Im Kino: "Miss Hokusai" : An der Grenze zwischen Imagination und Wirklichkeit

Atemberaubendes Biopic aus Japan: „Miss Hokusai“ erzählt fantasievoll die Geschichte der Tochter des Malers Hokusai, die versucht aus dem Schatten ihres Vaters herauszutreten.

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O-Ei, Tochter des Hokusai
O-Ei, Tochter des HokusaiFoto: AV Visionen

So sieht Emanzipation im Japan des frühen 19. Jahrhundert aus: Das Mädchen O-Ei lebt bei seinem Vater in einer Bruchbude, zeichnet erotische Bilder und wehrt einfältige Verehrer ab. Lieber lässt sich O-Ei von Professionellen verführen, als Kompromisse zu schließen. Was eine autarke Künstlerin ausmacht, weiß sie zwar selbst nicht. Es mangelt, abgesehen von hochnäsigen Kurtisanen, in ihrer Zeit an Vorbildern. Aber immerhin der Vater, Japans legendärer Maler Hokusai, fungiert als Kompass – als einer der ein wenig heruntergekommenen Art.

Die Existenz einer Tochter Hokusais gilt als belegt, mit durchaus messbarem Anteil am kreativen Output des Nationalhelden, außerdem hat O-Ei unter eigenem Namen gearbeitet. Doch sonst sind die Quellen dürftig, historisch hat sie kaum Spuren hinterlassen. Umso fantasievoller gestaltet der japanische Regisseur Keiichi Hara das ungewöhnliche Biopic einer jungen Frau, die vor allem eines will: die eigene künstlerische Handschrift, um dem Vater ebenbürtig zu sein.

Was es dafür braucht, zeigt der aufwendige Animationsfilm „Miss Hokusai“ auf atemberaubende Weise. Kunstvoll verweben die Szenen Hokusais berühmteste Motive mit alltäglichen Impressionen aus Tokio, das um 1814 Edo hieß – ein Moloch jener Zeit. Eben noch paddelten O-Ei und ihre blinde Schwester in einem Boot auf dem stillen Fluss Sumida, da erhebt er sich plötzlich und wird zur blauschwarzen, schaumgekrönten Monsterwelle, wie sie der Künstler in seinem Farbholzschnitt „Die Große Welle vor Kanagawa“ festgehalten hat. Und als O-Ei eines Nachts endlich Drachen von der Qualität ihres Vaters gelingen, setzt ein Untier draußen Häuser in Brand.

Die Fantasie des Künstlers wird eins mit der Realität. Und nur wer über solche Kräfte verfügt, dass seine Drachen über Tokio kreisen und gemalte Teufel über Leben und Tod entscheiden, kann ein guter Künstler sein. Die Botschaft dieses zum Film gewordenen Mangas aus den 1980er Jahren, der O-Ei zu einem trotzigen Mädchen der Gegenwart macht, ist unübersehbar romantisch. Zugleich feiert er die Zeichenkunst – und jene Kreativen, die drei Jahre an den Filmfiguren gearbeitet haben. Zu Recht: Auch sie verwischen die Grenzen zwischen Imagination und Wirklichkeit.

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