns Novelle „Tonio Kröger“.

Den Theatern Berlins hat Inge Keller in Jahrzehnten ununterbrochener schauspielerischer Arbeit die Treue gehalten. Die sächsischen Stationen Freiberg und Chemnitz, am Anfang ihrer Laufbahn, blieben Episoden. Dann kamen das Hebbel- und das Schlosspark-Theater (hier spielte sie 1948 Pützchen in „Des Teufels General“) und schließlich, 1950, das Deutsche Theater in der Schumannstraße. In diesem Haus fand Inge Keller ihre Heimat, besonders durch die enge Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Wolfgang Langhoff, Wolfgang Heinz, Benno Besson, Alexander Lang.

Die „Lieblichen“ waren Inge Kellers Sache nicht, ihre Aufmerksamkeit gehörte den Spröden, Schwierigen. Von der Eliza Doolittle („Pygmalion“ von Shaw) über die Eboli in Schillers „Don Carlos“, die Emilia in Shakespeares „Othello“ und die Mascha in Tschechows „Drei Schwestern“ führte der Weg 1963 folgerichtig zu Goethes Iphigenie. Diese Rolle, unter der Regie von Wolfgang Langhoff, machte Inge Keller zum unerreichten Höhepunkt in der Gestaltung starker, selbstbewusster, unangepasster Frauen-Charaktere. Ihre Iphigenie war beherrscht bis in die Fingerspitzen, aber in dieser Strenge lebte vibrierende Leidenschaft. Jeder Vers war durchglüht vom Miterleben, vom Durchleiden tragischer Schicksale, wenn auch das Körperliche in Strenge gefangen blieb.

Die unablässige Suche nach solcher gelebter Disziplin brachte Inge Keller in den Ruf, sehr eigensinnig, ja widerspenstig zu sein, allzu hohe Forderungen zu stellen. Sie musste Jahre durchstehen, in denen es wenig Arbeit für sie gab – und war doch immer da, wach und unverwechselbar, wenn Regisseure den Mut hatten, sich ihren Anforderungen zu stellen. Unter Alexander Lang spielte sie 1981 Julie und Grisette in Büchners „Dantons Tod“, 1999 in einer beim Publikum sehr erfolgreichen Inszenierung die Claire Zachanassian in „Der Besuch der alten Dame“ (Regie Thomas Langhoff). Sie wagte sich auch, mit großem Erfolg, auf die Opernbühne.

In der Uraufführung von Aribert Reimanns Oper „Bernarda Albas Haus“ nach Federico Garcia Lorca verkörperte sie 2000 in München, dann auch an der Komischen Oper Berlin, die Maria Josefa. Inge Keller gastierte bei den Wiener Festwochen, übernahm Aufgaben bei Film und Fernsehen – Alter bedeutet für sie Festhalten an Neugier und schöpferischer Lust. Und die Herausforderung, Wissen und Erfahrung zu bündeln, handwerkliche Meisterschaft zu wahren, unter allen Umständen, und weiterzugeben an die Jüngeren.

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