Im Kino: "Die Bücherdiebin" : Die Kunst des Lesens

Jugend unter den Nazis: Markus Zusak Weltbestseller „Die Bücherdiebin“ stand 230 Wochen auf der Bestsellerliste der New York Times. Jetzt hat Brian Percival das Buch verfilmt.

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Die Heilerin. Liesel (Sophie Nelisse) und der im Keller versteckte jüdische Junge (Ben Schnetzer).
Die Heilerin. Liesel (Sophie Nelisse) und der im Keller versteckte jüdische Junge (Ben Schnetzer).Foto: Fox

Ein internationaler Bestseller, der in Deutschland spielt und – Überraschung! – den Nationalsozialismus behandelt, mit US-Dollars im sächsischen Görlitz verfilmt, in den Hauptrollen englischsprachige Stars, dazu Deutsche in Nebenrollen: „Die Bücherdiebin“ ähnelt von den Zutaten her derart frappierend dem „Vorleser“, dass man den Film gleich „Die Vorleserin“ nennen könnte. Weitere Parallelen gefällig? Da wäre die kindliche bis jugendliche Erzählperspektive, und sogar das Thema Analphabetismus steht wieder im Mittelpunkt, als könne man damit die Welt der Nazis gleich mit erklären.

Die Bücherdiebin ist vor allem eine Bücherretterin. Im April 1938 befindet sich die zehnjährige Liesel Meminger auf der Flucht vor der Gestapo, ihre Mutter (unterfordert: Heike Makatsch) muss ins Ausland, weil sie offenbar der KPD nahesteht. Als der kleine Bruder an schwerer Krankheit stirbt, legt die Mutter ein Buch zwischen seine kalten Hände. Dieses Buch nimmt Liesel an sich. Bald wird sie mit den Pflegeeltern Hans und Rosa Hubermann (Geoffrey Rush und Emily Watson) Zeugin einer Bücherverbrennung und holt H.G. Wells’ „Der Unsichtbare“ aus den Flammen. Später steigt sie bei der Bürgermeisterin (Barbara Auer) durchs Fenster und holt sich ein Buch aus dem Regal. Das sieht eher nach einer Straftat aus – mag Liesel auch entschlossen sein, das Buch zurückzubringen.

Ausgedacht hat sich die Geschichte Markus Zusak, in Australien aufgewachsener Sohn einer deutschen Mutter und eines österreichischen Vaters. Er war dreißig, als „Die Bücherdiebin“ 2005 auf den Markt kam – das Buch hielt sich 230 Wochen lang auf der Bestsellerliste der „New York Times“. Mit einem Budget von 19 Millionen Dollar ist die Adaption fürs Kino relativ preiswert geraten. Regie führt, mehr fernseh- als kinogerecht, der Emmy-Preisträger Brian Percival („Downton Abbey“). Drehbuchautor Michael Petroni ist durch die „Chroniken von Narnia“ mit jugendlichen Zielgruppen vertraut. Ihnen verkündet er die Botschaft, dass man lesen können muss, um den Nationalsozialismus zu verstehen, und dass man aus verbotenen Büchern Kraft gewinnen kann.

Zu Beginn und am Ende hat der Tod das Wort

Den im Keller der Hubermanns versteckten Juden Max (Ben Schnetzer) heilt Liesel mit ihren Lesungen von einer schweren Erkältung. Und während eines Bombenangriffs macht sie den Mitbewohnern Mut, indem sie die Geschichte des „Unsichtbaren“ erzählt. Die Ausstattung ist insgesamt liebevoll, im Umgang mit der Sprache allerdings arg fehlerhaft. Frau Hubermann hat die Schubladen ihres Küchenschranks auf Deutsch beschriftet, damit sie nicht lange nach Milch, Zucker und Salz suchen muss. Aber im Klassenzimmer stehen englische Wörter an der Tafel, die dann deutsch vorgelesen werden – dieses Kunststück brachte schon Kate Winslet im „Vorleser“ fertig.

Die fiktive Kleinstadt Melching bei München, in der die Hubermanns leben, ist erstaunlich nazifrei. In Liesels Schulklasse gibt es einen einzigen fiesen Hitlerjungen, die wenigen brutalen SS-Männer kommen von außerhalb und verschwinden schnell wieder, der Bürgermeister (Rainer Bock) wirkt eher traurig als bedrohlich. „Ich hasse Hitler!“, rufen Liesel und der Nachbarsjunge Rudy (Nico Liersch) über den See, ohne eine Denunziation befürchten zu müssen. Auch Max’ Schicksal wird verharmlost. Im Roman landet er, nachdem er den Keller der Hubermanns verlassen hat, im KZ; im Film kehrt er 1945 als strahlender Sieger aus dem Exil zurück.

Dem Film fehlt eine klare Perspektive. Anfang und Ende werden vom Tod kommentiert (in der deutschen Fassung: Ben Becker), doch mit dem Hauptteil hat der Tod nichts zu tun. Mittendrin gibt es Münchner Pogromnachtszenen, von denen die kleine Liesel nichts wissen kann. Kameramann Florian Ballhaus setzt auf poetische Bilder, doch die Regie schwankt zwischen stilistischer Überhöhung und Realismus. Erstaunlich aber die Hauptdarstellerin: Die Kanadierin Sophie Nélisse, bei Drehbeginn dreizehn, sieht mal wie zehn und dann wieder wie zwanzig aus. Da scheint Magie im Spiel. Mehr davon hätte dem Film gutgetan.

In elf Berliner Kinos; Originalfassung  im Cinestar SonyCenter