Im Kino: die Langzeitdoku "Achtzehn" : Die Frühreifen

Von Teenie-Müttern und übergriffigen Großeltern: Cornelia Grünberg setzt ihre Langzeitdokumentation mit „Achtzehn - Wagnis Leben“ fort.

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Lisa lebt mit ihren inzwischen drei Kindern und ihren Eltern auf Hawaii.
Lisa lebt mit ihren inzwischen drei Kindern und ihren Eltern auf Hawaii.Foto: www.18derfilm.de

Vom Kinderwunsch der Vierzigjährigen ist oft die Rede, von Schwangerschaften unter Vierzehnjährigen selten. Späte Eltern, die ihr Cocooning bis zur Midlife-Krise aufschieben, kassieren höchstens Spott für überzogene Helikopter-Kontrolle. Schwangere Teenager stehen unter Generalverdacht, noch viel zu unreif für die Sorge um ein Kind zu sein.

Die Berliner Dokumentarfilmerin Cornelia Grünberg, selbst mit 40 schon Großmutter geworden, interessiert sich seit Jahren für die Erfahrungswelt sehr junger Frauen, die sich gegen die Norm für ihr Kind entschieden haben. Sie fragte sich, wie die Mädchen mit dem Widerspruch fertig werden, ihre Sexualität freier als frühere Generationen ausleben zu können, im Fall der Schwangerschaft jedoch als zu jung zu gelten.

In „Vierzehn – Erwachsen in 9 Monaten“ (2009), dem Beginn einer Langzeitstudie, begleitete sie Schülerinnen aus Thüringen, Hessen und Württemberg durch Höhen und Tiefen ihrer Bewährungsprobe. Lisa, Steffi, Laura und Fabienne, vier sehr unterschiedliche Temperamente, erzählten angenehm offen von den Umständen und Konsequenzen ihrer Entscheidung, ohne dass Grünberg sie voyeuristisch ausgestellt hätte.

Anders als in konventionellen Medienberichten geht es ihr nicht in erster Linie um die Gefahr des sozialen Abstiegs oder der psychischen Überforderung durch frühe Mutterschaft. Der Film bestach, präziser und sorgsamer im Ton, als ihn ähnlich wohltemperierte „37°“-Reportagen im Fernsehen anschlagen, durch die Ausstrahlung seiner Protagonistinnen. Deren eloquente Selbstbetrachtung, Witz und Freude über die machtvolle Dynamik, die sie im eigenen Körper wie auch in ihrer Umgebung ausgelöst hatten, verhinderten, dass der Dokumentarfilm zur Parteinahme für eine konservative Reproduktionspolitik verkam. Was „Vierzehn“ allerdings heraushob, war das Fundament einer funktionierenden Familie, auf das sich die vier Mädchen mit oder ohne Partner stützen konnten.

Die jungen Mütter sind sozial abgesichert, und doch greifen die Jugendämter ein

Lisa, Tochter eines deutsch-amerikanischen Ehepaars, war trotz der schlechten Erfahrungen mit ihrem ersten Lover in ihrer Herkunftsfamilie gut aufgehoben. Laura, eine sensible Oberschülerin, erreichte zur Geburt ihrer Tochter sogar, dass sie mit ihrem Freund eine eigene Wohnung beziehen konnte. Fabienne, frühreife Club-Prinzessin, kämpfte verzweifelt um das Überleben ihres mit einem Geburtsfehler geborenen Sohns. Steffi wehrte sich schon vor der Geburt gegen die Besitzansprüche ihrer Mutter.

Auch in „Achtzehn – Wagnis Leben“, dem zweiten Teil der geplanten Trilogie, stehen die Lebensläufe der Protagonistinnen für relative soziale Sicherheit. Alle Kinder haben Zimmer voller Spielsachen, alle sind umsorgt von den jungen Müttern, im Kindergarten und bei den Großeltern. Und doch dokumentiert „Achtzehn“ tiefe Risse, Beziehungsstreit, Eingriffe der Jugendämter. Die jungen Mütter, noch nicht volljährig, brauchen die Zustimmung ihrer Eltern und werden vom Familiengericht nicht ernst genommen. Der Alltag mit Kind ist hart, wenn daneben noch Schularbeiten anstehen.

Lisa lebt mit den Eltern und inzwischen drei Kindern in Hawaii, wohin ihr Vater, ein US-Offizier, versetzt wurde. Das Leben könnte ein ewiger Strandurlaub sein, wäre Lisa nicht von dem Kindsvater verprügelt worden. Laura ist dem Zusammenbruch nah, seit die Schwiegermutter sie disqualifiziert, um ihr die kleine Stella wegzunehmen, während der Kindsvater weit entfernt studiert, nur allzu bereit, seiner Mutter die Erziehungsberechtigung zuzuschanzen.

In diskreter Montage setzt die Filmemacherin ihr reichhaltiges Material zu den parallel erzählten Lebensläufen zusammen. Die finanzielle Absicherung der Mini-Familien ist nicht explizit Thema; vermutlich aber müssen die Großeltern für das Wagnis des Lebensmodells einstehen, wenn die Kindsväter sich aus dem Staub machen.

In Berlin im b-ware Ladenkino und im Babylon Mitte

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