Kultur : Im Datenstrom

Casey Reas zeigt in der Galerie DAM die Vielfalt digitaler Strukturen.

Kaspar Heinrich
Software-Muster. „Network C“ ist ein variables Format von 2012. Foto: Galerie DAM
Software-Muster. „Network C“ ist ein variables Format von 2012. Foto: Galerie DAM

Die Arbeit von Casey Reas, die seiner Ausstellung in der Galerie DAM den Namen gibt, ist unverkäuflich – und zugleich für jedermann zugänglich. Der US-Amerikaner und Vertreter der Software-Kunst bietet „Century“ als Open Source im Internet an. Jeder kann unter reas.com/century selbst Hand, oder besser: Maus anlegen und zum digitalen Künstler werden.

Zehn grafische Strukturen erscheinen auf dem Bildschirm, die sich durch Bewegungen mit dem Cursor verändern lassen. Weiße Balken rotieren so auf rotem Grund, schwarze Kästchen verbinden sich nach Art von Tetris zu neuen Figuren. Irgendwann einmal sollen es hundert Strukturen sein. Sie beruhen alle auf Werken des 20. Jahrhunderts, die für Reas bedeutsam sind. Das muntere Referenzen-Raten kann also beginnen.

Einen ausdrücklichen Bezug zur Kunstgeschichte stellt auch die Arbeit „Network C“ her: Von Piet Mondrians New Yorker Straßen-Geflecht „Broadway Boogie Woogie“ von 1943 inspiriert, lässt die Software Linien auf einem Bildschirm entstehen, Verästelungen, die stetig ihre Farben und ihren Verlauf ändern.

In „Signal to Noise“ verfremdet eine Software ein Fernsehprogramm, überlagert das Bild durch halbsekündlich wechselnde Datenstrukturen. Das Hintergrundrauschen läuft als Endlosschleife, doch in der Kombination mit den darübergelegten Störbildern entsteht in jedem Moment etwas Neues.

In Casey Reas’ Werken visualisiert sich der Zufall: Mithilfe der Programmiersprache „Processing“ und einigen festgelegten Parametern ergeben sich in seinen Software-Arbeiten immer neue Algorithmen – und damit grafische Strukturen. Stets sind es Linien, Kästchen, Pixel, die geometrische Muster ergeben: So ticken Computer nun einmal. Reas’ Werke spielen mitunter mit den ästhetischen Mitteln der Op-Art und erweitern diese analoge Kunstrichtung durch das Moment der Bewegung.

„Processing“ hat Reas vor über zehn Jahren selbst entwickelt, während seiner Zeit am Massachusetts Institute of Technology. Heute ist er Universitätsprofessor in Los Angeles – und Buchautor: In seinem 2007 erschienenen Handbuch erläutert er auf über 700 Seiten die Möglichkeiten von Processing und lässt Künstler und Visual Designer zu Wort kommen, die mit dem Programm arbeiten.

Softwares schaffen naturgemäß generative Kunst, die sich stetig im Prozess befindet. Die Galerie DAM zeigt dazu in den meisten Fällen noch eine gedruckte Version, als C-print unter Plexiglas (Preise: 2200-5500 Euro, Softwares jeweils 8500 Euro). Kaspar Heinrich

Galerie DAM, Neue-Jakob-Str. 6/7; bis 27.11., Di–Fr 12–18 Uhr, Sa 12–16 Uhr

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