Im Kino: "Nocturnal Animals" : Mein Leben, aufgeblättert

Brutalität und Beherrschtheit: Tom Fords verstörend starker Psychothriller „Nocturnal Animals“, mit Amy Adams und Jake Gyllenhaal.

Von Julia Dettke
Lost Highway. Jake Gyllenhaal (Mitte) spielt eine Doppelrolle: als Schriftsteller und dessen Romanfigur.
Lost Highway. Jake Gyllenhaal (Mitte) spielt eine Doppelrolle: als Schriftsteller und dessen Romanfigur.Foto: Universal

Eine dunkle Landstraße kann sehr unheimlich sein. Wenn da nur zwei Autos sind, jedenfalls: das eigene und ein fremdes. In dem fremden sitzen ein paar Kerle, die lachen und feixen und provozieren. Sie versuchen, einen von der Straße abzudrängen. Es ist schwer einzuschätzen, zu was sie fähig sind. Bis sie wirklich zu allem fähig sind.

Eine helle Kunstgalerie kann sehr unheimlich sein. Selbst dann, wenn es die eigene ist. Wenn die Lichter zu grell und die Gesichter der Menschenmenge verzerrt sind. Eine bizarre Performance wird gezeigt. Zu der wird einem zwar hinterher gratuliert, doch sie hat nichts mit einem zu tun, ebenso wenig wie die Gespräche. Glatte Oberflächen, formvollendete Einsamkeit.

Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich die Geschichte von „Nocturnal Animals“: unglaubliche Brutalität auf der einen, unglaubliche Beherrschtheit auf der anderen Seite. Glatte Oberflächen, blutige Oberflächen. Bei Susan (Amy Adams) finden sie zusammen: Susan, die ein Romanmanuskript liest. Einen Roman, der viel mit ihr selbst zu tun hat.

Susan ist eine sehr erfolgreiche, sehr unglückliche Galeristin in Los Angeles. Sie hat viel Geld, lebt in einer lieblosen Ehe, hat starke Schlafstörungen. Als „Nocturnal Animal“ bezeichnet sie sich deshalb einmal gegenüber ihrer Assistentin und sagt dazu: „So hat mich mein Ex-Mann immer genannt.“ Es ist dieser Ex-Mann, Edward (Jake Gyllenhaal), der ihr das Manuskript geschickt hat: einen Roman mit dem Titel „Nocturnal Animals“. Daraus stammt die bedrohliche Landstraßenszene. Susan liest gebannt, sie ist verstört und fasziniert zugleich. Die Geschehnisse des Buches sieht sie als lebendige Szenen vor sich – und die Zuschauer mit ihr: ein Film im Film, in dem der Mann ebenfalls von Jake Gyllenhaal gespielt wird.

"Menschen, die einem wichtig sind, sind das einzige, was wirklich zählt im Leben"

Die Rohheit dessen, was da im Roman in Texas geschieht, steht im krassen Gegensatz zu Susans geordneter Lebenswelt. Aber von ihr geht auch eine Lebendigkeit aus, die sie wachrüttelt. Und sie sieht: Edward kann ja wirklich schreiben! Und er schreibt noch immer über sie, für sie. Eine Gewaltfantasie ist es, und, das wird allerdings erst später klar, auch eine Rachefantasie.

Vor vielen Jahren hatte Susan ihn, wie sie selbst sagt, „auf brutale Weise verlassen“. Er, der erfolglose Schriftsteller, war ihr, der karriereorientierten Tochter aus gutem Hause, nicht zielstrebig genug. Eine Entscheidung gegen die Liebe, für die materielle Sicherheit. Eine Entscheidung, die sie immer mehr bereut.

„Man darf die Menschen, die einem wirklich wichtig sind, nicht als selbstverständlich betrachten, und nicht leichtfertig wegstoßen. Sie sind das Einzige, was letztlich wirklich zählt im Leben“, sagt Regisseur Tom Ford. Dieser Konflikt hat ihn an dem 1993 erschienen Roman „Tony and Susan“ von Austin Wright vor allem interessiert: „Susan, das bin ich. Ich kenne diese Glamourwelt, in der sie lebt, und auch die Gefahr, sich darin zu verlieren.“

Es ist Tom Fords zweiter Spielfilm, in Venedig hat er den Großen Preis der Jury gewonnen. Sieben Jahre sind seit seinem gefeierten Debüt „A Single Man“ vergangen, der den bekannten Modedesigner mit einem Schlag auch zum bekannten Filmregisseur machte. Immer wieder muss er sich allerdings den Vorwurf gefallen lassen, auch in seinen Filmen vor allem auf Äußerlichkeiten zu achten, die Ästhetik über den Gehalt zu stellen. „Wäre ich nicht als Modedesigner bekannt, käme niemand auf die Idee, mir das vorzuwerfen“, stellt der 1961 in Austin, Texas, geborene Regisseur fest. In der Tat ist dieser Vorwurf bei seinem neuen Film besonders absurd. Denn Leere und Kälte sind ja genau das, wovon „Nocturnal Animals“ erzählt. Die Überästhetisierung ist dabei ein zentrales Stilmittel.

Rote Adern, weiße Haut

Amy Adams und Jake Gyllenhaal in den Hauptrollen sind dafür die ideale Besetzung. Die vielen unterdrückten Gefühlsregungen in Adams’ stark überschminktem Gesicht, ihr rotes, langes Haar, das perfekt geglättet als zusätzlicher Schutz davorhängt. Wenn sich ihre Augen mit Tränen füllen, stehen die roten Adern im krassen Kontrast zu dem Weiß ihrer Haut. Und Jake Gyllenhaal, der den Schriftsteller mit einem Höchstmaß an Verletzlichkeit verkörpert, beweist sich ein weiteres Mal als großer Charakterschauspieler.

„Nocturnal Animals“ ist ein verstörender Film, irgendwo zwischen David Lynch und „Funny Games“. Und er ist auch schön, auf eine merkwürdige Weise. Weniger wegen der glamourösen, durchkomponierten Bilder. Sondern, weil er davon erzählt, worauf man aufpassen sollte im Leben.

„Ich will, dass die Zuschauer das Kino verlassen und über ihre eigenen Lebensentscheidungen nachdenken“, sagt Regisseur Tom Ford. Es geht um ein verpasstes Leben, um viele kaputte, verpasste Leben. Um Verlust. „Nocturnal Animals“ ist deshalb auch kein zynisches Werk: Dafür sind die Verletzungen viel zu deutlich spürbar. Und solange der Verlust noch spürbar ist, ist man nicht tot. Solange es wehtut, ist nicht alles zu Ende, sagt dieser Film.

In zehn Berliner Kinos; OmU: Babylon Kreuzberg, Hackesche Höfe, International, Kino in der Kulturbrauerei, Neues Off, Odeon, OV: Cinestar Sony Center

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