Im Kino: "Die Göttliche Ordnung" : Mutti will wählen

1918? Nein. Erst 1971! „Die Göttliche Ordnung“ erzählt vom späten Einzug des Frauenstimmrechts in die Schweiz.

von
Revolte im Appenzell. Nora (Marie Leuenberger) und Ehemann Max (Peter Simonischek).
Revolte im Appenzell. Nora (Marie Leuenberger) und Ehemann Max (Peter Simonischek).Foto: Daniel Ammann/Alamode

Das haben die Schweizer nun wirklich nicht erfunden. Beim Frauenwahlrecht waren 1906 die Finnen die Ersten in Europa. Deutschland hat es immerhin 1918 eingeführt. Die Schweiz jedoch erst 1971, als eine der letzten Demokratien in Europa. Was andere Kontinente angeht, da waren beispielsweise die Philippinen im Jahr 1937 und Indien 1950 deutlich fortschrittlicher als die konservativen Älpler. Saudi-Arabien ist allerdings noch deutlich hartleibiger als die Schweiz. Dort durften Frauen erstmals 2015 an die Urnen und zwar anlässlich der Kommunalwahlen.

Dass die dem Film den Titel gebende „Göttliche Ordnung“ dann doch wohl mehr eine männliche Ordnung ist, zeigt Petra Volpe in ihrem gepflegten Arthausfilm, der zum Glück keine dieser plakativ weiblicher Selbstvergewisserung frönenden Feelgood-Komödien ist. Trotzdem fällt der Kampf gegen die Konventionen der Siebziger nach dem Drehbuch der Regisseurin und Autorin, die unlängst der Neuverfilmung von „Heidi“ ein überaus authentisches, atmosphärisches Skript verpasste, dann doch ein wenig konventionell aus. Ein Sujet wie den aufkeimenden Aufstand braver Hausfrauen in einem Dorf im Appenzell verträgt auch formal revolutionären Pfeffer. In der braven Schweiz hat die Dramödie jedoch einen Nerv getroffen. Da ist die „Göttliche Ordnung“ einer der erfolgreichsten Filme überhaupt. Aber auch auf dem Tribeca-Filmfestival in New York hat er drei Preise abgeräumt, darunter den für die beste Schauspielerin, Marie Leuenberger.

In der Tat verleiht die Schauspielerin mit dem interessant spröden Hingucker-Gesicht, das vergangenes Jahr in der deutschen Komödie „Schubert in Love“ noch durch eine Wagenradbrille verunstaltet war, der Hauptfigur stille Größe und dramatisches Gewicht. Nora Ruckstuhl ist eine treu sorgende Ehefrau und Mutter. Bis zu dem Tag, als ihrem Mann Hans, den Max Simonischek ebenfalls sehr differenziert darstellt, missfällt, dass die Mutter seiner zwei Söhne wieder arbeiten gehen möchte. „Du brauchst meine Erlaubnis, so ist das Gesetz“, bescheidet er in einem autoritären Anfall der perplexen Ehefrau.

Auch Frauen sind gegen das Frauenwahlrecht

Hatte Nora vorher noch zwei Frauenstimmrechts-Aktivistinnen auf der Straße mit dem Satz „Ich fühle mich nicht unfrei“ abgewiesen, kommt sie nun ins Grübeln. Und als dann Charlotte Wipf, die Vorsitzende des „Aktionskomitees gegen die Verpolitisierung der Frau“ im Dorf massiv gegen das Frauenstimmrecht Front macht, stellt Nora sich gegen sie. Wipf verkörpert die in der Schweiz seinerzeit stark vertretenen „Antisuffragetten“, die sich – oft um eigene Machtpositionen zu erhalten – besonders verbissen gegen das Stimmrecht für ihr Geschlecht wehrten. Zusammen mit einer Handvoll Mitstreiterinnen führt Nora schließlich die Kampagne an, die sie mit Dorf und Mann überkreuz bringt. Auch die Söhne sind wenig erbaut von Muttis Sinneswandel. „Aber wir sind doch Buben“, protestieren sie verdattert, als sie plötzlich den Tisch abräumen und abtrocknen sollen.

Und dann ist da noch Noras Nichte, die Miniröcke, Janis Joplin und einen langhaarigen Städter liebende Bauerstochter Hanna (trotzig, rotzig: Ella Rumpf). Durch diesen Charakter verdeutlicht Petra Volpe die beklemmende geistige Enge der schweizerischen Provinz und demonstriert, dass es einen hohen Preis kosten kann, geltende Regeln zu verletzen. „Böse“ Mädchen kommen entgegen anderslautender Postkartensprüche in den siebziger Jahren eben nicht „überallhin“, sondern ins Frauengefängnis. So eine behördliche Einweisung in Besserungsanstalten ohne Gerichtsurteil war in der Schweiz bis in die achtziger Jahre hinein möglich.

Vaginale Selbstbespiegelung gehört in den Siebzigern dazu

Das kühle Grau des winterlichen Appenzells kontrastiert Kamerafrau Judith Kaufmann mit dem warmen Licht, das bei den Versammlungen auf den Gesichtern der Frauen liegt. Auch das eher noch nach fünfziger- als nach siebziger Jahren aussehende Zeitkolorit ist in Ausstattung und Kostümen gut getroffen.

Lerne deinen Körper kennen. Nora (Marie Leuenberger, links), Theresa (Rachel Braunschweig) und Vroni (Sibylle Brunner) erfahren, dass sie Tiger zwischen den Beinen haben.
Lerne deinen Körper kennen. Nora (Marie Leuenberger, links), Theresa (Rachel Braunschweig) und Vroni (Sibylle Brunner) erfahren,...Foto: Daniel Ammann/Alamode

So richtig komödiantisch wird die „Göttliche Ordnung“, als Nora und zwei Freundinnen aus dem Dorf eine reichlich hippieske Frauenversammlung in Zürich besuchen – inklusive vaginaler Selbstbespielung. Per Schautafel zeigt die beneidenswert unverklemmte Seminarleiterin den anfangs noch peinlich berührten, aber dann umso elektrisierteren Damen, was es bei ihnen untenrum für eine Farben- und Formenvielfalt gibt. Dass die Emanzipation da beginnt, wo der Selbsthass endet, ist eine Binsenweisheit. Angesichts von Zeiten verstärkter Körperoptimierung durch kosmetische Schamlippenkorrektur, die auch Dokumentarfilme wie „Vulva 3.0“ thematisieren, könnte das jedoch eine Aktion sein, die man auch den jungen Mädels 40 Jahre später getrost wieder mal empfehlen kann.

In den Kinos Blauer Stern Pankow, Capitol, Cinemaxx Potsdamer Platz, Eva-Lichtspiele, Filmkunst 66, FT am Friedrichshain 1-5, Freiluftkino Friedrichshagen, Kino in der Kulturbrauerei, Union Filmtheater, Yorck/New Yorck

0 Kommentare

Neuester Kommentar