Im Kino: "Nebel im August" : Einer von zweihunderttausend

Gewalt und Fürsorge: Kai Wessels Film „Nebel im August“ schildert den Alltag in einer NS-Euthanasieanstalt - in schaurig schönen, grausamen Bildern.

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Der Arzt und sein Opfer. Sebastian Koch (r.) als Doktor Veithausen und Ivo Pietzcker als Ernst Lossa.
Der Arzt und sein Opfer. Sebastian Koch (r.) als Doktor Veithausen und Ivo Pietzcker als Ernst Lossa.Foto: Studiocanal/dpa

Neuere deutsche Spielfilme über dunkle Kapitel deutscher Geschichte stehen schnell im Verdacht, vor allem pädagogisch gemeint zu sein: flankiert von entsprechend sekundärliterarischen Handreichungen für Lehrer, sind sie bestens geeignet, via staatsbürgerlich wertvollem Massenbesuch durch Schulklassen zu sogenannten Kinohits aufzusteigen. Verfügen sie über einen gewissen künstlerischen Veredelungsanspruch und sind sie auch noch sorgfältig gemacht, steht auch einer Filmpreiskarriere bis rauf zu den Oscars („Nirgendwo in Afrika“, „Das Leben der Anderen“) nichts im Wege.

Für „Nebel im August“, Kai Wessels Film über das bis in die mittlere Nachkriegszeit tabuisierte Thema Euthanasie, sind die Oscar-Chancen für 2017 allerdings schon dahin. Für Deutschland geht Maren Ades ausnahmsweise unhistorischer Überflieger „Toni Erdmann“ ins Rennen, und auch den populären Umweg über Österreich – der Film wurde teils in Österreich mit heimischem Koproduzenten gedreht – versperrt bereits Maria Schraders „Vor der Morgenröte“. Bleibt „Nebel im August“ hierzulande wohl vor allem die Sichtungskarriere ab 10. Klasse aufwärts. Nur funktioniert der Film, Überraschung in dem Genre, auch ohne all diese Nebenerwägungen ganz ausgezeichnet.

Exakt recherchiert, beruht „Nebel im August“ auf dem konkreten Fall eines jener 200 000 Opfer, die von den Nazis wegen ihres – perfide bürokratische Vokabel – „lebensunwerten Lebens“ vergast, vergiftet oder zu Tode ausgehungert wurden: Ernst Lossa, Sohn eines fahrenden Händlers und wegen fortgesetzter Unbotmäßigkeit von Erziehungsheim zu Erziehungsheim und schließlich mit dem Etikett „Zigeuner“ an die Psychiatrie weitergereicht, war knapp 15, als er am 9. August 1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren ermordet wurde.

Die Anweisungen kamen aus Berlin

Michael von Cranach, 1980 zum Leiter des Bezirkskrankenhauses von Kaufbeuren berufen, stieß bei seinen Nachforschungen über die verdrängte Geschichte der Klinik auf Dokumente über seinen fernen Vorgänger Walter Faltlhauser. Wie zahllose Ärzte in der Nazizeit ließ Faltlhauser – Anweisung aus Berlin! – seine Patienten ab Anfang der vierziger Jahre im eigenen Krankenhaus töten; schließlich war die zentrale Vergasung der körperlich, geistig und sonst wie Ausgegrenzten in nur sechs Städten des „Reichs“ ruchbar geworden und hatte für Unruhe gesorgt.

„Nebel im August“ nun stellt nicht etwa die historische Figur jenes Arztes dar, der nach dem Krieg wegen „Beihilfe zum Totschlag in minder bedeutenden Fällen“ zu drei Jahren Haft verurteilt, dann aber vom bayerischen Justizminister begnadigt worden war. Sondern er erfindet, in der sardonisch sanften Verkörperung durch Sebastian Koch, irgendwo im hübschen Süddeutschland einen Walter Veithausen, der sich von seinen kindlichen Patienten gern „Onkel Walter“ nennen lässt, sofern er nicht gerade seine interne Tötungsliste im Direktorenzimmer abarbeitet.

