Im Kino: "Gold" mit Matthew McConaughey : Wo ich bin, ist oben

Wahre Geschichten: Stephen Gaghans Biopic "Gold" mit Matthew McConaughey als schmierigem Schatzsucher reiht sich in eine Riege kapitalismuskritischer Hollywood-Filme ein.

Ekkehard Knörer
Mit dem Geld der Anderen. Kenny Wells (Matthew McConaughey) und seine Partner feiern ihre erste Million.
Mit dem Geld der Anderen. Kenny Wells (Matthew McConaughey) und seine Partner feiern ihre erste Million.Foto: Studio Canal

Kokain und Nutten, nur so kommst du durch den Tag als Herrscher im Reich der Finanzen. Das erklärt der Börsen-Guru Mark Hanna, gespielt von Matthew McConaughey, dem Frischling Jordan Belfort (Leonardo di Caprio) in Martin Scorseses Börsen-Farce „The Wolf of Wall Street“. Dabei legt Hanna im Spitzenrestaurant hoch über den Straßen Manhattans eine Art Native-American-Ritusgesang hin, primatenhaftes Brusttrommeln inklusive. Danach werden die Wodkas straight bestellt, mitten am Tag. Das Spiel sei ganz einfach, erklärt Hanna: „Befördere das Geld aus der Tasche des Kunden in deine eigene“.

Auch Stephen Gaghans Finanzabenteuer-Saga „Gold“ handelt von der Gier nach Geld und Macht. Interessanterweise verkörpert Matthew McConaughey wieder einen ganz ähnlichen Charakter wie Mark Hanna, allerdings mit anderer Persönlichkeitsstruktur. Richtig sympathisch ist auch sein Kenny Wells nicht. Ein schmieriger Typ mit schlechtem Geschmack, der – in reichlich peinlicher Parvenuhaftigkeit – einen aufdringlichem Wunsch nach Anerkennung verspürt.

Basiert auf wahren Begebenheiten

Gaghans Film liegt eine wahre Begebenheit zugrunde, die als Bre-X-Skandal in die kanadische Wirtschaftsgeschichte einging. Anders als in „The Wolf of Wall Street“, der auf dem unzuverlässigen Erzähler Jordan Belfort beruht, oder in Adam McKays Finanzskandalkomödie „The Big Short“ über die amerikanische Immobilienkrise von 2008, nach einem Sachbuch von Michael Lewis, sind die Orte und Namen der Protagonisten in „Gold“ verändert. Die Geschichte wurde nach Amerika verlegt. Überhaupt verfährt der Film mit den Fakten recht frei.

Wells hat von seinem übermächtigen Vater eine Minengesellschaft geerbt und an den Rand des Ruins geführt. Um das Unternehmen zu retten, tut er sich mit dem zwielichtigen Goldsucher Mike Acosta (Edgar Ramirez) zusammen und setzt mit geliehenem Geld alles auf eine Karte. In einem abgelegenen Tal in Indonesien schürfen Wells und sein Kompagnon nach Gold: eine Wette auf Glück und Erfolg, die letztlich aufgeht. Sie finden eine Goldmine, die Milliardenerträge verspricht. Wells riskiert den Börsengang, die Aktie der Washoe Company geht durch die Decke. Das Schicksal von Wells bewegt sich per heftigen Aspera zu ungeahnten Astra – und schnell wieder zurück. Denn er spielt mit den ganz großen Playern: mächtigen Konzernen und Indonesiens von den USA gestütztem Präsidenten Suharto.

„Gold“ erzählt eine klassische Geschichte vom Aufstieg aus tiefsten Niederungen und dem anschließenden Fall. Matthew McConaughey denkt nicht daran, seinen überkandidelten Auftritt aus „The Wolf of Wall Street“ nur zu kopieren. Mit Wampe und Glatze ist sein Kenny Wells alles andere als ein schnittiger Windhund. Nur wird daraus trotz allem keine wirklich überzeugende Figur. Ein David, dessen Kampf gegen die Goliaths der Finanzindustrie den Zuschauer wenig engagiert.

Der Kapitalismus - eine Tragödie

Dabei geht es in „Gold“ um große Dinge: Hoffnung, Anerkennung, blindes Vertrauen unter Geschäftspartnern (und in die Märkte), übermäßigen Stolz und sogar um die komplizierten Hintergründe der indonesischen Politik. Im Tonfall schwankt der Film zwischen Groteske, Zynismus und ein bisschen Liebe zu der allzu menschlichen Lächerlichkeit von Kenny Wells. Ein Autor wie Ross Thomas hätte aus einer solchen Geschichte einen so bitterbösen wie erhellenden Roman gemacht. Man sieht sofort, was alle Beteiligten an dem Stoff gereizt haben muss. Leider gelingt „Gold“ die Balance seiner Motive und Töne, das Verhältnis von Detail und Allegorie nur selten. Das ist einerseits ein Problem der nicht mehr als soliden Inszenierung. Andererseits ist es ein systemisches Problem, das Gaghans Film mit den deutlich inspirierteren Vorläufern und Artverwandten wie „The Wolf of Wall Street“ oder „The Big Short“ teilt.

