Im Kino: Abenteuerfilm „Die versunkene Stadt Z“ : Dschungelfieber

Eine Heldenbiografie als Anti-Epos: James Grays kritischer Abenteuerfilm „Die versunkene Stadt Z“ erzählt die Geschichte des Entdeckers Percy Fawcett.

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Schwierige Völkerverständigung. Die Expedition von Percy Fawcett (Charlie Hunnam) trifft auf Ureinwohner Brasiliens.
Schwierige Völkerverständigung. Die Expedition von Percy Fawcett (Charlie Hunnam) trifft auf Ureinwohner Brasiliens.Foto: Studio Canal

Percy Fawcett war zu Lebzeiten, was man einen klassischen Abenteurer nennt. Britischer Aristokratensohn, hochdekorierter Soldat, Geograf, Weltreisender, Hobbyanthropologe. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts unternahm Fawcett einige Expeditionen in das bis dahin unerforschte Amazonas-Gebiet, um  dort eine untergegangene Zivilisation, die „Stadt Z“, zu finden. Von seiner letzten Reise 1925 kehrte er nicht zurück, sein Schicksal ist bis heute ungeklärt. Der Archetyp des Abenteurers ist historisch gesehen natürlich eine problematische Figur, insbesondere zu jener Zeit, in der Fawcett als Abgesandter des Empire die Welt bereiste. Man muss nur einen Blick in die Abenteuerliteratur jener Zeit werfen, die auf eine Vielzahl kruder Exotismen und rassistischer Ressentiments zurückgreift.

In den Büchern von Rudyard Kipling, in Arthur Conan Doyles „Die verlorene Welt“ und den Quatermain-Geschichten von H. Rider Haggard – Schriftsteller, mit denen Fawcett befreundet oder gut bekannt war – wurde „das Fremde“ buchstäblich als Kolonialware feilgeboten. Joseph Conrad gab seiner berühmten Afrika-Novelle den programmatischen Titel „Herz der Finsternis“. Er steht stellvertretend für das Genre der Kolonialliteratur, gleich neben Kiplings Bemerkung über Afrika als die „Bürde des weißen Mannes“.

Es ist nicht unmittelbar ersichtlich, was den amerikanischen Regisseur und Drehbuchautor James Gray an der Geschichte von Colonel Percy Fawcett interessiert hat. Gray gilt in der amerikanischen Filmindustrie als Außenseiter, umso größeres Ansehen genießen seine Filme dafür unter europäischen Cinephilen. Der anti-psychologische Realismus seiner Filme bietet dem amerikanischen Kinopublikum wenig Identifikationspotential.

Wenn er einen Polizeifilm dreht („Helden der Nacht“, 2007), interessiert er sich mehr für das soziale Geflecht, das Familie und Beruf über Generationen zusammenhält, im Liebesfilm („Two Lovers“, 2008) faszinieren ihn die unausgesprochenen Leerstellen in der Gefühlswelt seiner Figuren, die Begehren produzieren. Nach „The Immigrant“ von 2013, der an einer Einwanderergeschichte den amerikanischen Traum als kapitalistischen Sozialdarwinismus erzählt, musste man fast befürchten, dass Gray gar keine Filme mehr drehen werde, so weit hatten sich seine kritischen Amerikabilder von der Selbstwahrnehmung des Landes entfernt.

Gray spielt sämtliche Rollenzuschreibungen des Kostümfilms gegeneinander aus

Und jetzt also das Biopic „Die versunkene Stadt Z“, Grays erste Großproduktion im südamerikanischen Dschungel mit viel Geld und einer Handvoll Stars, die sich gerade allesamt um eine Neuausrichtung ihrer Karrieren bemühen. Zum Beispiel Charlie Hunnam, bekannt geworden mit der Biker-Serie „Sons of Anarchy“, in der Rolle Fawcetts. Bei Gray wirkt er fast verzagt. Kein Draufgänger, eher ein nachdenklicher Typ, dem man die Abenteuerlust nie ganz abnimmt, wenn er vor der Royal Geographical Society den Aufbruch in eine neue Epoche beschwört.

Oder die böse unterschätzte Sienna Miller als Fawcetts Ehefrau Nina, eine ebenbürtige Partnerin ihres Mannes: schön, schlau, fordernd und gleichzeitig aufopferungsvoll. Gray spielt sämtliche Rollenzuschreibungen des Kostümfilms gegeneinander aus, Miller dankt es ihm mit einer stillen Performance, ihrer besten vielleicht. Und dann Gestaltenwandler Robert Pattinson, der die Erratik bei der Wahl seiner Filmrollen zum Markenzeichen erhoben hat. Er spielt, versteckt hinter einem nicht minder erratischen Bartungetüm, den Weggefährten Fawcetts auf dessen lebenslanger Suche nach einer hoch entwickelten Amazonas-Kultur, die zur Obsession wird.

Die Reise in den Dschungel entfremdet Fawcett von der eigenen Gesellschaft

Gray zeichnet dieses Wegdriften Fawcetts langsam nach. 1906 reist er als königlicher Landvermesser erstmals in den Dschungel, um in einem Grenzkonflikt zwischen Brasilien und Bolivien zu vermitteln. Seine Biografie hat aufgrund einer „unglücklichen Wahl seiner Vorfahren", wie es einmal heißt, einen Makel, den er mit beruflichem Prestige kompensieren muss. Im Wissen um seinen prekären sozialen Status, der einer höheren Militärkarriere im Weg steht, geht er dahin, wo bisher kein vermeintlich zivilisierter Mensch einen Fuß gesetzt hat – und beginnt zu realisieren, dass ihn die Reisen in den Dschungel von seiner eigenen Gesellschaft entfremden.

An diesem Punkt wird deutlich, was Gray an der Lebensgeschichte Fawcetts interessiert. Denn je tiefer dessen Exkursionen in den Urwald vordringen, desto stärker erweist sich „Die versunkene Stadt Z“ als kritischer Abenteuerfilm – ein Gegenprogramm auch zu den fantasmagorischen Filmen eines Werner Herzog. In seinen überlieferten Aufzeichnungen hatte sich Fawcett ausführlich über die Bedrohung der indigenen Völker durch die Industrialisierung geäußert. Dafür trifft nun Charlie Hunnam in einer an „Apocalypse Now“ angelehnten Szene am Rande des Wahnsinns auf einen von Franco Nero gespielten Kautschukbaron, der im Urwald ein Sklavenreich errichtet hat. „Frieden bedeutet für mich“, erklärt der Kolonialist seine Unternehmensphilosophie, „dass sich gar nichts ändern wird.“

Fawcetts Zivilisationsmüdigkeit wird noch verstärkt durch die Erfahrung des Ersten Weltkriegs an der Westfront. Gray begegnet dem Eskapismus Fawcetts dabei immer skeptisch, auch dessen indigene Expeditionsmitglieder scheinen sich ein besseres Bild von ihrem Reiseleiter zu machen als der von sich selbst. „Du tust mir leid, Engländer“, meint ein Indio angesichts von Piranhas, tödlichen Krankheiten und Kannibalen-Völkern. Diese Skepsis gegenüber dem Genre des Abenteuerfilms gehört zu den Stärken von Grays Film, dessen mattes Farbspektrum und meditative Kamerafahrten auch visuell jegliche Faszination an der Exotik des Regenwalds aus den Bildern getilgt hat. Eine Heldenbiografie als Anti-Epos.

Startet am 30. März in den Kinos

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