Im Kino: der Dokumentarfilm "Happy" : Mein Papa, der Sextourist

Carolin Genreiths gewagter Dokumentarfilm „Happy“ erzählt von der Auseinandersetzung einer Tochter mit dem in eine junge Thailänderin verliebten Vater..

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Ein Trio in Thailand: Dieter-, seine neue Frau Tukta und Tochter Carolin Genreith.
Ein Trio in Thailand: Dieter-, seine neue Frau Tukta und Tochter Carolin Genreith.Foto: Zorrofilm

Wenn das kein Wagnis ist. Carolin Genreith, seit dem auf der Berlinale 2013 uraufgeführten und mit vielen Sympathiepunkten bedachten Langfilmdebüt „Die mit dem Bauch tanzen“ als Spezialistin für subjektive Feelgood-Dokus bekannt, erzählt von einem Sextouristen. Und der ist noch dazu ihr eigener Vater. Dieter Genreith heißt der über 60-Jährige, auf dem Gemeindeamt arbeitende Feierabendbauer aus der Eifel, der in „Die mit dem Bauch tanzen“ nur als Leerstelle, als abgelegter Ehemann der nach 25 Ehejahren zu neuen Ufern aufgebrochenen Mutter Thema war.

Von diesem, ihr selbst trotz Blutsverwandtschaft nicht so wirklich vertrauten Menschen, der ihr schon immer zu kauzig, laut und peinlich war, bekommt die junge Regisseurin eine alarmierende Postkarte aus Thailand. Darauf steht: „Meine Liebe, mir geht’s gut hier, ich esse Pad Thai und trinke Chang Bier. Und ich habe eine Frau kennengelernt, die jünger ist als Du. Liebe Grüße, Papa.“

Sind Sextouristen womöglich doch nur nette Jedermänner?

Inzwischen trägt die hier erwähnte Thailänderin, die halb so alt ist wie der Vater und zu Hause einen zwölfjährigen Sohn und eine bedürftige Familie hat, den Namen Tukta Supaporn Pimsoda-Genreith und lebt auf dem Bauernhof des Vaters. Im November stand sie auf dem Dokfilmfestival Leipzig bei der Premiere von „Happy“ schüchtern lächelnd, aber stumm, weil der deutschen Sprache noch nicht so mächtig, neben Vater und Tochter Genreith und wurde – wie der ganze Film – stürmisch beklatscht. Das war ein zwiespältiges Bild für diesen mutigen, differenzierten, konfrontativen, in seiner Subjektivität und Warmherzigkeit aber gelegentlich auch zu braven Film, der manchem Zuschauer womöglich das willkommene, entschärfte Gegenbild zu dem aus Sozialreportagen bekannten Typus des ausbeuterischen Sextouristen liefert. Nach dem Motto: Siehste, die Typen sind ja nette Jedermänner, keine Monster.

Die Sympathie fußt auf dem Unrecht des Reich-Arm-Gefälles

Ja, wenn die Welt so einfach wäre! Der Film verschweigt trotz des liebenswürdig inszenierten Protagonisten und den pittoresken Bildern vom Hofleben und luftigen Mofafahrten in Thailand nicht, dass gekaufter Sex in Ländern des globalen Südens strukturell verwerflich ist. Und dass die Sympathie, womöglich gar Liebe, zwischen Dieter und Tukta auf dem Unrecht eines Reich-Arm-Gefälles fußt. „Glaubst du, Tukta hätte sich für dich entschieden, wenn sie eine Wahl hätte?“, fragt die Filmemacherin den Vater, der schwer ins Schwitzen gerät. Auch die Tatsache, dass Dieter, der deutsche Altersgenossinnen als anstrengend empfindet, für Tukta weder die Mühen scheut, Thailändisch zu lernen noch ihre Familie zu alimentieren, gehört zu den Widersprüchen. Gibt es ein richtiges Leben im falschen? Um diese Frage dreht sich „Happy“. Sowohl Dieter wie die in den Interviewsequenzen ebenfalls zu Wort kommende Tukta scheinen sie mit „Ja“ zu beantworten. Am Skandal des Sextourismus ändert das nichts.

"Happy" läuft im b-ware! ladenkino und im Kino Hackesche Höfe.

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