Im Kino: "Ben Hur" : Circus Minimus

Kurz, brav, sehr digital und in 3-D: der neue „Ben Hur“ will mit Computer-Effekten die alte Geschichte neu erzählen. Der Film kann aber nicht an seinen großen Vorgänger heranreichen.

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Messala Severus (Toby Kebbel,vorn) beim Wagenrennen mit Judah Ben-Hur (Jack Huston).
Messala Severus (Toby Kebbel,vorn) beim Wagenrennen mit Judah Ben-Hur (Jack Huston).Foto: Paramount

Wer von „Ben Hur“ spricht, meint damit meist William Wylers Monumentalfilm von 1959 und verfällt reflexhaft in ein Stakkato von Statistiken und Superlativen: 300 Sets, darunter das größte bis dato gebaute. 400 Sprechrollen, 2500 Pferde, 50 000 Statisten, eine Million Requisiten und über 380 Kilometer gedrehtes Filmmaterial. Als der Film herauskam, war er der teuerste aller Zeiten und avancierte zum zweiterfolgreichsten. Die elf gewonnen Oscars sind bis heute nicht übertroffen worden.

Mancher ließe von einem Klassiker dieses Kalibers wohl vernünftigerweise die Finger – in einer Zeit aber, in der Hollywood sich nur noch als Recycling- und Serienfertigungsfirma versteht, qualifiziert der epochale Erfolg von einst erst recht für ein Remake. Wobei sich Timur Bekmambetov, der kasachische Regisseur des von Paramount ins Kino gebrachten Films, sogleich gegen dieses Etikett verwahrt und daran erinnert, dass der historische Roman von Lew Wallace vor und nach Wyler mehrfach adaptiert wurde – bereits 1925 gab es eine Stummfilmfassung, damals der teuerste Film der noch jungen Kinogeschichte.

Was kann die neue Version der alten hinzufügen?

Für Bekmambetov ist die Geschichte um die in Feindschaft umschlagende Freundschaft zwischen dem jüdischen Fürsten Judah Ben-Hur und dem römischen Tribun Messala Severus eine zeitlose Geschichte wie „Romeo und Julia“, die für jede Generation neu erzählt werden muss. Durchaus wahrscheinlich, dass die heutige Blockbuster-Zielgruppe keine der früheren Verfilmungen kennt. Auch mag die Filmsprache von Wylers „Ben Hur“, Maßstab jeder späteren Adaption, einem jungen Publikum antiquiert erscheinen. Was also – außer der für Filme dieser Kampfklasse mittlerweile obligatorischen 3-D-Optik – kann die neue Version der alten hinzufügen?

Mit dem schieren Materialaufwand von Prestigeprojekten der späten Studio-Ära können heutige Produktionen schwerlich mithalten. Inhaltlich allerdings geht mehr: der damals von Aushilfsautor Gore Vidal zwischen die Drehbuchzeilen geschmuggelte homoerotische Subtext, der die politische Meinungsverschiedenheit unter Jugendfreunden als Geschichte einer enttäuschten Liebe lesbar macht, hätte heutzutage explizit auserzählt werden können. Doch gegen die sehnsüchtigen Blicke des alten Messala (Stephen Boyd) und Charlton Hestons gut geölten Muskeltorso wirken Jack Huston (als Ben-Hur) und Toby Kebbell (als sein römischer Adoptivbruder) geradezu züchtig und keusch.

Schwulenverbände in den USA empörten sich prompt, dass der neue „Ben Hur“ auf diese kanonische Doppelbödigkeit verzichtet. Das Filmteam nennt hierfür gleich mehrere Gründe. Drehbuchautor Keith Clarke rechtfertigte sich mit dem Hinweis auf das Urheberrecht: Weil der Film keineswegs ein Remake, sondern eine Neuadaption des Romans sei, habe man auch keinerlei Abweichungen früherer Verfilmungen von der Buchvorlage übernehmen dürfen – und darin finde sich nun einmal keine romantische Vorgeschichte. Hauptdarsteller Toby Kebbell erklärt, angesichts der heute faktischen Gleichstellung Homosexueller habe sich diese unterschwellige Bedeutungsebene schlicht erledigt. Die evangelikale Produzentin Roma Downey wiederum bezweifelt, dass es in der Fassung von 1959 überhaupt Homoerotik gibt. Bekannt für biblisches Erbauungskino, räumt sie beherzt jegliche sexuelle Ambiguität beiseite, um Jesus einen größeren und textreicheren Auftritt zu verschaffen.

Das legendäre Wagenrennen darf nicht fehlen

Richtig, Jesus! In „Ben Hur“ tritt auch der hübsche Tischler auf, der dem Titelhelden ein paar Floskeln über Liebe und Versöhnung mit auf den Weg gibt. An der merkwürdigen Doppelstruktur von Vergeltungs- und Bekehrungsgeschichte hat jede der Verfilmungen schwer zu schleppen: Ist ja schön, wenn Ben-Hur durch die Begegnung mit dem Heiland für Vergebung und Nächstenliebe gewonnen wird – aber bitte erst, nachdem er rächend für Gerechtigkeit gesorgt hat. Es gilt schließlich noch, das legendäre Wagenrennen zu bestreiten.

Immerhin holt der allerneueste „Ben Hur“ aus dieser ikonischen Sequenz das mit dem gegenwärtigen Stand der Computer- und Filmtechnik maximal Mögliche heraus. Tragisch nur: Gerade das Wagenrennen in Wylers Klassiker bleibt bis heute konkurrenzlos mitreißend, weil – ohne die digitalen Effekte – der atemberaubende Aufwand und die reale Gefahr ständig spürbar sind. So bleibt als einziges Verdienst der Neuverfilmung, dass sie die Geschichte in der Hälfte der Zeit erzählt. Zum alten „Ben Hur“ verhält sie sich wie Weltliteratur-Kurzfassungen zum Originaltext: Sie informiert einigermaßen präzise über das Geschehen, aber beschert allenfalls sporadisch das Vergnügen der echten Lektüre.

In Berlin in 19 Kinos; Originalfassung im Alhambra, Cinestar SonyCenter und Neukölln Arcaden

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