Hollywood kann Systeme und ihr Funktionieren nur als (Anti-)Heldengeschichten erzählen. Also werden komplexe Zusammenhänge aus dramaturgischen Erwägungen auf das Erklärungsmuster der Figurenpsychologie reduziert. Die Kritik an den Motiven der Protagonisten ersetzt die Kritik am Finanzkapitalismus und seiner inneren Logik. Auffällig ist, dass Hollywood seine Faszination für die entfesselten Märkte zuletzt verstärkt – als Rückversicherung möglicherweise – an realen Personen abarbeitet. Auch David O. Russells „American Hustle“ oder die Waffenhändlerkomödie „War Dogs“ von Todd Phillips gehören in diese Reihe.

Archeytpen des freien Unternehmertums

Eine typische Figur in dem nach Oliver Stones „Wall Street“ lange vergessenen Sujet eines kapitalismuskritischen Hollywoodkinos ist darum die Figur Michael Burry, gespielt von Christian Bale, in „The Big Short“. Der Trader Burry hält unverdrossen an seiner Überzeugung fest, dass der Immobilienmarkt kurz vor dem Crash steht, zieht daraus aber nicht etwa die Konsequenz, das Ausmaß der Fehlspekulation vor der Welt aufzudecken. Stattdessen „wettet“ er an der Börse darauf, dass Millionen Kleinanleger auf ihrem Einsatz in einem zum Kasino verkommenen Finanzsystem sitzenbleiben

Michael Burry, Jordan Belfort oder Kenny Wells sind Gauner, mit denen man sich dann irgendwie doch identifiziert. Der Sturkopf, das Verkaufsgenie und der Abenteurer, der sein Glück im Dschungel sucht: Archetypen des Entrepreneurtums. Männer, die ihre eigene Mediokrität durch fanatisches Machenwollen zu transzendieren versuchen. Indem sie solche Figuren fokussieren, stabilisieren Filme wie „Gold“ die ideologischen Mythen des Finanzkapitalismus. Dessen Kehrseite sind zerstörte Existenzen, Armut und vergesellschaftlichte Milliardenverluste – Kollateralschäden. Keiner der Filme leugnet diese dunkle Seite. Nur führen sie wie in einer Zwangshandlung alles auf das Erklärungsmuster moralisch ambivalenter männlicher Helden zurück.

Schlussendlich ist der Crash, das Scheitern eine Sache der Moral – und zwar von Individuen. Deren schicksalhafte Gier macht ihre Geschichten so erzählenswert. Es ist kein Zufall, dass Terence Winter, der Drehbuchautor von „The Wolf of Wall Street“, auch einer der zentralen Autoren der HBO-Serie „Sopranos“ gewesen ist. Wie man aus einem moralisch fragwürdigen Helden eine Identifikationsfigur macht, hat das amerikanische Qualitätsfernsehen, die prägendste kulturelle Erzählform der Gegenwart, mit Figuren wie dem psychisch fragilen Mafiaboss Tony Soprano oder dem drogenkochenden Jedermann Walter White in „Breaking Bad“ zu einer Kunst entwickelt.

It's Economy, Stupid!

Hollywood hat in den letzten Jahren einige Anstrengungen unternommen, das Finanzsystem und damit auch die Mentalität des (Post-)Kapitalismus zu erklären. Doch am Ende machen sich die Filme wieder nur zu Komplizen ihrer glamourösen Antihelden. Bestenfalls lassen sie deren Perspektive für einige Momente hinter sich. Die unvergesslichsten Szenen in „The Wolf of Wall Street“ und „The Big Short“ sind interessanterweise jene, in denen die Erzählung aus dem Erzählten ausbricht.

Adam McKay setzt in „The Big Short“ die Schauspielerin Margot Robbie ins Schaumbad und lässt sie, das Champagnerglas in der Hand, abstrakte Finanztermini in die Kamera erklären. Hier streckt das Erzählkino kurz die Waffen, indem es seine Grenzen kenntlich macht: der unsinnliche Erklärtext wird ins Groteske überdreht und damit zu einem eigenständigen Schaueffekt. Matthew McConaugheys bizarrer Auftritt bei Scorsese nähert sich in ähnlicher Weise einer Brecht’schen Verfremdung. „Gold“ dagegen bleibt durchweg seinem profanen Realismus und dem Glauben an seinen Protagonisten verhaftet. Matthew McConaugheys Method Acting, die totale Immersion in die Rolle, ist sein einziger Spezialeffekt. Als Kritik reicht das nicht.

„Gold“ startet am Donnerstag in den Kinos

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