Im Kino: die Dokumentation „Haymatloz“ : Wie Atatürk Juden rettete

Die Türkei unter Atatürk wurde 1933 für viele Juden zur Rettungsinsel. Die Dokumentation „Haymatloz“ schildert diese fast vergessene Geschichte.

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Neues Leben in der Provinz Ankara. Eine Szene aus der Dokumentation „Haymatloz“.
Neues Leben in der Provinz Ankara. Eine Szene aus der Dokumentation „Haymatloz“.

Mann und Frau, in heroischer Pose von unten gefilmt, blicken optimistisch in die Zukunft. Die Frau trägt kurzes Haar und konstatiert: „Das ist die heutige Türkei, unsere neue Art zu leben.“ Schwarz-weiß glitzert der Bosporus. Er glitzert noch immer, farbig jetzt, Möwen schreien, Schiffe schaukeln. „Zum Bosporus will man immer wieder zurück“, sagt Kurt Heilbronn, einer der fünf Protagonisten des Dokumentarfilms „Haymatloz – Exil in der Türkei“. Der Psychologe ist in der Türkei geboren, heute pendelt er zwischen Frankfurt am Main und Istanbul. Sein Vater Kurt Heilbronn, ein Pflanzengenetiker, gehörte zu den Gründern des Botanischen Institutes von Istanbul.

Eine fast vergessene Geschichte: Für viele deutsche Juden wurde die Türkei nach 1933 zur Rettungsinsel. Mustafa Kemal Atatürk war bei seinem Bemühen, das Land in die Moderne zu holen, auf Experten angewiesen. Er holte rund tausend Wissenschaftler ins Land. Viele von ihnen aus Deutschland, die meisten davon verfolgt. Sie bedankten sich, indem sie die Reformen vorantrieben. In der Fassade des Parlaments von Ankara ist ein Satz von Atatürk eingemeißelt: „Der einzig wahre Führer im Leben ist die Wissenschaft.“ Entworfen wurde das Gebäude von einem Emigranten, dem österreichischen Architekten Clemens Holzmeister.

„Wir sind no man’s people, nirgends zu Hause“, sagt Elisabeth Weber-Belling. „Das ist Schicksal, das ist Kismet.“ Ihr Vater, der als „entartet“ diffamierte Avantgardekünstler Rudolf Belling leitete die Bildhauersektion der Istanbuler Kunstakademie. Inzwischen werden die Errungenschaften der Gründerjahre von der Erdogan-Regierung abgewickelt. Aktmodelle sind aus vielen Hochschulen verbannt, Atatürk-Bilder verschwinden. Regisseurin Eren Önsöz hat mit Studenten gesprochen, die nach den Protesten auf dem Taksim-Platz im Gefängnis landeten. Aber der Putschversuch und die Verhaftungswelle danach haben ihren Film überholt. Die Zeiten der Offenheit sind vorbei. Nun lautet die Parole, wie es einmal heißt: „Wir brauchen keine ausländische Bevormundung mehr.“ Dabei ist aus der türkisch-deutschen Freundschaft eine Erfolgsgeschichte geworden. Hoffentlich keine bloß historische.

In den Berliner Kinos Eiszeit, Hackesche Höfe, Sputnik (alle OmU)

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