Im Kino: "Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt" : Männer, die auf Rechner starren

Julian Assange ist jetzt Kinofigur: Der Abenteuerfilm "Inside Wikileakes" liefert das Popcorn zur NSA-Affäre.

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Benedict Cumberbatch als Julian Assange.
Benedict Cumberbatch als Julian Assange.Foto: Constantin Film

Beginnen wir mit dem Ende, denn das ist charmant. Da sitzt Benedict Cumberbatch als Wikileaks-Gründer Julian Assange in einem Filmset, das die ekuadorianische Botschaft in London darstellen soll, in der sich der echte Assange nach wie vor aufhält. Der Film-Assange nimmt dort zu jenem Film „Inside Wikileaks – Die fünfte Gewalt“ Stellung, dessen Teil er gerade ist – mit Worten, die dem echten Assange zu diesem Film einfallen könnten. Immerhin hatte der bereits im Januar in einem Brief an Cumberbatch Zweifel angemeldet, ob ein Film, der in der Einflusssphäre der US-Regierung und basierend auf den beiden „giftigsten“ („most toxic“) Büchern über Wikileaks entstünde, mehr intendieren würde, als „mich und meine Arbeit in einem negativen Licht“ darzustellen. Und in der Tat: Weder „WikiLeaks: Inside Julian Assange’s War on Secrecy” von David Leigh und Luke Harding noch „Inside WikiLeaks: Meine Zeit bei der gefährlichsten Website der Welt” des deutschen Wikileaks-Aussteigers Daniel Domscheit- Berg sind im engeren Sinn Lobeshymnen auf Assange.
Mit ordentlich Verachtung in Blick und Stimme sagt der Film-Assange, also Cumberbatch, zu Film und Büchern: „Niemand sagt dir je die Wahrheit.“ Die Zuschauer fordert er danach nochmals auf, „hinter die Wahrheit jeder Story“ zu sehen.
Damit wird abschließend angehoben, was über weite Strecken als Film eher so lala ist: ein schnell geschnittenes Heldenepos, in dem mit wenigen affektierten Klicks zunächst Zeichenkaskaden auf Computerbildschirmen und dann ganze Machtapparate in Bewegung gesetzt werden. In dem Berliner Tag- und Nachtleben zwischen Chaos Communication Congress im BCC am Alexanderplatz und Partys im Tacheles wird da mit leichter Hand Großes geplant und – ist ja nebenbei gefährlich – unter aufgeregtem (Daniel Brühl als Domscheit-Berg) und genervt-abgeklärt-geheimnisvollem Gestiere (Cumberbatch ziemlich großartig als Assange) auch umgesetzt.

Gut, da sind natürlich auch explizit schöne Ideen von Regisseur Bill Condon: das bild- und temporeiche Intro etwa, das die „fünfte Gewalt“ Wikileaks in die Tradition weltbewegender Medienrevolutionen von der Erfindung des Buchdrucks bis zum Siegeszug des TVs stellt. Das wiederkehrende Element, Domscheit-Bergs Innenwelt in traumartigen Sequenzen als Großraumbüro darzustellen, in dem er mal ganz allein, mal mit unzähligen Assanges und später in den Trümmern der gemeinsamen Geschichte sitzt, ist eine hübsche Übersetzung unsichtbarer Konflikte in Szene. Das ist nicht zu unterschätzen bei einem Film über etwas, was sich dokumentarisch nur als „Männer, die auf Rechner starren“-Bildstrecke umsetzen ließe.

Wikileaks und Julian Assange
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16.08.2012 14:48"Don't shoot the messenger" - oder gehört Assange endlich nach Schweden ausgeliefert, um sich in einem rechtsstaatlichen Verfahren...

Es sind Metatexte wie Assanges Brief, die den Film noch zu einem Ereignis machen könnten

Die zwischenmenschlichen Konflikte, in denen sich der Film zunächst ergeht, sind aber so klar wie langweilig: hier der frühkindlich traumatisierte Egomane, dort der wackere, aber zögerliche Deutsche. Irgendwo am Rand die Frau im Gefüge: eine Mischung aus Love Interest und Gretchen Dutschke 2.0, die kocht, anhimmelt, Bedenken trägt und – zu Assanges Missfallen – von ihrem Freund Daniel Privatheit im Politischen einfordert. Nur mit Mühe ist in dem, was Alicia Vikander da darstellt, die heutige Piraten-Politikerin Anke Domscheit-Berg zu erkennen. „Immerhin wurde eine frühere Drehbuchfassung noch einmal geändert“, schrieb die jüngst in einem Blogpost, „denn da hätte ich in Frauenzeitschriften blätternd neben einem erkaltenden Candlelightdinner mit Kaminfeuer stundenlang auf Daniel gewartet – die typische Heimchenfrau.“


Es sind Metatexte wie der kritisch-zugewandte Eintrag Domscheit-Bergs oder auch Assanges Brief, die einen mediokren Film, der in den USA am Startwochenende nur 1,7 Millionen Dollar einspielte und am Donnerstag in Deutschland in die Kinos kommt, noch zu einem medialen Ereignis machen könnten. Denn die Geschichte, die der erzählt, ist so jung wie das Milieu, in dem sie spielt, kommunikativ. Und vielleicht springt der Funke sogar über auf ein breiteres Publikum – und es bleibt nicht dabei, dass ein eher kleiner Zirkel darüber diskutiert, ob er nun historisch korrekt blockbusterisiert wurde.

Welche Position im Diskurs von Wahrheit und Lüge kann so etwas zugleich Wahres und Unwahres wie ein Film einnehmen?

Trotz der filmischen Mittelmäßigkeit wäre das so schlecht nicht. Denn die Fragen, die der Film anspielt, werden angesichts der Enthüllungen über den US-Geheimdienst NSA und seine Abhöraktionen immer bedeutsamer: Was ist der Wert eines Geheimnisses? Welche Anerkennung und welchen Schutz sollen Whistleblower genießen? Und welche Bedeutung hat es, ihre Information auf irgendeine Art journalistisch aufzubereiten?
Gegen Ende des Films, als sich alles auf die Veröffentlichung von Diplomatendepeschen und US-Regierungsunterlagen im Herbst 2010 und den damit verbundenen Bruch zwischen Assange und Domscheit-Berg zuspitzt, werden die Positionen dazu schön auf die Protagonisten verteilt. Da ist Assange, Vertreter der reinen Lehre, der alles ungeschwärzt veröffentlichen will. Und da sind Daniel Domscheit-Berg und die Redakteure von „Guardian“, „New York Times“ und „Spiegel“, die neben den Informanten auch die schützen wollen, die durch Veröffentlichungen in Gefahr geraten könnten.

Im Film wird diese Gefahr durch einen Nebenstrang der Handlung illustriert, in dem ein libyscher Informant der US-Regierung durch Wikileaks-Enthüllungen in Lebensgefahr gerät – ein Kunstgriff, mit dem der Film klar Stellung gegen Julian Assanges vermeintlichen Bekenntniswahn bezieht. Dass der am Ende – „Niemand sagt dir je die Wahrheit“ – genau diese Form suggestiver Geschichts- und Geschichtenschreibung anzweifeln darf, führt zu einer letzten großen Frage – welche Position im Diskurs über den Wert von Wahrheit und Lüge, der sich an Wikileaks entzündet hat, etwas zugleich so Wahres und Unwahres wie ein Film einnehmen kann. Das ist wirklich charmant.

OV im Cinestar im Sony-Center und Rollberg, OmU im Hackesche Höfe Kino

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