Im Kino: "Morris aus Amerika" : Jung, schwarz, Außenseiter

Fernab einer Culture-Clash-Komödie erzählt „Morris aus Amerika“ vom Leben eines US-amerikanischen Teenagers, der in Deutschland ein neues Leben anfangen muss.

Fabian Wolff
Morris (Markees Christmas)
Er muss sich in Deutschland zurechtfinden: Morris (Markees Christmas)Foto: Lichtblick Media / Beachside Kopie

Jeder Teenager fühlt sich fremd in der Welt. Erst recht der schüchterne 13-jährige Morris: Gerade Halbwaise geworden, muss er sich als dicklicher schwarzer Junge aus den USA in Deutschland zurechtfinden. Sein Vater, ein Fußballtrainer, hat den Sohn nach Heidelberg mitgenommen. Das ist ordentlich Seelenballast, aber der schlicht betitelte Film „Morris aus Amerika“ bringt Ordnung in diesen Wust zwischen Identitätssuche und frischem Trauma.

Hinzu kommt bei Morris (vielsagend stoisch: Markees Christmas) der alterstypische Hormonstau. Seine adoleszente Lust ist Motor fast jeder Szene – ob beim Beobachten von Ballettschülerinnen oder im Gespräch mit seiner Sprachlehrerin Inka (Carla Juri). Dieses Verlangen filmisch ernsthaft erfahrbar zu machen, ist immer riskant – es braucht die Perspektive des Protagonisten ebenso wie die Distanz zur dumpfen Teeniesex-Klamotte.

Hio-Hop aus den Neunzigern spielt große Rolle

Rick Famuyiwas ähnlich gelagerter Film „Dope“, Anfang des Jahres ins Kino gekommen, begegnete dem Problem vor allem dadurch, dass er die Objekte der Begierde des Helden volljährig machte. Mit „Morris aus Amerika“ verbindet ihn zudem mehr als das Alter und die Hautfarbe der Protagonisten. In beiden spielt schwarze Popkultur, vor allem Hip-Hop aus den Neunzigern, eine große Rolle. „Morris aus Amerika“ beginnt charmant damit, dass Vater Curtis (der als Komiker bekannte Craig Robinson mit großer Wärme und Traurigkeit) seinem Sohn den Song „Come Clean“ der Neunziger-Legende Jeru the Damaja nahebringen will. Morris findet den Track schlicht langweilig – und kriegt dafür prompt Hausarrest.

Der junge weiße Regisseur Chad Hartigan ist selbst Teil der Hip-Hop-Generation. Morris’ Ambition, selber zu rappen und seine Wut und Angst mit übertriebenen Prahlereien zu bekämpfen, sind Hartigans eigenen Rap-Versuchen nachempfunden. Diese kulturelle Durchlässigkeit der Grenze zwischen Schwarz und Weiß gibt es in Deutschland nicht. Auch wenn hierzulande niemand „Morris aus Amerika“ für eine Doku halten dürfte, hat Hartigan einige realitätsgesättigte Feinheiten eingefangen. So zeigt er etwa, wie offen weiße deutsche Jugendliche ihren Rassismus mit Ironie verbrämen.

„Morris aus Amerika“ erzählt, fernab einer Culture-Clash-Komödie, von unterschwelliger Bedrohung. In jedem 13-Jährigen – gerade jenen mit Rap im Kopf und „Taxi Driver“-Postern an der Wand – steckt Frustration, also Gewaltpotenzial. Hartigan macht dieses volatile Element, geschult an großen Namen wie Scorsese, Tarantino und Haneke, zum Kern seines Films. Immerhin endet er nicht mit einem Blutbad, sondern mit einer enttäuschten Liebe. Aber macht das in dem Alter einen Unterschied?

Kulturbrauerei, Moviemento, Zukunft

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