Im Kino: Die Florence Foster Jenkins Story : Königin des Camp

Oper ist Wahnsinn: „Die Florence Foster Jenkins Story“ von Ralf Pleger.

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Kick aus dem Kiekser. Joyce DiDonato als Florence Foster Jenkins.
Kick aus dem Kiekser. Joyce DiDonato als Florence Foster Jenkins.Foto: Salzgeber

Es stimmt ja gar nicht, dass sie die schlechteste Sängerin aller Zeiten war. Florence Foster Jenkins, Tochter aus reichem Hause aus Philadelphia, die es im New York der 20er Jahre zur exzentrischen Kultfigur mit Verdi-Damenklub brachte und 1944, mit 76 Jahren, in der ausverkauften Carnegie Hall sang, traf durchaus etliche Töne. Nur dass sie diese um Vierteltöne, Aussetzer und Quietscher bereicherte. Was man erst mal hinkriegen muss. Und was sind Soprankoloraturen anderes als Furor, Hybris, Außer-Sich-Sein? Eine Arie wie die der Königin der Nacht in Mozarts „Zauberflöte“ kündet von nichts als Wahnsinn – es war ihr Bravourstück.

Vor allem sang sie aus unerschütterlicher Liebe zur Oper; das betont „Die Florence Foster Jenkins Story“ des auf Klassikfeatures spezialisierten Regisseurs Ralf Pleger („Wagner-Wahn“, „Die Akte Tschaikowsky“). Die deutsche Dokufiction mit der famosen Mezzosopranistin Joyce DiDonato in der Titelrolle, mit Nachinszenierungen von Foster Jenkins’ berühmt-berüchtigten tableaux vivants und Statements von Musikern, Historikern und dem Chefarchivar der Carnegie Hall reiht sich ein in eine regelrechte Serie von Foster-Jenkins-Filmen. Auf Xavier Giannolis Drama „Madame Marguerite oder Die Kunst der schiefen Töne“ mit Catherine Frot von 2015, das die Story ins Paris der Surrealisten transferierte, folgt Ende November Stephen Frears’ Version mit Meryl Streep.

Jenkins war eine moderne, unabhängige Frau

Plegers Hauptthese: Foster Jenkins war eine moderne, unabhängige Frau. Womöglich eine Feministin avant la lettre, in jedem Fall camp. So, wie Susan Sontag Campsein definierte, als „Ernsthaftigkeit, die ihren Zweck verfehlt“. Plegers Film versucht dem Phänomen beizukommen, indem er sich selber der Camp-Ästhetik bedient. Wenn die Grammophon-Nadel hängen bleibt, stockt auch der Film. Nervöse Bildsprünge, mal gescratchte, mal verzerrte New-York-Straßenaufnahmen, trashige Bühnenshows, eine zwischen Eigen- (perfekter Gesang) und Fremdwahrnehmung (malträtierter Mozart oder Rossini) changierende Szenerie, dazu ein Verdi-Soundtrack und eine outrierte Montage: Vor lauter Technikspielereien verliert man die Protagonistin aus dem Blick.

Litt die Sängerin an den Folgen ihrer frühen Syphilis-Erkrankung? Waren Gehör und Gehirn geschädigt? Die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten und Manager St. Clair Bayfield – Zweckbindung oder Leidenschaft? Wusste sie, dass sie grausig klang oder war sie ein Genie der Selbsttäuschung? Der Film wahrt Geheimnisse, hinterfragt Legenden, lässt Widersprüche zu. Am lohnendsten die Interviews und Tondokumente, etwa mit ihrem Klavierbegleiter Cosmé McMoon, der im Radiogespräch von 1954 ihren Werdegang erläutert. Die Historiker, die ihre monströse Eitelkeit hinterfragen, aber auch ihre Opern-Obsession feiern, ihre Hingabe, den Pakt mit dem Publikum. Und Ernie Lerner, der damals in der Carnegie Hall dabei war und den es noch heute empört, wie böse die Kritiker sie danach behandelten. „Sie kann alles singen, außer Noten“, „gluckst und johlt wie ein besoffener Kuckuck“, stand in den Zeitungen. Florence Foster Jenkins erlitt einen Herzinfarkt, fünf Wochen später war sie tot. Man möchte nie wieder einen Verriss schreiben.

In den Kinos Delphi, Filmkunst 66, Hackesche Höfe, Kino in der Kulturbrauerei

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