Im Kino: "Amok" : "Menschen, die andere Menschen zermalmen können"

Von Flaschen und Waffen: Der österreichische Regisseur Zoltan Paul erzählt in seinem Psycho-Drama „Amok“ davon, wie einer zum Amokläufer wird. Beeindruckend vor allem: die großartigen Schauspieler.

Sabrina Wagner
Tilo Nest als Amokläufer.
Tilo Nest als Amokläufer.Foto: Jonas Schmager

Was veranlasst einen Amokläufer? Verzweiflung? Demütigung? Eine mögliche Geschichte erzählt der Film „Amok – Hansi geht’s gut“ des österreichischen Regisseurs Zoltan Paul. Die Fenster mit Lamellenrollos verdunkelt, eine schwarzbraun gepolsterte Eckbank, auf dem Tisch ein gehäkeltes Deckchen, eine Tasse Kaffee, Brot mit Margarine, Wurst in Plastikverpackung. Bedrückende Tristesse, die den Zuschauer minutenlang gefangen hält, bis Lorenz Fuchs das Frühstück beendet hat und zur Arbeit aufbricht. Sein Weg führt durch Berlins alten Westen, der hier in den Wohnblöcken der sechziger Jahre zwischen Wilmersdorfer Straße und Ernst-Reuter-Platz schon bessere Zeiten gesehen hat. Schließlich Fuchs’ Büro: grau und steril, Linoleumboden, Behördenambiente, lange leere Flure. Hier will eigentlich niemand sein.

Fuchs, Mitte 50, ist ein zwanghaft korrekter Buchhalter. Einer, der im Stillen gewissenhaft seine Arbeit macht. Selbst die Konkursabwicklung samt Massenentlassungen in seiner Firma erledigt er, ohne auch nur eine Frage zu stellen. Doch in ihm brodelt es. Fuchs ist ein einsamer Mann. Geschieden lebt er zwischen Kartons und alten Möbeln in der ehemaligen Wohnung seiner Mutter. Die wiederum hat er im Altersheim untergebracht, konnte es ihr ohnehin nie recht machen. Ebenso wenig seiner Ex-Frau, die ihn täglich mit Vorwürfen bombardiert.

Menschliche Abgründe

Außerdem hat Fuchs ein Alkoholproblem, das er gerade so unter Kontrolle hat. Jedenfalls bis sein Chef – großartig: Charly Hübner als fies zynischer Opportunist – ihm ein unmoralisches Angebot macht. Fuchs soll für einen auf systematische Firmenzerschlagungen spezialisierten Konzern arbeiten: „Du bist befördert worden. … Du kommst hier weg. Weg aus dieser Scheiße. … Ist doch ’ne kranke Gesellschaft. Hier weiß doch keiner mehr, warum er überhaupt noch lebt. Sind doch alles ekelhafte Zombies. Aber wir sind Menschen, die andere Menschen zermalmen können. Weil wir die Härte haben, den Hass, das Bewusstsein und die Nerven.“ Das ist zu viel für Fuchs. Statt die Beförderung zu feiern, greift er wieder zur Flasche. Und dann zur Waffe.

Die meiste Zeit dieses Psycho-Dramas ist der Zuschauer allein mit Fuchs. Kein Wort von ihm, doch die Kamera fängt in Nahaufnahme jede kleine Muskelregung ein, die seine inneren Kämpfe erahnen lässt. Der Wiener Burgtheater-Schauspieler Tilo Nest spielt nicht nur, er wird zu Fuchs. Der Film lebt vor allem von dieser bemerkenswerten Schauspielleistung. Lorenz Fuchs ist kein Sympathieträger, Empathie empfindet der Zuschauer kaum. Seine Geschichte verstört, weil sie menschliche Abgründe so nachvollziehbar offenlegt.

Babylon Mitte, Zukunft

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