Kultur : Im Angesicht des Verbrechens Schonungslos: Maïwenns Paris-Drama „Poliezei“

Julian Hanich
Einsatz. Die Polizistinnen (Karin Viard, Emmanuelle Bercot, Marina Foïs) kümmern sich um misshandelte Kinder. Foto: Wild Bunch
Einsatz. Die Polizistinnen (Karin Viard, Emmanuelle Bercot, Marina Foïs) kümmern sich um misshandelte Kinder. Foto: Wild Bunch

Wenn sich die Polizisten der Pariser Jugendschutz-Einheit zum Verhör aufmachen, sollten sie sich besser warm anziehen. Denn der Wind, der ihnen entgegenschlägt, kann schmerzvoll sein, eisig und hart. Da erzählt ein Kind detailreich vom Missbrauch der Eltern. Ein pädophiler Macho suhlt sich arrogant in der eigenen Widerlichkeit. Und eine Mutter berichtet ganz selbstverständlich, wie sie jeden Abend ihren Jungen befriedigt. Dabei erreichen die Sätze einen peinvollen Grad der Suggestion. Solch provokative Freiheit nimmt sich die junge Regisseurin Maïwenn: In ihrem Film „Poliezei“ hört sie schonungslos hin – auch wenn im Kopf des Zuschauers Bilder aufgerufen werden, die er kaum bewältigen kann. Dazu kommen Szenen, in denen die Polizisten über die jugendlichen Opfer lachen, aus Selbstschutz oder Überforderung im schlecht finanzierten Arbeitsalltag. Keine Frage, die Regisseurin wandelt mutig auf einem schmalen Grat.

Mit agiler Handkamera gefilmt, springt „Poliezei“ (die Falschschreibung spielt auf kindliche Rechtschreibfehler an), von einer hochemotionalen Episode zur nächsten: die nervenaufreibende Razzia in einem Wohnwagenlager rumänischer Migranten; die wilde Suche nach einer drogensüchtigen Mutter, die ihr Baby aus der Krippe entführt hat; die herzzerreißende Trennung eines afrikanischen Jungen von seiner obdachlosen Mutter. Dazwischen: Mittagsszenen in der Kantine, gemeinsames Feiern in der Disco, Posieren am Schießstand, Flirten, Sex.

Man kennt vieles davon aus anderen Filmen – und doch ist „Poliezei“ ungewöhnlich. Der dritte Spielfilm der 35-jährigen Regisseurin greift zwar auf Bauteile des Thrillers zurück. Doch Maïwenn interessiert sich mehr für psychologische Gefechte als für Action, mehr für zwischenmenschliche Zusammenstöße als für Autokarambolagen. Beim Festival in Cannes, wo der Film im Mai den Preis der Jury gewann, beklagten manche die emotionale Hochtourigkeit des Films, und tatsächlich bewegt sich dessen Drehzahl in einigen Szenen im roten Bereich. Da ist das Script zu stark auf Effekt getrimmt. Doch an anderen Stellen entwickelt „Poliezei“ eine ungeahnte, fast dokumentarische Wucht – was nicht zuletzt an den hervorragenden Darstellern liegt, denen Maïwenn viel Raum für waghalsige Ausbrüche lässt. Vor allem der Rapper Joey Starr verleiht der Figur des aufbrausenden und verletzlichen Polizisten Fred enorme Präsenz. Interessantes Detail: Joey Starr wurde mit seiner Band NTM einst für Texte mit harscher Kritik an der französischen Polizei bekannt. Julian Hanich

Cinemaxx Potsdamer Platz, Eiszeit, Kino in der Kulturbrauerei, OmU: Hackesche Höfe

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