Zwölfjähriger Ivo Pietzcker mit eindringlichem Spiel

Auch Jahreszahlen-Inserts fehlen in „Nebel im August“, ebenso Hakenkreuze oder anderweitige Nazi-Symbole; wohl aber hängen Kruzifixe in den Krankenzimmern, in denen der humpelnde Pfleger Hechtle (Thomas Schubert als fantastisch zwischen Unterwerfung und Resthumanitätsimpulsen hin- und hergerissener Subalterner) und die Krankenschwester Edith (Henriette Confurius als schaurig schöner Todesengel) die Mordbefehle ausführen. Nur die Ordensschwester Sophie (ebenso großartig präzis besetzt: Fritzi Haberlandt) wechselt die Seite, als sie Zeugin des vorsätzlichen Tötens wird – und findet in dem mutigen Jungen Ernst Lossa einen Verbündeten.

Es ist ein sommersonniges, nur sehr ungefähr vergangenes Deutschland mit allen idyllischen Insignien von Heimat, in dem diese Todesmanufaktur hinter barocken Backsteinmauern in Kai Wessels Film immer perfekter Gestalt annimmt. Und der zum Zeitpunkt der Dreharbeiten zwölfjährige Ivo Pietzcker, der schon als mutterseelenverlassenes Kind in Edward Bergers Berlin-Film „Jack“ (2014) enorm Eindruck machte, zeigt sich mit seinem so eindringlichen wie minimalistischen Spiel der tonnenschweren Last auch dieses filmischen Geschehens gewachsen. Ihm zur Seite: das Mädchen Nandl (Jule Hermann), Epileptikerin und zart vitale Hoffnungsträgerin bis in einen wild zitternden, vibrierenden Schluss hinein.

Der Terror tritt leise auf

Für die Produzenten war von Anfang an offenbar vor allem klar, was für einen Film sie mit „Nebel im August“ nicht drehen wollten: keinen „weiteren Nazifilm“, keinen Film „aus der Täterperspektive“ und zugleich keinen Film, der seine Zuschauer bloß in Verzweiflung stürzt. Und tatsächlich, all das ist ihnen gelungen, noch dazu, ohne in die gegenteiligen Fallen zu tappen: Beschönigung, Verharmlosung, Enthistorisierung.

So entwirft „Nebel im August“ einen Alltag, in dem Fürsorge und Gewalt nur durch eine dünne Milchglastür voneinander getrennt sind. Wobei der institutionelle Terror es sich leisten kann, leise aufzutreten und die Tötungen kultiviert als „Erlösung“ zu verschleiern: keine Euthanasie ohne Euphemismus. Das ist zeitlich klar situiert und als Studie über totalitäre Unterdrückungssysteme zugleich zeitlos. Immer bleibt der anderen Seite nur die Flucht bis zum nächsten Hindernis – oder eine derart von Angst überwölbte Rebellion, dass sie eher einer Implosion gleichzukommen scheint.

Leuchtende Szenerien

Es gibt Augenblicke zum Aufatmen in diesem Film: Sie sind, so schlicht sei es gesagt, schön. Und die Musik – Martin Todsharow komponierte sie für einen Flügel, dessen Saiten mit Vibrafonschlägeln bearbeitet werden – tönt mitunter so zart, dass sie in der Spannung zu den Bildern erst recht schmerzt. Auch die leuchtenden Szenerien des Kameramanns Hagen Bogdanski („Die Unberührbare“, „Das Leben der Anderen“) lassen immer wieder an jahrzehntelang versunkene Sommerlandverschickungen denken. Alles feine Absicht. Wie Fermaten wirken sie in einem Geschehen, das unaufhaltsam voranschreitet, scheußlich souverän und ohne jede Eile.

Und der Nebel im August? Vielleicht einmal nachts, ein Dunst nur: Ernst und Nandl stehlen sich davon bis zum nächsten Weiher, kapern einen Kahn, und ein paar Ruderschläge lang dürfen sie träumen. Alles andere so scheinbar Abstrakte in diesem Film – Verantwortung, Schuld, Mitschuld, Duckmäusertum, Willfährigkeit, Karrierismus, Sadismus, Barmherzigkeit, Mut und Wut – bleibt davon unberührt. Klar liegt es zutage, glasklar bis auf den Grund.

In Berlin ab Donnerstag im b-ware! Ladenkino, Bundesplatz-Kino, Filmkunst 66, Kino in der Kulturbrauerei, Colosseum

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