Im Kino: „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ : Ganz schön desorientiert

Doku-Fiktion und Milieufilm: In „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ begeben sich zwei Frauen auf eine Reise nach Griechenland - und entdecken einen Friedhof für Geflüchtete.

Friederike Horstmann
Unterwegs in Griechenlands trübem Norden. Szene aus "Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen".
Unterwegs in Griechenlands trübem Norden. Szene aus "Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen".Foto: Grandfilm

Auf einer Recherchereise zu den Themen Außengrenzen, Migration und Sicherheitspolitik trifft die deutsche Journalistin Lena (Nina Kronjäger) im Nordosten Griechenlands auf die Flüchtlingsaktivistin Amy (Anna Schmidt). Programmatisch ist der Himmel in „Orientierungslosigkeit ist kein Verbrechen“ von einer trüben Wolkendecke verhangen, das Farbspektrum changiert zwischen Grau-, Grün- und Brauntönen.

Absichtsvoll verzichtet das fragmentarische Roadmovie der Regisseurinnen Marita Neher und Tatjana Turanskyj auf konventionelle Erzählformen und driftet zwischen Inszenierung und Improvisation, Fiktion und Dokumentation. Ständig wechseln die erzählerischen Register: von minutenlangen, schweigsamen Autofahrten durch eine strukturschwache Peripherie bis hin zu überdeutlich zugespitzten Streitgesprächen.

Die Verweigerungshaltung artikuliert sich auch in der Figurenzeichnung. Die Protagonistinnen sind schematisch angelegt. Ihre Berufe wirken eher wie Behauptungen, die Outfits wie ein Gesinnungstextil: distanziert die Journalistin im schwarzen Trenchcoat, betont unangepasst die Aktivisten im unförmigen Oversize-Parka mit dem plakativen Slogan „Ignorance kills“.

Die aufdringliche Vermittlung von politischen Hintergrundinformationen erklärt sich aus dem Dreh, der 2014 – noch vor Angela Merkels „Wir schaffen das“ – stattfand. Die Figuren werden zu Trägerinnen von Haltungen und Ideen degradiert. Auf dem Karussell eines Kinderspielplatzes debattieren sie, die sich im Kreis drehende Diskussion legt Widersprüche und soziale Privilegien angesichts der humanitären Katastrophe frei. Die Reise der Journalistin ist sowohl touristisch als auch journalistisch motiviert. Ihre unbeholfene Sprache kann die politische Ahnungslosigkeit kaum verbergen. Auf einem hinter Gittern abgesperrten Brachland stoßen die beiden Frauen auf einen Friedhof für Geflüchtete. Ein Ort der Namenlosen. Die geflüchteten Menschen bleiben im Film unsichtbar.

Der Mut der Regisseurinnen zu einer fragilen Form lässt Gewissheiten hinter sich, bietet jedoch kaum Antworten. Ihr Milieufilm ist nicht nur Darstellung, sondern selbst Symptom einer Orientierungslosigkeit.

Sputnik am Südstern und Kino Zukunft

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