Im Kino: „Nur Fliegen ist schöner“ : Klamauk und Nostalgie

Regisseur Bruno Podalydès inszeniert und spielt in seiner Sommerkomödie „Nur Fliegen ist schöner“ den Mann in der Krise. Der flüchtet auf einem Kajak vor der Komplexität der Moderne.

Julia Dettke
Picknick für zwei. Die Ehe von Rachelle (Sandrine Kiberlain) und Michel (Bruno Podalydès) scheint noch ganz in Ordnung zu sein. Dennoch drängt es Michel, mit dem Kajak auf Reisen zu gehen.
Picknick für zwei. Die Ehe von Rachelle (Sandrine Kiberlain) und Michel (Bruno Podalydès) scheint noch ganz in Ordnung zu sein....Foto: Prokino/dpa

Kajakfahren ist nicht irgendeine Fortbewegungsart. Man gleitet mehr, als dass man fährt, schlingert mehr, als dass man steuert. Hat den Blick immer auf die nächsten paar Meter vor sich gerichtet statt weit in die Zukunft. Verfängt sich leicht mal in den Büschen am Ufer. Beim Kajakfahren ergibt man sich dem Lauf des Flusses.

Kajakfahren, das ist auch die perfekte Metapher für ungewisse Phasen des Lebens, für Sinnsuche und die Sehnsucht nach Offenheit. So jedenfalls sieht es Bruno Podalydès in seinem Film „Nur Fliegen ist schöner“, in dem er die Hauptfigur Michel (vom Regisseur selber gespielt) das Kajakfahren entdecken lässt – und damit auch das Sich-Treiben-Lassen.

Auslöser ist eine Sinnkrise, in die Michel um seinen 50. Geburtstag herum gerät: Die Überraschungsparty, die seine Frau Rachelle (Sandrine Kiberlain) für ihn organisiert hat, macht ihm kaum Freude und obwohl die Ehe der beiden noch ganz in Ordnung zu sein scheint, verbringen sie ihre Abende meistens vor dem Fernseher, jeder noch mit einem Tablet in der Hand. Auch seinem Beruf als Grafikdesigner fühlt sich Michel mehr und mehr entfremdet, seit ein Großteil der Arbeit digital stattfindet. Und so ist das Holzkajak zum Selbstzusammenbauen, das er eines Abends in der Werbung sieht und aus einer Laune heraus sofort bestellt, genau das Richtige für ihn, macht es ihm doch Hoffnung auf eine echte, analoge und sinnliche Erfahrung.

Die Geschlechterrollen sind rückschrittlich

Michel macht sich also auf die Reise, ohne Expertise oder Erfahrung oder besonders viel Ehrgeiz, die geplante Route auch tatsächlich einzuhalten. Gleich am ersten Tag strandet er in einer Gaststätte unweit des Flussufers. Was sich als nicht gerade unangenehm erweist, denn dort nehmen sich gleich zwei verführerische Frauen fürsorglich seiner an: die junge Mila (Vimala Pons) und die reife Laëtitia (Agnès Jaoui). Seiner Frau schickt Michel währenddessen Smartphone-Fotos angeblich bereister Orte – und schiebt seine Weiterfahrt in Wahrheit jeden Tag wieder auf.

„Nur Fliegen ist schöner“ heißt im Original „Comme un avion“, nach einem französischen Schlager der achtziger Jahre. Tatsächlich ist der Film zutiefst nostalgisch: Auf dem Land, am Wasser, bei den guten, einfachen Menschen, die Kuchen backen und Wäsche aufhängen, findet der Mensch wieder zu sich selbst. Die Bilder auf dem Smartphone lügen, die warme Honigmilch niemals. Das Zeltdach schützt besser vor der Kälte als das durchtechnisierte Eigenheim. Wer würde sie nicht verstehen, diese Sehnsucht nach dem Greifbaren, Handwerklichen, Authentischen? Warum nicht mal ein bisschen französische Nostalgie?

Dummerweise geht sie mit einer bedenklichen Rückschrittlichkeit einher, die sich vor allem in den Geschlechterrollen zeigt und einem nach einer Weile ziemlich auf die Nerven geht. Der verantwortungslos-verwirrte Mann in der Midlife-Crisis als Heldenfigur, dem alle Frauen alles verzeihen, solange sie sich nur hingebungsvoll um ihn kümmern dürfen – vraiment?

Der Zuschauer wird mit Slapstick überschüttet

So ganz ernst meint der Film das alles aber selbst nicht. Podalydès wollte eine Komödie drehen und keine komplexe Charakterstudie. Aber er übertreibt es mit seinem Hang zum Klamauk: So früh wird man als Zuschauer mit Slapstickszenen überschüttet, dass sich kaum eine Atmosphäre entwickeln kann, geschweige denn eine Beziehung zu den Figuren. „Comme un avion“ bleibt zwischen Albernheit und Melancholie stecken und findet nicht wieder hinaus. Ist man aber bereit, ein paar Holprigkeiten und Plattitüden in Kauf zu nehmen, dann belohnt einen diese französische Sommerkomödie immerhin mit ein paar verträumt-schönen Bildern.

In neun Berliner Kinos. OmU im Babylon Kreuzberg, Cinema Paris und Hackesche Höfe

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